Jitzak Rabin "Ein schwarzer Tag für die jüdische Nation"


Der israelische Minsterpräsident Jitzak Rabin wurde 1995 Opfer des rechten jüdischen Terrors. Der Architekt des Osloer Friedensabkommens hatte mit seinem Aussöhnungskurs die politische Rechte gegen sich aufgebracht.

Am Samstagabend des 4. November 1995 fährt der israelische Ministerpräsident Jitzhak Rabin zu einer Friedenskundgebung, die auf dem Platz der Könige in Tel Aviv stattfindet. An die hundertausend Israelis sind gekommen, um Rabin ihre Unterstützung im Friedensprozess mit den Palästinensern zu demonstrieren. Die Stimmung ist ausgelassen. Auf den Plakaten stehen Sätze wie "Ja zum Frieden - Nein zur Gewalt."

Drei Kugeln in den Rücken

"Ich habe immer geglaubt, dass die Mehrheit der Menschen den Frieden wollen, und darauf vorbereitet sind, Risiken für den Frieden einzugehen", sagt der 73-jährige Friedensnobelpreisträger. Das gilt selbstverständlich auch für ihn selbst. Denn mit seinem Aussöhnungskurs gegenüber den Palästinensern, der in dem Osloer Friedensabkommen von 1993 gipfelte, hat er sich viele Feinde geschaffen. Rabin singt noch auf der Bühne mit anderen das "Lied des Friedens". Als er sich dann zu seinem Wagen begeben will, schießt ihm der jüdische Student Yigal Amir drei Kugeln in den Rücken. Später erliegt Rabin im Krankenhaus seinen Verletzungen.

"Ein schwarzer Tag für die jüdische Nation" titelte darauf die "Jerusalem Post". Ein Land stand unter Schock. Denn mit Rabin starb jemand, der wie kaum ein anderer die Geschichte Israels verkörperte. Er war derjenige, der für eine fundamentale Wandlung im Verhältnis der Israelis zu den Palästinensern stand. Die Architektur des Osloer Friedensabkommens, gezimmert von Außenminister Schimon Peres, dem ewigen Rivalen, und Jitzhak Rabin, stand für die konkrete Aussicht auf eine friedliche Lösung des Konfliktes, dessen Wurzeln am Ende des 19. Jahrhunderts liegen, als die ersten jüdischen Siedler in das "Heilige Land" kamen, um den Juden aus aller Welt eine Heimat zu schaffen.

Auch Rabins familiäre Wurzeln lagen nicht in Jerusalem, wo er 1922 geboren wurde. Seine Eltern stammten aus Polen und waren schließlich über die USA nach Palästina ausgewandert. Sein Vater war bereits in der Zionistischen Arbeiter Partei in den Vereinigten Staaten aktiv. Somit waren seine politischen Auffassungen durch die Eltern vorbestimmt.

David gegen Goliath

Er machte schnell Karriere. Als junger Mann trat er der "Haganah" bei, der im Untergrund agierenden militärischen Organisation der Juden in Palästina. Sie kämpften in erster Linie gegen die britische Mandatsherrschaft. Später wurde er Offizier der israelischen Armee (IDF). Die Bewährungsprobe kommt sehr schnell. Einen Tag nach der Proklamation des Staates Israel durch Ben Gurion im Mai 1948 werden die Israelis von ihren arabischen Nachbarn angegriffen. Der junge Staat muss sofort im Kampf gegen die Araber seine Existenz verteidigen. Die kampferprobte, junge israelische Armee ist den schlecht ausgerüsteten Angreifern überlegen. Diese Ausgangslage ist auch in der Gegenwart bestimmend für das Selbstverständnis der Israelis. Es ist der alttestamentarische Kampf Davids gegen Goliaths, der sich hier in ihren Augen wiederholt.

Das gilt auch für Rabin, der die typischen Karrierestationen eines israelischen Politikers durchläuft, die immer auch hoch dekorierte Soldaten sind. Er wird Generalstabschef der israelischen Armee, er modernisiert Ausbildung und Waffen, und knüpft Bündnisse mit den USA. Zum nationalen Kriegshelden wird er im Sechs-Tage-Krieg im Juni 1967, als er seiner Regierung einen Präventivschlag gegen die ägyptische Luftwaffe empfiehlt. Der ägyptische Präsident Nasser wollte "die Juden in das Meer werfen." Die israelische Armee unter dem Kommando von Rabin ist wieder hoch überlegen. Ihre Luftwaffe zerstört in einem Präventivschlag die der Ägypter.

Schmerzvolle Einsicht

Als er 1992 zum zweiten Mal Ministerpräsident Israels wird, ist der als Soldat denkende und handelnde zu einer Einsicht gelangt, die für einen wie ihn, der sich sein Leben lang im Kampf mit den Arabern befand, schmerzvoll ist. Will er den permanenten, blutigen Konflikt mit den Palästinensern endlich beenden, muss er verhandeln, statt weiter eine militärische Lösung anzustreben. Dieser Wandel der politischen Strategie entspringt der Einsicht, dass die Existenz Israels, auch aus ökonomischen Gründen, nur im Frieden mit den Palästinensern gesichert werden kann. Der einzige Ansprechpartner auf Seiten der Palästinenser ist die PLO des verhassten Jassir Arafat, den Rabin als Verteidigungsminister in den 80er Jahren noch massiv militärisch bekämpft hat. Er willigt in Geheimverhandlungen ein, die im Sommer 1993 in Oslo stattfinden. Vom soldatisch denkenden Politiker hat sich Rabin aus Einsicht in die Notwendigkeit, dass nur Verhandlungen den blutigen Konflikt lösen können, zum Friedensvisionär gewandelt.

Das Ergebnis ist das Osloer Abkommen, das in einer Zeremonie im Weißen Haus in Washington im Beisein von US-Präsident Bill Clinton unterzeichnet wird. Das historische Ereignis lässt die von der ersten palästinensischen Intifada ermüdeten Israelis endlich auf Frieden hoffen. Aber die Gegner des Friedensprozesses auf beiden Seiten werden in Zukunft alles unternehmen, um die Aussöhnung zu torpedieren. Das Bild zu diesem Ereignis ist der Handschlag zwischen einem lachendem Arafat und einem sehr ernst blickenden Rabin. Er weiß, was diese Geste der Versöhnung bei orthodoxen Juden auslöst: Entsetzen. "Wir sind dazu bestimmt, auf dem gleichen Boden, auf der gleichen Erde zusammenzuleben. Es gab zu viel Blut und zu viele Tränen. Es reicht!", sagt Rabin.

Rechte Hetze

Aber die politische Rechte und Orthodoxe wettern gegen Rabin und das Friedensabkommen. Wie Ayatollahs dekretieren Rabbiner Fatwas gegen Rabin, der inzwischen einen Friedensvertrag mit Jordanien unterschrieben hat. Das rechte Polit-Establishment hetzt mit: Benjamin Netanyahu, Thronanwärter der Likud-Partei, bezichtigt den Premier, mit dem Friedensabkommen einen "palästinensischen Terror-Staat" gegründet zu haben, Sharon nennt seinen Namen in einem Atemzug mit Eichmann. Es ist diese rechte Hetze, gegen die die Anhänger des Aussöhnungskurses eine Großdemonstration auf dem Platz der Könige in Tel Aviv veranstalten.

Die Hetze ist auch Wasser auf die Mühlen der radikalen Verfechter eines Groß-Israels, in deren rechter Ideologie kein Platz für eine friedliche Koexistenz mit den Palästinensern bleibt. Sie sind meist Siedler, die bereits in den achtziger Jahren mit Attentaten auf sich aufmerksam machten. Es existiert ein rechtsextremer jüdischer Untergrund, der bereit ist, andere Juden umzubringen. In der Vorstellung der meisten Israelis ist das schlichtweg unvorstellbar. Im Februar 1983 wird der 33-jährige Emil Grunzweig bei einer Demonstration der Bewegung "Frieden jetzt" in Jerusalem umgebracht. Sein israelischer Mörder hatte eine Handgranate in die Menge geworfen. Als Grunzweigs Leiche und die Verletzten ins Krankenhaus gebracht werden, schreit jemand: "Schade, dass sie nicht alle in die Luft gejagt wurden."

1984 werden 27 Mitglieder des "jüdischen Untergrunds" verhaftet, einige davon hoch rangige Militärs, Sie hatten den irrwitzigen Plan, den Felsendom auf dem Tempelberg in Jerusalem in die Luft zu jagen, beseelt vom grausigen Glauben, der Messias werde nicht kommen, ehe nicht das "entweihende" islamische Heiligtum von Gottes Thron auf Erden weggesprengt sei. Die meisten von ihnen verbringen nur kurze Zeit im Gefängnis. So wie Arafat später die islamische Bewegung Hamas verharmlost, bagatellisieren die Israelis lange Jahre ihre eigene fundamentalistische Gefahr

Erst als 1994 ein Arzt namens Baruch Goldstein 29 betende Palästinenser in Hebron ermordet und dabei selbst ums Leben kommt, begreifen sie, dass "Terror auch eine Kippa tragen kann", wie der Rabbi Yehuda Amital schreibt. Aus diesem radikal-orthodoxen Umfeld stammt auch der Mörder von Jitzak Rabin, nur von dem Willen getrieben, den Friedensprozess zu stoppen. "Ich wollte", sagt der Attentäter danach, "das jüdische Volk retten."

Tim Schulze

Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker