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Protesthochburg Homs Brennglas der syrischen Rebellion


Homs, die Industriemetropole im Westen Syriens, ist eine Miniatur des Landes und Hochburg der Aufständischen. Der dämonischste Ort im Nahen Osten zeigt besonders deutlich die Wirren der Rebellion.
Von Niels Kruse

400 Panzer sollen noch bis vor wenigen Tagen rund um Homs stationiert gewesen sein. Vielleicht waren es auch 200. Verlässliche Zahlen gibt es nicht. Seit Wochen hätten die Bewohner der Stadt täglich mit einer Invasion gerechnet, heißt es aus den Reihen der Aufständischen. Doch das Assad-Regime hat seine schweren Waffen nicht auf das Volk losgelassen. Warum? Auch das weiß niemand so Recht. Wie ohnehin kaum jemand weiß, was genau in der syrischen Rebellenhochburg passiert. Nur vereinzelt trauen sich ausländische Journalisten nach Homs. Was sie aber berichten, klingt danach, als sei die Industriemetropole derzeit der dämonischste Ort im Nahen Osten.

Reporter des "Spiegel" berichten etwa, dass auf der Kairo-Straße, einem Boulevard im Norden, Scharfschützen den ganzen Tag über Jagd auf Passanten machen. Ganz normale Bürger, die sich heraustrauen, weil sie etwas zu essen brauchen - und dabei abgeknallt werden wie Hasen auf der Wiese. "Fünf bis 15 Menschen sterben in Homs jeden Tag. Sie werden ohne Warnung erschossen. Nicht, weil sie demonstrieren, sondern weil sie da sind", heißt es in der Reportage des Nachrichtenmagazins. Solche Schauergeschichten gibt es zuhauf aus der Stadt. Es ist die Rede von Folteropfern, die aus Autos geworfen werden, von systematischen Vergewaltigungen, Häuserkämpfen, Hinrichtungen und Raketenangriffen - die ganze fürchterliche Bandbreite der Kriegsgräuel.

Der Kampf der Religionen hat begonnen

Ob sie alle stimmen oder nicht, wer die Berichte in den Umlauf bringt und zu welchem Zweck, wer Opfer ist und wer Täter - all das geht in den Wirren der Rebellion gegen den syrischen Staatschef Baschar al Assad unter. Sicher ist nur: Das Regime kämpft brutal gegen das eigene Volk, seriösen Schätzungen zufolge sind seit Beginn der Proteste im März rund 5000 Menschen ums Leben gekommen. Um das Blutbad einzudämmen, ist nun eine Abordnung der Arabischen Liga in das Land gereist. Die umkämpfte Stadt Homs ist ihre erste Station, insgesamt sollen bis Januar 150 Beobachter nach Syrien kommen.

Homs ist die Protesthochburg in Syrien - wohl auch, weil die rund Eine-Million-Einwohnerstadt eine Miniatur des gesamten Landes ist: Hier lebt die sunnitische Mehrheit eng zusammen Christen und Drusen sowie den Aleviten, einem liberalen Ableger der Schiiten, dem auch die Herrscherfamilie angehört. Jahrzehntelang galt der Ort als Beispiel für die friedliche Koexistenz der vielen verschiedenen Religionen, die Syrien seit jeher bevölkern. Doch die anfänglich friedlichen Proteste gegen den Assad-Clan, die zunehmend in einen Bürgerkrieg ausarten, könnten dieses empfindliche Gleichgewicht auseinanderreißen.

Die Wut der Opfer lässt sich nur schwer kontrollieren

Da sind zum Beispiel die Schabiha - die gefürchteten Todesschwadronen des Regimes, die für einen großen Teil des Terrors verantwortlich gemacht werden. Sie sind, wie die Assads auch, vor allem Aleviten, die rund 20 Prozent der Bevölkerung von Homs stellen. Ihre Attacken richten sich vor allen gegen die Sunniten, mit rund 50 Prozent größte Religionsgemeinschaft Syriens. Die sunnitischen Opfer, zitiert die "Tageszeitung" einen Aktivisten aus der Stadt, würden zunehmend zu Waffen greifen, um die Toten zu rächen. "Viele von ihnen haben ihre Brüder, Väter oder Söhne verloren. Ihre Wut lässt sich nur schwer unter Kontrolle halten", so der Oppositionelle. In den Krankenhäusern von Homs würden immer wieder Verletze und Tote eingeliefert, von denen niemand weiß, ob sie angegriffen wurden, weil sie zu den Milizionären des Regimes gehörten oder weil sie Aleviten seien, schreibt das Blatt.

Sicher ist, dass der Großteil der Demonstranten der religiösen Mehrheit angehört, die sich seit Jahren von der Minderheit der Herrscherkaste diskriminiert fühlt. Für das Assad-Regime ist es ein willkommener Anlass, die Unruhen auf eine "ausländische Verschwörung" zu schieben. Namentlich werden Saudi-Arabien und Katar zwar nicht genannt, aber die beiden sunnitisch geprägten Erzfeinde Syriens sind gemeint, wenn die Regierung in Damaskus mit dem Finger auf die "wahren Schuldigen" zeigt.

Rund die Hälfte der Syrer unterstützt die Rebellen

In Homs werden die unterschwelligen religiösen Konflikte des Landes wie unter einem Brennglas ausgetragen - und alle Seiten haben ein Interesse daran, sich selbst als Opfer zu stilisieren. Doch die eskalierende Gewaltspirale macht aus ihnen zunehmend Täter. Dabei ist zudem unklar, wie groß die Unterstützung des Assad-Regimes tatsächlich ist. Jürgen Todenhöfer, Autor und Kenner des Nahen Ostens, hat die Stadt Homs vor wenigen Wochen bereist. In der "Berliner Zeitung" schreibt er, rund 50 Prozent würden die Rebellen unterstützen, wie ihm Bewohner erzählt hätten. Anhänger und Gegner der Regierung in Damaskus halten sich also die Waage. Und die Aufständischen, von denen nur ein kleiner Teil desertierte Armeeangehörige seien, würden ebenfalls, schwer bewaffnet, brutal gegen die Regimeanhänger vorgehen. Und gegen Christen, die irgendwo zwischen den Fronten stehen, weil sie sich nicht für eine Seite entscheiden können oder wollen.

In den vergangenen Tagen sah es so aus, als wolle die syrische Regierung vor Ankunft der Vertreter der Arabischen Liga in Homs noch einmal richtig aufräumen: Allein am zweiten Weihnachtstag waren bei Zusammenstößen von Aufständischen und Sicherheitsleuten rund 30 Menschen ums Leben gekommen, wie die Nachrichtenagentur DPA berichtete. Und noch am Dienstag habe es sechs Tote gegeben. Im Fokus der Auseinandersetzungen: der umkämpfte Stadtteil Baba Amro. Doch mit Eintreffen der Mission habe die Armee unvermittelt die Kämpfe eingestellt, elf Panzer seien abgezogen worden. Glaubt man den zahllosen Twitter-Beiträgen hätten sich sofort zwischen 30.000 und 70.000 Menschen im Zentrum der Stadt für eine Anti-Assad-Demo zusammengefunden. Die Polizei ging offenbar mit Tränengas gegen die Menge vor. Für den Dienstagabend ist bereits die nächste Kundgebung angekündigt.


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