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Protestaktion: Warum in Istanbul "Tod dem Diktator"-Flugblätter vom Himmel fielen

Flugblätter in Istanbul wünschten dem türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan den Tod - die Behörden ermitteln. Hinter der spektakulären Aktion steckt ein deutsches Künstlerkollektiv.

1000 Flugblätter segelten am Gezi-Park in Istanbul auf den Boden

1000 Flugblätter segelten am Gezi-Park in Istanbul auf den Boden

"Tod dem Diktator", "Tod dem Diktator", "Tod dem Diktator" - immer und immer wieder spuckte ein Drucker am Freitagmorgen in einem Hotel am Istanbuler Gezi-Park Flugblätter mit diesem Inhalt aus. Durch ein Fenster segelten die Zettel auf die Straße, bis der Drucker - 1000 Blatt später - stillgelegt wurde. Jetzt ermittelt die türkische Polizei.

Hinter dem spektakulären Protest steckt nach eigenen Angaben das deutsche Künstlerkollektiv "Zentrum für politische Schönheit" (ZPS) - obwohl zum Zeitpunkt der subversiven Aktion die verantwortlichen Aktivisten längst die Türkei verlassen hatten.


Drucker in Istanbul war ferngesteuert

Denn die Flugblätter wurden erst nach der Abreise in einem Hotelzimmer von einem über das Internet ferngesteuerten Drucker ausgespuckt, der dabei von zwei installierten Kameras aufgenommen wurde. Sie filmten auch, wie zwei Männer den Drucker wenig später vom Netz nahmen.

Inzwischen ermitteln die türkischen Behörden, sie fahnden angeblich nach mindestens einem deutschen Staatsbürger. Nach Angaben von Philipp Ruch vom ZPS sind die Verantwortlichen für die Aktion in Sicherheit.

"Wir fordern den Rücktritt des Diktators Erdogan"

Das ZPS erklärt die Aktion als Teil der Kampagne "Scholl 2017", mit der an den Widerstand der "Weißen Rose" gegen die Nazi-Diktatur erinnert werden soll. Hierzu haben die Künstler in den vergangenen Tagen nach Kandidaten gesucht, die in einer "Diktatur ihrer Wahl" Flugblätter verteilen wollen. "Mit der Aktion in Istanbul haben wir gezeigt, dass man mit den heutigen technischen Möglichkeiten auch Widerstand üben kann, ohne sich in Gefahr zu bringen", sagte Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit" dem stern.

Auf dem in Istanbul automatisch verteilten Flugblatt heißt es unter der Überschrift "An alle Türken" unter anderem: "Wir rufen Euch auf: Seid keine willenlose Herde von Mitläufern, die zulässt, dass Nachbarn, eingesperrt oder getötet werden. Verteidigt die Demokratie. Bekämpft den Rassismus. Stürzt die Diktatur! (...) Wir fordern den Rücktritt des Diktators Erdogan und die Ausrufung von freien Wahlen. (...) Tod dem Diktator!"

Zentrum für politische Schönheit sorgt für Schlagzeilen

Finanziert worden seien die Flugblätter mit Mitteln des Freistaates Bayern und der Bundesregierung, erklärten die Verfasser auf den Flugblättern. So ganz falsch ist diese Angabe nicht: Denn laut Künstlerkollektiv ist die "Scholl 2017"-Kampagne in Zusammenarbeit mit den Münchner Kammerspielen entstanden - und die werden von der öffentlichen Hand unterstützt. Ob sich die türkische Öffentlichkeit für solcherlei Spitzfindigkeiten interessiert oder direkt an die nächste Eskalationsstufe im außenpolitischen Streit zwischen der Türkei und der Bundesrepublik glaubt, bleibt anzuwarten.

Es ist nicht das erste Mal, dass das "Zentrum für politische Schönheit" mit einer provokanten Aktion für Schlagzeilen sorgt. So kündigte die Gruppe zum Beispiel im Sommer 2015 an, auf einer Demonstration Leichen von Flüchtlingen mitzuführen - geschmacklos, wie viele Kritiker meinten. Das dürfte auch für das in Istanbul verbreitete Flugblatt gelten, das auch als Aufruf zum politischen Mord an Recep Tayyip Erdogan interpretiert werden kann - Mut und Kreativität bewiesen die Aktivisten allerdings allemal.