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Italien: Unverständnis über den Rückkehrwunsch der Simonas

Italien jubelte über die unversehrte Rückkehr von Simona Pari und Simona Torretta aus irakischer Geiselhaft. Die Zukunftspläne der Namensschwestern stießen einigen ihrer Landsleute allerdings sauer auf.

Von Luisa Brandl und Henry Lübberstedt

Hupkonzerte, Friedensfahnen in Regenbogenfarben, "Simona,Simona"-Rufe und jede Menge Applaus für die Heimkehrer - Rom und Rimini feierten die Freilassung der Geiseln mit einem Volksfest. Mit anhaltendem Jubel wie sonst nur, wenn die Nationalelf der Azzurri siegt. Zur Feier bleibt das Kolosseum die ganze Nacht hell erleuchtet.

Die Römer versammelten sich unter der Wohnung im 6. Stock von Simona Torretta in der Via Salesiani 44. Im gesamten Viertel Cinecittà herrschte Verkehrschaos. Um 18 Uhr unterbrach Don Franco die Messe, um die frohe Botschaft seiner Gemeinde kundzutun. Die Menschen sangen "Bella Ciao" auf den Straßen. In den Fenstern standen Margeritensträuße.

"Wenn sie es nicht tut, ist sie nicht mehr meine Simona"

In einem Zelt, das seit Tagen vor dem Wohnhaus der Torrettas steht, haben Tausende Danksagungen und Willkommensgrüße für ihre Mitbürgerin hinterlassen. Jemand aus der Menge fragte Mutter Anna Maria Torretta, ob sie ihre Tochter davon abhalten würde in den Irak zurückzukehren. Sie antwortete gefasst: "Ich kann nicht verhindern, dass meine Tochter das tut, was sie glücklich macht. Ich kann sie nicht davon abhalten, ihr Leben zu leben. Simona wird wieder in den Irak gehen. Wenn sie es nicht tut, heißt das, dass sie nicht mehr meine Simona ist." Ihre Tochter meinte, alle hätten ihr gesagt, welche Kraft ihre Mutter habe. Sie selbst habe nicht gedacht, dass sie derart stark sei.

Weitaus bedenklicher reagiert Simona Paris Vater in Rimini auf die gleiche Frage. Luciano Pari: "Darüber müssten wir noch mal reden. Diesmal würde ich das sehr ernsthaft besprechen." In italienischen Internetforen drücken sich die Teilnehmer weit weniger zurückhaltend aus. Wenn sie wieder zurückgingen, sollten sie das Lösegeld von einer Million Dollar gefälligst wieder zurückzahlen, hieß es in einem Diskussionsbeitrag.

Nach Informationen arabischer Medien soll ein Lösegeld in dieser Höhe gezahlt worden sein. Das italienische Außenministerium dementierte den Bericht. Der Unterhändler, der Chef des Roten Kreuzes in Irak, schweigt. Jede Information zur Freilassung gefährde ihn und alle weiteren als Geisel genommenen Ausländer, sagte er gegenüber italienischen Medien.

Berlusconi sieht Freilassung als persönlichen Sieg

Derweil feiert Regierungschef Silvio Berlusconi die Freilassung der Römerinnen als persönlichen Sieg. Auf der Piazza Navona, einem der bekanntesten Plätze Roms, begeht er seinen 68. Geburtstag in dem Straßencafé "Tre Scalini" und spendiert Eis an umstehende Schaulustige. Die Freilassung der Geiseln sei sein "Geburtstagsgeschenk", so der Premier.

Berlusconi hat allen Grund zur Freude. Erst Ende August war ein italienischer Journalist nach tagelanger Geiselhaft brutal ermordet worden. Italien hatte sich den Forderungen der Entführer nach einem Truppenabzug nicht beugen wollen. Berlusconi wäre innenpolitisch unter Druck geraten, wenn die beiden jungen Italienerinnen das gleiche Schicksal ereilt hätte. Durch den glücklichen Ausgang konnte er sich beim Eisausgeben auch gleich seiner "ausgezeichneten" Kontakte in die arabische Welt rühmen.

Unklarheit über Identität der Entführer

Neben dem Lösegeld bleibt auch die Frage nach den Entführern unklar. Unbestätigten Informationen zufolge soll es sich um moslemische Nationalisten aus dem Umfeld der ehemaligen Baath-Partei Saddam Husseins handeln und nicht wie in vielen anderen Fällen um religiöse Fanatiker. Die beiden Frauen beschrieben ihre Entführer als absolut unorganisiert. Sie hätten sich von Dritten die Namen vermeintlicher Spione unter den westlichen Ausländern in Bagdad geben lassen und seien einfach losgezogen. Erst nach der Geiselnahme hätten sie Erkundigungen über ihre Opfer eingeholt. Der anfänglich harsche Ton habe sich gelegt, nachdem den Kidnappern klar wurde, was die beiden Frauen im Land tun würden.

Gegen diese Darstellung sprechen indes die Augenzeugenberichte von der Entführung. Danach sollen rund 20 Männer mit modernsten Waffen westlicher Bauart das Haus gestürmt, ihre Opfer gezielt ausgesucht und wie militärisch gedrillt innerhalb kürzester Zeit wieder verschwunden sein. Das war auch das Letzte gewesen, was Simona Pari und Simona Torretta nach eigener Aussage von ihren Entführern gesehen haben. Die drei Wochen bis zur Freilassung seien ihnen nie die Augenbinden abgenommen worden.

Von:

Luisa Brandl und Henry Lübberstedt