Islamunterricht Man spricht deutsch


Kritik an Mohammed ist hier erlaubt: In einem Modellversuch gibt es in Baden-Württemberg an zwölf Grundschulen islamischen Religionsunterricht in deutscher Sprache. Stern.de hat sich unter die Kinder gemischt.
Von Flora Jädicke

Die junge Lehrerin trägt Jeans. Ihre schwarzen Haare wehen über die Schulter, als sie sich schwungvoll auf einen der winzigen Stühle zwischen ihre Zöglinge hockt. Neun Kinder der ersten und zweiten Klasse blicken sie gespannt an. Was wird sie mit ihnen anstellen? "Wir müssen uns erstmal kennen lernen", sagt sie und wirft einen Plüschball in die Runde. "Wer ihn fängt, soll seinen Namen sagen!" Schon fliegt der Ball zwischen den fünf Mädchen und vier Jungen hin und her, zwischen Ali und Riojda, Elif und Serkan.

235 Schüler bekommen Islamunterricht

Islamische Religionsstunde in einer Grundschule im baden-württembergischen Schwenningen. Die Schule nimmt an einem vierjährigen Modellversuch in Baden-Württemberg teil. 235 Kinder erhalten seit Schuljahresbeginn an zwölf deutschen Schulen im Land islamischen Religionsunterricht. Zehn Schulen vermitteln die sunnitische Prägung. An zwei Schulen wird die alevitische Glaubensrichtung gelehrt.

Es gibt keinen Gebetsteppich, keine Kopftücher, in der ersten Stunde bleiben sogar Heilige Bücher draußen, die sich bei den Aleviten aus Teilen des Korans, der Bibel und des Talmud zusammensetzen. Und natürlich gibt es keine Hassprediger. Im Gegenteil. In den ersten fünf Minuten des Unterrichts üben die Kinder, wie man sich versöhnt. "Wenn zum Beispiel Ali die kleine Birsen beschimpft oder vielleicht sogar haut, muss sie dann zurückhauen?" fragt die Lehrerin. "Nein", sagt Elif leise. "Der soll sich entschuldigen."

"Soziales Lernen steht bei uns im Mittelpunkt", sagt Rektor Wolfgang Zöphel, der sofort zustimmte, als Anfang Dezember die alevitische Gemeinde in Schwenningen einen eigenen Religionsunterricht an seiner Schule beantragte. Die Entscheidung fiel leicht, nicht zuletzt, weil die Gemeinde mit Deniz Sengül eine ideale Besetzung für diese Aufgabe bot. Die 25-jährige Referendarin ist Türkin, wuchs in Schwenningen auf, besitzt die deutsche Staatsbürgerschaft und hat sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie man Kindern vermittelt, dass alle Menschen gleich sind und wie man Toleranz lebt. Eine Haltung, die den liberalen Grundsätzen der alevitisch geprägten Glaubensgemeinschaft entspricht und nichts mit fundamentalistisch geprägten Richtungen des Islams zu tun hat.

Für Aleviten eine "Revolution"

Für die zweitstärkste islamische Religionsgemeinschaft nach den Sunniten in Deutschland, bedeutet Religionsunterricht an einer öffentlichen Schule eine "Revolution." Denn in Teilen der Türkei "werden unsere Kinder gezwungen, am sunnitischen Religionsunterricht teilzunehmen", berichtet Elif Cangür vom Vorstand der alevitischen Gemeinde. In einigen Landesteilen würden sie sogar verfolgt.

Wesentliches Merkmal der Aleviten ist: Sie lehnen die Anwendung von Gewalt ab. Frauen müssen sich nicht verschleiern, tragen keine Kopftücher und sind Männern gleichgestellt. Aleviten vertreten konsequent die Trennung zwischen Kirche und Staat "Religiöse Praktiken wird es im Religionsunterricht an den Schulen nicht geben", betont Ismail Kaplan, Vorsitzender der alevitischen Gemeinde in Deutschland. "Das bleibt Aufgabe der Gemeinden."

Sollte sich der Modellversuch als erfolgreich erweisen, werden weitere Lehrer gebraucht, die sowohl pädagogisch als auch in Glaubensfragen geschult sind. "Wo die allerdings herkommen sollen, ist noch nicht klar", sagt Zöphel. Die ersten Anträge für das Jahr 2007 in den Städten Pforzheim, Stuttgart und Offenburg liegen bereits beim Kultusministerium. Einige Lehrer, die sich bereits im Schuldienst befinden, hätten Interesse angemeldet, sagte Kaplan. Man werde sie kurzfristig in Seminaren schulen.

Von dem vierjährigen Modellversuch versprechen sich Schule, Kultusministerium und der Bildungsbeauftragte der alevitischen Gemeinde einen "interreligiösen Dialog". Das bedeutet, dass sogar Klassenkammeraden aus dem evangelischen und katholischen Unterricht teilnehmen dürfen. Bei gemeinsamen Festen sollen die Kinder die Feiertage und Gepflogenheiten anderer Religionsgemeinschaften erleben und verstehen lernen.

Schüler-Union kritisiert Unterricht

Dennoch, für die Schüler-Union der CDU in Baden-Württemberg ist islamischer Religionsunterricht an deutschen Schulen das falsche Signal, weil er "Parallelstrukturen in unserer Gesellschaft fördert." So jedenfalls äußert sich der Landesvorsitzende Thomas Volk, der in seiner Erklärung keinen Unterschied zwischen liberalen Gruppierungen und fundamentalistisch ausgerichteten Glaubensgemeinschaften macht.

"Für den alevitischen Islam-Unterricht gilt das nicht", entgegnet Ismail Kaplan. Die Schüler sollten ein Bewusstsein ihres eigenen Glaubens entwickeln, um sich auch gerade in aktuellen Streitfragen zu bewähren. Er selber habe kein Problem etwas mit der Rede des Papstes, die dem Islam gewalttätige Tendenzen unterstellt. Wenn solche Thesen an die Schüler herangetragen werden, werde man mit ihnen darüber sprechen, ob der Prophet durch die Äußerung Papst Benedikts oder die Karikaturen in westlichen Zeitungen beleidigt worden sei.

Die Antwort darauf erteilt Kaplan mit einem Gleichnis: "Mein goldener Ring bleibt, was er ist, egal was von außen an Schmutz und Verleumdung auf ihn zukommt. Ebenso wenig wird mein Glaube dadurch beschädigt, wenn ein anderer etwas gegen den Propheten Muhamed sagt."


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