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Letzter Arbeitstag: "Out of Ooorder": Legendärer Unterhaus-Sprecher Bercow tritt ab

Letzter Arbeitstag für John Bercow: Der Sprecher des britischen Parlaments legt am Donnerstag sein Amt nieder. Im Brexit-Drama stärkte er immer wieder die Rechte des Unterhauses gegen den autoritären Führungsstil des Premiers.

Video: Ein letztes Mal "Order" - John Bercows Ära geht zu Ende

Seine Rolle katapultierte ihn ins Zentrum der Brexit-Schlacht und verschaffte ihm Fans wie Kritiker gleichermaßen: Am Donnerstag ist der britische Parlamentspräsident John Bercow nach zehn Jahren in dem Amt abgetreten – sichtlich gerührt und unter Tränen. Legendär waren vor allem seine durchdringenden "Order"-Rufe, mit denen er die Abgeordneten zur Ruhe ermahnte – und die während seiner Amtszeit als 157. Parlamentspräsident mehr als 14.000 Mal durch das Londoner Unterhaus hallten.

Mit seiner lebhaften und wortgewaltigen Art und seinem eigenwilligen Stil stand Bercow mehr als drei Jahre lang im Zentrum der teils emotional geführten Parlamentsdebatten rund um den Brexit. Seine Kritiker, meist Brexit-Befürworter, sahen in ihm einen Wichtigtuer. Seine Anhänger, meist Brexit-Gegner, hielten ihm hingegen zugute, dass er die Rechte des Parlaments gegenüber der Regierung gestärkt habe. 

So oder so – an Bercow wird man sich auf der Insel erinnern. Das befand auch der Vorsitzende des Unterhauses, Jacob Rees-Mogg am Mittwoch: Es könne "nicht verleugnet werden, dass es eine Debatte über Ihre Zeit im Amt geben wird", sagte Rees-Mogg in einer Ansprache zum Abschied Bercows.

Parlament im Brexit-Streit kontinuierlich gestärkt

Bercow hatte das Amt des "Speaker of the House of Commons" seit 2010 inne. Im Streit um den geplanten EU-Austritt des Landes galt er in den Augen von Brexit-Hardlinern wie Rees-Mogg als parteiisch. Mehrmals setzte er sich über Konventionen hinweg, damit sich die Abgeordneten in der Auseinandersetzung mit der Regierung durchsetzen konnten. Bercow rechtfertigte das mit einem immer stärker autoritären Regierungsstil.

Für seine Bemühungen, dem Parlament kontinuierlich eine starke Stimme zu geben, gab es aber auch viel Lob. So sagte beispielsweise der Alterspräsident Ken Clarke; "Während Ihres Jahrzehnts gab es wirklich nie da gewesene Versuche, die Macht der vollziehenden Gewalt auf Kosten des Parlaments zu erhöhen, und Sie waren großartig darin, die Pflicht der Regierung aufrechtzuerhalten, diesem Haus Rechenschaft abzulegen."

Bei einer Sitzung des britischen Unterhauses versagt die Stimme vom Parlamentspräsidenten John Bercow.

Fans eroberte der Parlamentspräsident auch auf dem europäischen Festland: Bercow sei "unersetzlich", schrieb eine belgische Zeitung. Das niederländische Blatt "De Volkskrant" schrieb: "Die einzige Ordnung in der britischen Politik kommt in diesen turbulenten Tagen aus dem Mund von John Bercow."

Und selbst die Chefs der größten britischen Parteien zollten dem 56-Jährigen zum Schluss Respekt: Trotz Meinungsverschiedenheiten habe Bercow dem Parlament einen großen Dienst erwiesen, sagte Premierminister Boris Johnson. Der Tennis-Fan Bercow habe wie eine "unkontrollierbare Tennisball-Maschine jeden Teil der Kammer mit seinen Ansichten zugeballert und dabei eine Reihe schier unspielbarer und nicht zu schlagender Volleys und Schmetterbälle geliefert".     Labour-Chef Jeremy Corbyn sagte, Bercow habe das Unterhaus und die Demokratie gestärkt.

Wer beerbt Bercow?

Bei der Parlamentswahl am 12. Dezember tritt Bercow nicht mehr an. Ein Nachfolger soll bereits an diesem Montag gewählt werden. Als Favorit gilt der Vize-Sprecher Lindsay Hoyle, doch auch der Labour-Abgeordneten Harriet Harman, die als dienstälteste Parlamentarierin im Unterhaus als "Mother of the House" bezeichnet wird, werden Chancen eingeräumt.

Weitere Bewerber sind die Konservative Eleanor Laing und der Labour-Politiker Chris Bryant. Bereits in der kommenden Woche soll das Parlament dann aufgelöst werden für die anstehende Neuwahl am 12. Dezember.

mik / DPA / AFP