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Irak IS lässt mehr als 200 Jesiden frei


Da sie ihr offenbar zur Last gefallen ist, hat die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat im Irak 200 Jesiden freigelassen - vor allem ältere Menschen, Frauen, Kinder und psychisch Kranke.

Die Dschihadistenmiliz Islamischer Staat (IS) hat im Irak mehr als 200 Jesiden freigelassen. Zu den am Samstag nach Monaten in Gefangenschaft freigelassenen Mitgliedern der religiösen Minderheit zählten überwiegend ältere Menschen, außerdem Frauen, Kinder und psychisch Kranke. Der jesidische Aktivist Chodr Domli sprach von 350 freigelassenen Jesiden.

Die meisten Freigelassene berichteten, sie seien in der Nähe der vom IS im Juni 2014 eingenommenen zweitgrößten irakischen Stadt Mossul im Norden des Landes festgehalten worden. Die Dschihadisten ließen sie an der Front südwestlich der mehrheitlich von Kurden bewohnten Stadt Kirkuk frei. Dort wurden sie von kurdischen Peschmerga-Kämpfern und Behördenvertretern in Empfang genommen und in ein Gesundheitszentrum der Ortschaft Altun Kopri gebracht.

Der dort tätige Jesidenaktivist Domli sagte, unter den Freigelassenen gebe es "Verletzte und Behinderte". Die Dschihadisten hätten die Jesiden offenbar freigelassen, weil sie sie nicht mehr ernähren konnten und sie ihnen zunehmend zur Last gefallen seien.

"Das war so hart"

Die jesidische Parlamentabgeordnete Vian Dachil sagte, der IS sei dem Druck der Peschmerga-Kämpfe und mit ihnen verbündeter Kräfte ausgesetzt. Auch das habe bei der Geiselfreilassung eine Rolle gespielt. Dachil äußerte die Vermutung, dass noch 3000 Frauen in der Gewalt des Islamischen Staats seien.

Der kurdische Gesundheitspolitiker Saman Barsandschi erklärte in Erbil, dem Sitz der Regierung der Autonomen Region Kurdistan im Nordirak, Mediziner würden die Freigelassenen auf den Kinderlähmung auslösenden Poliovirus oder mögliche ansteckende Krankheiten untersuchen. Besonders schwer erkrankte Menschen sollten in Kliniken gebracht werden.

Im Gesundheitszentrum bemühten sich dutzende kurdische Ärzte und Krankenschwestern um die Jesiden. Diese machten größtenteils einen erschöpften Eindruck. Mehrere saßen im Rollstuhl, andere stützten sich auf hölzerne Gehstöcke. "Das war so hart - nicht nur, weil wir nichts zu essen hatten, sondern auch, weil wir uns die ganze Zeit Sorgen machten", erzählte ein alter Mann. Vor dem Zentrum strömten Jesiden zusammen - in der Hoffnung, Verwandte und Bekannte wiederzufinden.

IS sieht Jesiden als "Teufelsanbeter"

Die Jesiden betrachten sich teils als ethnische Kurden, teils als eigenständige Volksgruppe mit eigener Religion. Von den militanten Sunniten des Islamischen Staats werden sie als "Teufelsanbeter" verfolgt. Der IS hatte bei seiner Blitzoffensive im Nordirak im vergangenen Sommer das Sindschar-Gebirge eingenommen und dabei tausende Jesiden getötet oder gefangen genommen. Nach Angaben der Menschenrechtsorganisation Amnesty International wurden hunderte, wenn nicht tausende jesidische Frauen als Ehefrauen an Dschihadisten verkauft oder als Sexsklavinnen unterjocht. Einige nahmen sich laut Amnesty das Leben, um diesem Schicksal zu entgehen.

Mit den Geiselnahmen begründete US-Präsident Barack Obama Luftangriffe auf den IS im Irak und in Syrien. Zugleich wurde eine internationale Anti-IS-Allianz geschmiedet. Ihr gehören auch die irakische Armee, kurdische Einheiten, schiitische Milizen und sunnitische Stammeskämpfer an.

Am Donnerstag beraten die Außenminister aus 20 Ländern in London über die Dschihadistenmiliz. Gastgeber sind der britische Außenminister Philip Hammond und sein US-Kollege John Kerry, wie aus Regierungskreisen in London verlautete. Themen des Treffens sind unter anderem die ausländischen Kämpfer in den Reihen des IS, die Finanzströme der Miliz und die Fortschritte bei ihrer Bekämpfung.

Der IS kontrolliert seit vergangenem Jahr Gebiete im Nordirak und im benachbarten Syrien. Er rief dort ein islamistisches "Kalifat" aus, in dem er Gräueltaten verübt.

and/AFP AFP

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