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Israelin zum Gaza-Konflikt "Wir haben 15 Sekunden für den Weg in den Bunker"


Nervenzerreißend sei die Situation in Israel, sagt Julia Chaitin, die 15 Kilometer von Gaza entfernt in einem Kibbuz unter Dauerbeschuss lebt. Und sie sorgt sich um ihre Freunde in Gaza.
Von Sophie Albers Ben Chamo

Julia Chaitin ist 61 Jahre alt und lehrt seit 2006 am Sapir-College das Fach Sozialarbeit. Die Universität liegt am Rand der israelischen Stadt Sderot, die kaum einen Kilometer von Gaza entfernt ist. Seit Dienstag ist die Universität wegen des permanenten Raketenfeuers geschlossen. Vorerst bis nächste Woche. Chaitin lebt im Kibbuz Urim, 14 Kilometer von Gaza entfernt. Sie beginnt das Telefonat mit dem Satz "Ich hoffe, die Sirenen gehen nicht los."

Frau Chaitin, schlafen Sie im Bunker?

Nein, wir haben keinen Schutzraum im Haus. Im Kibbuz gibt es Bunker, und es heißt, wir haben 30 Sekunden, um uns in Sicherheit zu bringen, wenn die Sirene heult. Aber es sind eher 15, und manchmal nicht mal das. Manchmal heult die Sirene, und als nächstes hört man direkt den Einschlag. Man schafft es nicht zum Bunker. Aber manche Leute haben ihre Häuser umgebaut, und die Kindergärten haben Schutzräume.

Und was machen Sie?

Wir stellen uns in den Flur. Die Armee war vor ein paar Jahren da und hat die Häuser gecheckt, wo es am sichersten sei. Naja ...

Verlassen Sie das Haus überhaupt? Wie versorgen Sie sich und Ihre Familie?

Wenn, dann kaufe ich im Kibbuz ein, und ich nehme das Fahrrad, um schneller zu sein. Ich habe Urim seit Sonntag nicht mehr verlassen. Aber heute Nachmittag wollen wir nach Tel Aviv zu meiner Tochter, ihrem Mann und den zwei Enkelkindern. Ich bin sehr nervös, aber ich will mein Kind sehen.

Wie häufig heult die Sirene in Urim? Gestern Abend drei Mal, heute morgen zwei Mal. Aber wir hören den Krieg die ganze Zeit, die Einschläge in Gaza, die Abwehrraketen, die Kampfflugzeuge über unseren Köpfen. Ofakim ist die nächste größere Stadt, acht Kilometer entfernt, und wird besonders heftig beschossen. Wir hören die Sirenen nicht, aber die Einschläge.

Können Sie überhaupt Schlaf finden? Letzte Nacht ja, aber nur sehr oberflächlich. Vor zwei Tagen war es so schlimm, dass ich gar nicht geschlafen habe.

Warum leben Sie in einer Gegend, die so gefährlich ist?

Ich lebe hier seit 1973. Meine Kinder sind hier großgeworden. Man lebt, wo man lebt. Und wo sollen wir denn sonst hin, um Sicherheit zu finden?

Frau Chaitin, Sie sind aktiv in einer Kampagne namens "Other Voice" (andere Stimme), die ein friedliches Ende des palästinensisch-israelischen Konflikts fordert. Sie sammeln Geld für Menschen in Gaza, veranstalten Friedensseminare mit Teilnehmern aus Israel und Gaza. Wie behalten Sie einen rationalen Blick, wenn Sie selbst von der Hamas beschossen werden?

Ich kann keine unschuldigen Menschen hassen, und ich kann mich nicht freuen, wenn unschuldige Menschen verletzt werden. Die terroristische Hamas und der islamistische Dschihad sind eine Minorität in Gaza. Sie terrorisieren die Menschen dort. Wenn die Sirenen heulen, sorge ich mich um meine Freunde in Gaza. Sie sind Opfer wie wir.


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