Terrormiliz Islamischer Staat Wie ein 14-jähriger Attentäter dem IS entkam


IS-Dschihadisten setzen auch Kinder und Jugendliche als Selbstmordattentäter ein. Ein 14-Jähriger hat die Extremisten ausgetrickst und ein Blutbad verhindert.
Von Matthias Kahrs

Zuerst geriet Usaid Barho in die Fänge der Terrormiliz Islamischer Staat, dann wurde der 14-Jährige zu einem hoffnungsvollen Beispiel dafür, dass der Einfluss der Extremisten auf Menschen nur begrenzt ist. Der syrische Junge sollte sich für den IS in einer schiitischen Moschee in die Luft sprengen und möglichst viele Menschen mit in den Tod reißen. Doch er rettete sich und den Gläubigen das Leben, indem er sich stellte. Usaid ist einer der ersten Fälle eines IS-Kindersoldaten, der zum Überläufer wurde.

Die "New York Times" hat die Geschichte des 14-Jährigen aufgeschrieben. Demnach wurde Usaid von sunnitischen Extremisten einer Moschee in seiner Heimatstadt Manbij rekrutiert. "Ich glaube an den Islam", sagt er. Deshalb habe er sich der Gruppe freiwillig angeschlossen. Ihm sei eingeredet worden, dass Schiiten Ungläubige seien, die getötet werden müssten. Die Dschihadisten sagten, Schiiten würden Usaids Mutter vergewaltigen, wenn er nicht gegen sie kämpfen würde.

"Ich glaube an den Islam"

Bald fand sich der Junge, der früher Fußball, Filme von Jackie Chan und die libanesische Pop-Sängerin Nancy Ajram mochte, im Irak wieder - und ihm kamen Bedenken, Teil der terroristischen Gruppe zu sein. Denn, so der Junge, er sei gezwungen worden, Exekutionsvideos zu sehen und Steinigungen beizuwohnen.

Zahlreiche Kinder wurden bereits in Kämpfen getötet oder gezielt exekutiert. Junge Mädchen aus ethnischen Minderheiten wurden als Sex-Sklavinnen gefangen gehalten oder verkauft. Viele Jungen mussten mit Gewehren Wache stehen oder in der Nachbarschaft patrouillieren. Einige wurden als Selbstmordattentäter angeworben, sagt Usaid. Da habe er an Flucht gedacht.

"Es ist Zeit, deine Weste anzuziehen"

Seine Idee war ein riskantes Täuschungsmanöver. Er meldete sich als Sprengstoffattentäter, um sich dann Sicherheitskräften zu ergeben. "Wenn ich ein Kämpfer wäre und versuchen würde, mich den Sicherheitskräften zu ergeben, könnten sie mich wegen der Waffe in meiner Hand töten", wird Usaid zitiert. Schließlich sei er mit einem deutschen Freiwilligen nach Bagdad geschickt worden. In Falludscha habe er eine Woche warten müssen, dann erreichte Usaid die irakische Hauptstadt.

"Wach auf, wach auf, es ist Zeit, deine Weste anzuziehen", wurde ihm gesagt. Das Ziel war eine schiitische Moschee im Stadtteil Bayaa. In der Abenddämmerung sei Usaid zum Tor des Gebäudes gelaufen und habe sich mit geöffneter Jacke an die Sicherheitskräfte gewandt: "Ich habe einen Sprengstoffgürtel, aber ich will nicht sterben."

Ein YouTube-Video eines Passanten zeigt die dramatische Szene, in der ein Zivilpolizist den tödlichen Gürtel entfernt. "Es gab keinen Widerstand", sagt der Beamte in einem Video des irakischen Fernsehens. "Wir nahmen seine Hände hoch und legten ihm Handschellen an." Usaid bekam Angst und fragte: "Wollt ihr mich töten?" Doch die Maßnahme diente nur der Sicherheit.

"Usaid hat Leben gerettet"

Seine Vernunft hat Usaids Leben und das vieler anderer Menschen gerettet. Doch was nun mit ihm geschieht, ist unklar. Er wolle zurück zu seiner Familie nach Syrien, heißt es, aber die irakischen Behörden haben nicht versucht, sie zu kontaktieren. Der Geheimdienst wolle den Fall zunächst weiter untersuchen.

"Wir waren vor dem Krieg eine normale Familie. Es war einfach ein normales Leben", so Usaid. Ob er eine Chance hat, in dieses Leben zurückzukehren, hängt davon ab, wie sein Fall bewertet wird: als der eines Terroristen oder eines ausgenutzten Kindes. Saad Maan, Sprecher des irakischen Innenministeriums, beschrieb Usaid schon als ein Opfer des Islamischen Staates. Auch ein Geheimdienstoffizier sagte, er und seine Kollegen würden eine Strafverfolgung ablehnen. "Selbst wenn er vor Gericht kommt, wären wir auf seiner Seite, denn er hat Leben gerettet."


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