HOME

Britischer Unterhaussprecher tritt zurück: Last Ooooorder: John Bercow, der streitbare Schiedsrichter im Brexit-Endspiel

Mit John Bercow tritt ein Popstar der britischen Politik ab. Der streitbare "Mr. Speaker" gab sich im Brexit-Chaos stets als Verteidiger des Parlaments. Damit riskierte er nicht zuletzt seine Absetzung. 

Während John Bercow spricht, halten einige Parlamentsmitglieder Schilder aus Protest hoch

John Bercow ist ein Prototyp, der vermutlich nicht in Serie gehen wird. Einer, "der einfach zu gern redet und im Zweifel zu viel", wie er sagt. Immer wieder hat der Sprecher des britischen Unterhauses, der mit seinen bellenden "Oooorder"-Rufen längst zum Popstar der Politik avanciert ist, geltende Regeln über Bord geworfen und mit Gepflogenheiten gebrochen.

Nun hat der 56-Jährige überraschend angekündigt, sein Amt bis spätestens 31. Oktober aufzugeben. Dem Tag, an dem Großbritannien die EU verlassen soll. Stand jetzt. Für seine Kritiker dürfte es so oder so ein Tag der Genugtuung sein.

Im Brexit-Geschacher positionierte sich Bercow stets als Verteidiger des Parlaments, wurde damit das ein oder andere Mal zum Gegenspieler der Regierung. Und damit, theoretisch, auch der eigenen Partei: 1997 zog er einst als Tory ins Unterhaus ein, ließ ab 2009 seine Mitgliedschaft mit der Wahl zum Unterhaussprecher ruhen. Dennoch mischte er stets engagiert in der politischen Debatte mit. Kritiker kreideten ihm genau das an: Als eigentlicher Schiedsrichter habe er neutral zu sein.

John Bercow, ein streitbarer Verteidiger 

Und so ging höchstens ein Raunen durch die Reihen der Brexit-Befürworter, als Bercow am Montagabend seinen Rücktritt vor dem Unterhaus ankündigte. Wie der Teufel im Schwefelbad saßen sie da, ungerührt und mit verschränkten Armen. Während "Mr. Speaker", so die offizielle Anrede, von der Oppositionsbank mit Standing Ovations verabschiedet wurde.

"Während meiner Zeit als Sprecher habe ich versucht, die relative Autorität dieses Parlements zu erhöhen", so Bercow vor den Mitgliedern des Parlaments. "Wofür ich mich absolut bei niemandem, nirgendwo, zu keiner Zeit entschuldigen werde."  

Die Abgeordneten hatten durchaus Grund vor ihm zu zittern. Denn als "Mr. Speaker" war er quasi Herr über die Debatten und Abstimmungen. Auch die frühere Premierministerin Theresa May kam nicht an dem 1,68-Meter-Mann vorbei. Eine dritte Abstimmung über ihren bereits zwei Mal gescheiterten Brexit-Deal ließ er erst nach einer substanziellen Änderung der Vorlage zu. Der Clou: Bercow berief sich dabei auf eine 415 Jahre alte Regel, die kaum noch jemand parat hatte. Die Regierung musste sich schließlich beugen.

John Bercow im Parlament

Abgeordnete drängen Unterhaussprecher John Bercow (r.) dazu, einen Videoclip zu überprüfen

DPA

Auch Boris Johnson kassierte von Bercow eine empfindliche Niederlage. Als Sprecher des Unterhauses entscheidet Bercow darüber, welche Änderungsanträge und aktuellen Stunden auf die Tagesordnung gesetzt werden – und über welche Änderungsanträge abgestimmt werden darf. Und so gewährte der selbstbewusste "Mr. Speaker" den Abgeordneten eine Notfalldebatte vor der umstrittenen Zwangspause (ein "verfassungsrechtlicher Skandal", so Bercow) des Parlaments. Es war die Voraussetzung für das Gesetz gegen einen No-Deal-Brexit, das am Montag in Kraft getreten ist.

Bercow selbst – das ist kein Geheimnis – hätte Großbritannien lieber weiter in der Europäischen Union gesehen. Kritik an seinem Verhalten im Unterhaus weist er aber zurück: "Ich habe meine privaten Überzeugungen, aber im Parlament bin ich unparteiisch", sagte er einmal in einem Interview, das unter anderem in der "Welt" erschien. 

Seit Bercow vor zehn Jahren sein Amt antrat, hat er das traditionsreiche (und -bewusste) Unterhaus ordentlich entstaubt. So schaffte er etwa das Tragen der traditionellen Perücken ab. Im Juni 2017 erlaubte er den Abgeordneten, ohne Krawatten zu entscheiden. Dafür dürften ihn selbst die konservativsten Abgeordneten irgendwo dankbar gewesen sein. Zumal er als 157. "Speaker of the House of Commons" nicht mehr das Schlimmste fürchten musste: Mehrere seiner Vorgänger überlebten den Posten nicht – sie wurden geköpft. 

"Als Mitglied des Parlaments sind Sie niemals Meuterer, niemals Verräter, niemals Volksfeinde"

Bercow ist ein Dickschädel, der die hohe Kunst der Rhetorik beherrscht. "Ich rede einfach zu gern und im Zweifel zu viel", räumte der aus einfachen Verhältnissen stammende Politiker in dem Interview ein. "Meinen Sprachstil habe ich von meinem Vater geerbt, der recht gestelzt sprach." Schon als Kind las Bercow Zeitung, kandidierte für das Schülerparlament und protestierte gegen das Schulessen. Er habe keine Probleme, vor einer Menge zu sprechen. Dagegen gehöre Tanzen zu seinen Urängsten – und seine Furcht davor könne er "nur mit einer beträchtlichen Menge Alkohol" überwinden.

Viel Beifall, aber auch Kritik bekam Bercow für die Ankündigung, US-Präsident Donald Trump bei einem Staatsbesuch nicht im Parlament zu empfangen. Indirekt warf er Trump Rassismus und Sexismus vor.

Doch es gab auch immer wieder massive Vorwürfe gegen ihn von Ex-Mitarbeitern und Kollegen. Sein Ex-Privatsekretär Angus Sinclair etwa behauptete, Bercow habe ihn vor anderen Mitarbeitern angeschrien. Mehrere Parlamentarierinnen soll er beleidigt haben.

Kampf gegen autoritäre Regierung und britische Klatschpresse

Für Aufsehen sorgte auch sein Familienleben: Ehefrau Sally, die Bercow um einen Kopf überragt und eine Anhängerin der oppositionellen Labour-Partei ist, fiel mehrfach mit erotischen Fotos und frivolen Äußerungen auf. Ihr Einzug ins Big-Brother-Haus löste bei ihrem Mann keine Begeisterung aus – er reiste nach Indien.

John Bercow, nachdem er angekündigt hatte, dass er zurücktreten wird

John Bercow, nachdem er angekündigt hatte, dass er zurücktreten wird

DPA

In den vergangenen Jahren entfremdete sich Bercow, ursprünglich ein Konservativer, von den regierenden Tories. Er sieht sich als Verteidiger des Parlaments gegen eine Regierung, die zunehmend autoritäre Züge trägt. Er nahm auch den Kampf gegen die britische Boulevardpresse auf, die EU-freundliche Abgeordnete als Meuterer anprangerte. Bercow rief den Abgeordneten im Unterhaus zu: "Bei der Abgabe Ihrer Stimme ... sind Sie als Mitglied des Parlaments niemals Meuterer, niemals Verräter, niemals Querulanten, niemals Volksfeinde."

Was war nun der Grund für seine Rücktrittsankündigung? Spekuliert wird, dass die Tories entgegen der Gepflogenheiten einen Gegenkandidaten (und Brexit-Befürworter) bei einer vorgezogenen Abstimmung in Bercows Wahlkreis positionieren wollten. Die offizielle Version: Bercow habe seiner Familie bei der vergangenen Parlamentswahl versprochen, nicht noch einmal anzutreten, sagte der dreifache Vater vor dem Parlament. Und sein Versprechen halte er nun mal ein.

Quellen: ZDF, "Süddeutsche Zeitung", "Spiegel Online", mit Material der Nachrichtenagentur DPA

fs