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Die Terrormiliz im Überblick: Wer ist der Islamische Staat und was will er?

Bedrohlich die schwarze Flagge, abscheulich die Brutalität - der Islamische Staat verbreitet Angst und Schrecken. Wer sind die Islamisten? Die wichtigsten Fakten im Steckbrief.

Von Niels Kruse (Text) und Patrick Rösing (Grafik)

Sie beherrschen Teile des Iraks und Syriens, sie verüben Anschläge auf Passagierjets und Franzosen, die ihren Feierabend beim Fußball, in Cafés und Konzerten verbringen. Wer ist der Islamische Staat, der den Nahen Osten umkrempelt? Wer ist ihr Anführer, der gebürtige Iraker Abu Bakr al Baghdadi, der selbsternannte "Kalif Ibrahim", den sie auch "unsichtbarer Scheich" nennen? Was hat die unheilvolle, schwarze Fahne zu bedeuten und was ist eigentlich ein Kalifat?

Der so genannte "Islamische Staat"
Was ist der Islamische Staat?

Die Terrormiliz Islamischer Staat (IS) nannte sich früher Isis ("Islamischer Staat im Irak und Syrien") und wird im Arabischen und Französischen Daesh bezeichnet. Ziel der sunnitischen Kämpfer ist die Errichtung eines Kalifats oder Gottesstaates. Ursprünglich soll dies vom Irak bis zum Mittelmeer reichen, mittlerweile strebt die Organisation ganz offen die Weltherrschaft an. Relativ neu ist, dass der IS auch Anschläge auf "ausländische" Ziele wie in Paris verübt. Der selbsternannte "Kalif Ibrahim", besser bekannt als Abu Bakr al Baghdadi, gebietet je nach Quelle bis zu 50.000 Kämpfer - darunter schätzungsweise 700 Deutsche.

Wo herrscht der IS?
© Foto:stern
Wie herrscht der IS?

Unbarmherzig. Die Terrormiliz versucht eine vorgeblich "reine Form" des Islam durchzusetzen, wie sie zu Zeiten des historischen Kalifats üblich gewesen sein soll. Dazu schreckt sie auch nicht vor extremer Gewalt zurück. Die Regeln sehen unter anderem das Verbot von Alkohol, Drogen und Versammlungen vor. Der Erfolg des IS in Syrien und im Irak basiert zudem darauf, dass es ihm gelingt, Bündnisse mit lokalen Herrschern zu schmieden und eine Form von öffentlicher Sicherheit zu gewährleisten. Ehemalige IS-Kämpfer berichten von willkürlichem Terror innerhalb der Organisation.

Wen betrachtet der IS als Feind?

Im Grunde genommen jeden, der kein Sunnit nach ihrer Vorstellung ist. Der IS gilt selbst innerhalb radikalislamischer Bewegungen als (zu) extrem. Mit dem früheren Mutternetzwerk al Kaida hat sich "Kalif" Baghdadi zerstritten. Ihre ungezügelte Brutalität richtet sich gegen sämtliche "Ungläubige". Dazu zählen Christen und Jesiden vor allem aber Schiiten sowie Sunniten, die "Götzen anbeten", also etwa zu Wallfahrtsstätten pilgern. Der überwiegende Teil der muslimischen Rechtsgelehrten lehnt sowohl Ideologie als auch Vorgehen des IS als "unislamisch" ab.

Was unterscheidet Sunniten von Schiiten?

Wie im Christentum ist auch der Islam geteilt: Nach dem Tod des Propheten Mohammed im Jahr 632 spaltete sich die Gemeinschaft der Muslime in Sunniten und Schiiten. Die Sunniten sind mit 80 Prozent die größte Gemeinschaft. Der Hauptunterschied: Die Schiiten erkennen nur Nachkommen aus Mohammeds Familie an, die Sunniten auch ein Mitglied aus dem Stamm des Propheten. Der Großteil der islamischen Konflikte ist allerdings politisch motiviert. So ringt etwa der schiitische Iran seit Jahren mit dem sunnitischen Saudi-Arabien um die Vorherrschaft in der Golfregion. 

IS-Chef Abu Bakr al-Baghdadi
Wer ist IS-Chef al Baghdadi?

Es gibt nur wenige Bilder von ihm. Die, die es gibt, zeigen einen bärtigen, schwarzgewandeten Mann, der entfernt an Osama bin Laden erinnert. Details über Abu Bakr al Baghdadi, der sich "Kalif Ibrahim" nennt, sind nicht bekannt. Angeblich verbirgt er vor seinen Kämpfern sein Gesicht, was ihm den Namen "der unsichtbare Scheich" einbrachte. Er wurde 1971 im Irak geboren und saß vier Jahre lang in einem US-Gefangenenlager im Irak. Berichten zu Folge soll er im Frühjahr 2015 bei einem Luftschlag verletzt worden sein.

© Foto:DPA
Wie finanziert sich der IS?

Der Islamische Staat gilt mit einem Vermögen von mehreren Milliarden Dollar als reichste Terrorvereinigung weltweit. Lange haben sich die Terroristen mit Spenden aus Golfstaaten wie Katar über Wasser gehalten. Daneben erpressten sie im großen Stil Lösegelder von westlichen Staaten. Mit der Eroberung von Teilen des Irak und Syriens fielen dem IS auch Ölquellen, Banken und antike Kunstschätze in die Hände. Zudem sollen sie in ihrem Herrschaftsgebiet Kopfsteuern kassieren.

Was ist ein Kalifat?

Ein Kalif ist den meisten wohl aus der Märchensammlung 1001 Nacht bekannt. Gemeint ist damit ein Nachfolger des Propheten Mohammed. Lange nach dessen Tod wurde der Kalif zum "Stellvertreter Gottes auf Erden", der sich sowohl als Wahrer des islamischen Reichs und Religion sowie als Gesetzgeber und als weltlicher Wegweiser verstand. Zentrum des Kalifats war von 750 bis Mitte des 13. Jahrhunderts Bagdad - es war der Zeitraum, in der der Islam seine Blütezeit erlebte. 1924 löste die damalige türkische Regierung das letzte Kalifat auf.

Die Flagge des Islamischen Staats: Auch in dem bosnischen Dörfchen Osve wehen die Fahnen der Terrormiliz.
Was zeigt die IS-Flagge?

Die Fahne des Islamischen Staats ist schwarz mit weißen Schriftzeichen und verbreitet als Symbol ultrabrutaler Extremisten weltweit Schrecken. Auf Arabisch ist dort das muslimische Glaubensbekenntnis zu lesen: "Es gibt keine Gottheit außer Gott". Darunter prangt ein weißes Siegel mit den Worten "Gott – Prophet – Mohammed". Die genaue Herkunft der Fahne ist ungeklärt, angeblich soll sie in den 1950er-Jahren von Islamisten wiederentdeckt worden sein.

© Foto:STR/EPA


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