Israel Im Angesicht der Gewalt


Der ehemalige israelische Soldat Yehuda Shaul macht Führungen durch Hebron und prangert dabei den Umgang von Armee und Siedlern mit den Palästinensern an. stern.de-Mitarbeiter Thomas Krause hat ihn begleitet.

"Ein letzter, aber wichtiger Hinweis noch, bevor wir aussteigen." Die Gespräche im Reisebus verstummen. "Bleibt zusammen!" Der Mann, der diesen Hinweis gibt, ist Yehuda Shaul, ein ehemaliger israelischer Soldat, dem man seine militärische Vergangenheit nicht unbedingt ansieht. Auf den langen dunklen Locken sitzt eine Kippa, die Kopfbedeckung gläubiger Juden, darunter: eine Brille, ein T-Shirt, Jeans.

Nun hat er eine neue Mission: Er führt israelische Zivilisten durch Hebron, damit die Öffentlichkeit sich ein Bild von der alltäglichen Gewalt in der Stadt und den besetzten Gebieten machen kann.

Besucher unerwünscht

"Die Siedler wollen nicht, dass Israelis nach Hebron kommen und sehen, was hier vor sich geht", sagt Shaul. "Bevor Besucher hierher gekommen ist", sagt der Ex-Soldat über die alten Zeiten, "konnten die Siedler machen, was sie wollten und die Soldaten konnten machen, was sie wollten. Nur wenn wir da sind, ist das anders und deshalb wollen sie uns vertreiben." Besucher, so Shaul, würden deshalb manchmal mit Steinen oder Eiern beworfen.

Mit dieser Warnung im Hinterkopf sammelt sich die Gruppe im Schatten des Busses. Die meisten der 35 Besucher sind Israelis, einige Endzwanziger darunter, die meisten aber jenseits der 50. Gerade einmal eine Stunde waren sie von Jerusalem aus hierher unterwegs.

Der Tod eines Viertels

Der Empfehlung ihres Führers Shaul folgend, bewegt sich die Gruppe geschlossen auf einer schmalen Straße vorbei an Hausruinen, aus denen kleine Bäumchen wachsen. Das Asphaltband sieht aus, als sei eine Planierraupe auf der Flucht vor einer Asphaltiermaschine einfach durch die sandfarbenen Häuser gefahren. Einige Straßenzüge weiter war früher der Fleischmarkt, das Herz der Stadt. Irgendwann fingen die Siedlerkinder an, Putz und Mauern des Gebäudes zu ramponieren, solange bis die Armee das Gebäude räumen musste. Wenig später folgte die Schließung der anderen Geschäfte, Soldaten verschweißten die Ladentüren aus Stahl und erklärten die Straße für "steril". Jetzt dürfen Palästinenser sie nicht mehr betreten.

Langsam wird den Besuchern klar, was der Ex-Soldat mit seiner Tour durch Hebron bezweckt, wo die vielen Probleme liegen. Yehuda Shaul erzählt: "Jeden Samstag wiederholt sich hier ein Ritual", hebt er an, "die Kinder der Siedler beschimpfen die palästinensischen Kinder und bewerfen sie mit Steinen. Die Soldaten stehen daneben, greifen aber nicht ein."

"Bleib im Haus oder wir erschießen dich"

Hashem al Haza, palästinensischer Familienvater mit hagerer Gestalt, kennt die Geschichten, er hat sie sogar auf Video festgehalten: Sein erster Film zeigt die Attacken auf die Schulkinder, ein zweites zeigt, wie Siedler in Begleitung von Soldaten auf sein Grundstück eindringen und seine Weinstöcke absägen. "Ich konnte nichts tun, außer zu filmen. Durch mein vergittertes Fenster fragte ich einen Soldaten, was geschehe. Er antwortete: 'Bleib im Haus oder wir erschießen dich'." Seine Empörung kann er auch anderthalb Jahre nach dem Vorfall nicht verbergen.

Nach dem Besuch bei Herrn al Haza folgt Shauls persönliches Bekenntnis in einem mehrstöckigen Wohnhaus, das mittlerweile nur noch eine Ansammlung von Räumen ist, deren herausgeschlagene Fenster den Blick über die Stadt freigeben. Im Eckzimmer sind die leeren Fensterrahmen mit Tarnnetzen verhängt. "Hier, in diesem Raum, stand ich als Soldat mit einem Granatwerfer. Weil mir und meinen Kameraden langweilig war, schossen wir Granaten in ein zerstörtes Haus mitten im palästinensischen Wohngebiet. Am nächsten Tag stand in israelischen Zeitungen, in Hebron hätten die israelischen Verteidigungskräfte palästinensisches Feuer erwidert", sagt Shaul.

Der fortschreitende Moralverlust

Das war nur eines der Erlebnisse, die den Soldaten Yehuda Shaul zum Nachdenken brachten. "Mein Gewissen sagte mir, dass etwas falsch war." Mit sechzig anderen Soldaten, die meisten aus seiner Hebroner Einheit, beschloss er, etwas zu unternehmen. Sie sammelten die Fotos, die sie während ihrer Dienstzeit gemacht hatten und initiierten eine Fotoausstellung. "Unser Ziel war das zu zeigen, was wir auch an uns selbst festgestellt haben: der fortschreitende Verlust unserer moralischen Werte", so Shaul.

Die Ausstellung wurde ein Erfolg, sie war in mehreren Städten und in der Knesset, dem israelischen Parlament, zu sehen. Auf die Ausstellung folgte die Gründung des Vereins "Shovrimshtika", übersetzt: "Das Schweigen durchbrechen". Die ehemaligen Soldaten wollen eine Diskussion darüber auslösen, was die Siedler im Namen aller Israelis in den besetzten Gebieten tun. "Die israelische Gesellschaft diskutiert seit Jahrzehnten über die Besatzung - ohne die moralische Krise wahrzunehmen oder zu wissen, was in den Gebieten vor sich geht", sagt Shaul.

Sammeln von Erlebnisberichten

Außer den regelmäßigen Führungen durch Hebron, hat es sich der Verein zur Aufgabe gemacht, Soldaten nach ihrem Dienst zu interviewen und ihre Erlebnisse auf Tonband oder Video zu dokumentieren. Erlebnisse, ähnlich derer, wie sie auch Shaul in einem Gefechtsstand, der mal ein Wohnraum war, an Zivilisten weitergibt.

Für heute hat Yehuda Shaul alles gesagt. Die 35 Israelis machen sich auf den Weg zurück zum Bus Richtung Jerusalem. Noch immer haben sie die Warnung ihres Führers vom Beginn im Kopf. "Bleibt zusammen". Nur einmal hat sich eine Touristin nicht daran gehalten. Sie wurde von einem Soldaten sofort zurückgepfiffen. Passiert ist ihr und ihrer Gruppe nichts. Zumindest heute.


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