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Iran: US-Politologin in politischer Geiselhaft

Seit Jahren setzt sich Haleh Esfandiari in den USA für einen Dialog mit dem Iran ein. Bei ihrem letzten Iran-Aufenthalt wurde sie verhaftet und seitdem im Land festgehalten. Der Vorwurf: sie plane den Umsturz des Regimes.

Von Katja Gloger, Washington

Sie war, wie jedes Jahr, nach Teheran gereist, um ihre Mutter zu besuchen, die mittlerweile 93 Jahre alt ist. Am 30. Dezember wollte Haleh Esfandiari nach Washington zurückkehren, dorthin, wo sie seit Jahrzehnten lebt. Doch auf dem Weg zum Flughafen wurde ihr Taxi gestoppt. Drei maskierte, mit Messern bewaffnete Männer entwendeten ihre Handtasche, in dem sich ihre beiden Pässe befanden - ein iranischer und ein amerikanischer.

In den folgenden sechs Wochen stand Haleh Esfandiari faktisch unter Hausarrest. Immer wieder musste sie sich immer wieder zu so genannten "Interviews" einfinden. Mal fanden sie im Passamt statt, mal in anderen Büros. Es waren Verhöre durch Agenten des iranischen Geheimdienstes, insgesamt 50 Stunden lang. Man wollte ein Geständnis von ihr. Ein Geständnis, dass die zierliche 67-jährige Großmutter eine Revolution im Iran plant, den Umsturz des Regimes organisieren will. Es sind absurde Vorwürfe, und jeder weiß es.

Esfandiari wurde in das berüchtigte Evin Gefängnis eingeliefert

Denn Haleh Esfandiari arbeitet am Woodrow Wilson Institut in Washington, einem der renommiertesten politischen Forschungsinstitute der USA. Dessen Direktor, der ehemalige Kongressabgeordnete Lee Hamilton, gilt als moralische Autorität. Er war einer der beiden Vorsitzenden der Irak-Kommission, die direkte Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran empfahl. Seit rund zehn Jahren leitet Haleh Esfandiari die Nahostabteilung des Instituts. Sie organisiert Seminare, Diskussionsrunden, Vorträge. Sie lud Regimekritiker, aber immer wieder auch Vertreter der iranischen Regierung ein. Sie setzte sich besonders für Frauenrechte ein.

Am 7. Mai wurde Haleh Esfandiari erneut ins iranische Ministerium für Staatssicherheit bestellt. Sie wurde verhaftet und in das berüchtigte Evin Gefängnis eingeliefert. Dort sitzt sie im berüchtigten Gebäude 208 offenbar in Einzelhaft. In einer offiziellen Erklärung, die im staatlichen Fernsehen verlesen wurde, werden ihr "Verbrechen gegen die nationale Sicherheit" vorgeworfen.

Angst vor politischer Geiselnahme

Jetzt telefonieren in Teheran Dutzende Wissenschaftler und Intellektuelle mit Kontakten in den Westen jeden Tag miteinander. So versichern sie einander, dass sie noch "draußen" sind. Sie haben Angst vor politischer Geiselnahme. So wurde der ehemalige iranische Botschafter in Deutschland Hossein Mousavian unlängst wegen angeblicher Spionage verhaftet und nur gegen Kaution auf freien Fuß gesetzt. Und eine Journalistin des US-finanzierten Radiosenders Farda darf das Land seit Januar nicht verlassen. Ihr Pass wurde konfisziert. Es ist, als wolle Präsident Mahmoud Achmadinejad alle Kontakte nach Amerika unterbinden.

Die wirtschaftliche Lage im Land ist schlecht, gerade wurde der Benzinpreis über Nacht um 25 Prozent erhöht. Die Menschen murren. Da helfen dem Regime angebliche "Feinde", zumal solche, die aus dem Ausland kommen. Da scheint ein ebenso fundamentalistischer wie populistischer Präsident entschlossen, im Namen der nationalen Einheit jede mögliche Opposition zu unterdrücken - ganz im Sinne des religiösen Führers Ayatollah Ali Khamenei, der sein Volk erst vor kurzem aufrief, der "psychologischen Kriegsführung" des Westens zu widerstehen. Außenpolitische Eskalation scheint dabei durchaus kalkuliert - denn natürlich geht es vor allem gegen die USA.

Die amerikanische Einmischung schürt das Misstrauen

Schließlich hatte US-Präsident Bush noch Anfang des Jahres den Iran als gefährlichste Bedrohung der USA gegeißelt. Schließlich hatte er 75 Millionen Dollar für "regime change" im Iran zur Verfügung gestellt. Das Meiste davon wird für Radio- und Fernsehprogramme ausgegeben, doch ein Teil der Programme wird nicht offen gelegt. "Natürlich nährt die amerikanische Einmischung in die inneren Angelegenheiten des Iran Misstrauen und Verdächtigungen", sagte der iranische Bürgerrechtler Emadeddine Baghi der "Financial Times".

Dabei konnten die Befürworter einer diplomatischen Lösung des Konfliktes mit Teheran in den vergangenen Wochen einige kleine Siege melden. So tauschte Außenministerin Condoleezza Rice während der jüngsten Irak-Konferenz mit ihrem iranischen Kollegen Manouchehr Mottaki sogar nette "Höflichkeiten" aus. Und für den 27. Mai sind weitere Gespräche zwischen dem Iran und den USA in Bagdad geplant - über die Sicherheitslage im Irak.

Experten rätseln über die wahren Hintergründe der Verhaftung von Haleh Esfandiari. Will Präsident Mahmoud Achmadinejad jetzt jede weitere Annäherung zwischen den USA und dem Iran unterbinden - so wie alle Hardliner seit der Islamischen Revolution 1979? Möchte er sich im Machtkampf mit moderateren Reformern durchsetzen und beweisen, wie mächtig der Iran in der Region ist - so wie neulich bei der Entführung und großzügigen "Freilassung" der britischen Matrosen? Vielleicht möchte er auch nur ein Geschäft machen - schließlich hatte das US-Militär im Januar dieses Jahres fünf angebliche iranische Diplomaten im Irak verhaftet.

Doch er liefert Munition für die Hardliner in Washington. Für all'die im Büro des US-Vizepräsidenten Richard Cheney etwa, die glauben, dass man mit dem Regime in Teheran ohnehin nicht verhandeln kann. Und hatte Teheran vergangene Woche nicht stolz weitere Erfolge bei der Entwicklung des iranischen Nuklearprogramms gemeldet? Für die Gegner einer Annäherung ist das nur ein weiteres Argument, dass noch nicht einmal Sanktionen das Mullah-Regime bändigen können.

Für Haleh Esfandiaris Freilassung setzen sich mittlerweile hochrangige Politiker wie Hillary Clinton, Barack Obama und Condoleezza Rice ein. Die iranische Friedensnobelpreisträgerin und Rechtsanwältin Shirin Ebadi möchte die Inhaftierte verteidigen. Bislang ohne Erfolg - jede Kontaktaufnahme wurde verweigert.