VG-Wort Pixel

Premier unter Zugzwang Massenrauswurf und Freedom-Day am 26. Januar: Wie Johnson in der Party-Affäre seine Haut retten will

Premier unter Zugzwang: Die politische Lage wird für Boris Johnson durch die Party-Affäre immer unangenehmer
Die politische Lage wird für Boris Johnson durch die Party-Affäre immer unangenehmer
© Justin Tallis/ / Picture Alliance
Die Party-Affäre wird für den britischen Premier Boris Johnson immer mehr zu einem ernsten Problem. Nun hat er offenbar seine Strategie aus der Krise zurechtgelegt – und plant Befreiungsschläge an mehreren Fronten.

Die Party-Affäre weitet sich immer weiter aus. Ging es erst nur um zwei Lockdown-Partys im britischen Regierungs-Sitz in der Downing Street 10, wurde mittlerweile bekannt, dass dort nahezu wöchentlich gefeiert wurde, während die britischen Bürger und selbst die Königin in ihren Kontakten beschränkt waren. Obwohl Premierminister Boris Johnson selbst wohl nicht mitgefeiert hat, wird die Kritik immer lauter, die Umfragewerte schlechter. Nun plant er den Befreiungsschlag.

Das geht aus einem ausführlichen Bericht der "Sunday Times" hervor. Demnach sieht Johnson nicht ein, dass er Verantwortung für die Feiern übernehmen soll. Obwohl er Berichten zufolge davon wusste und teils dazu ermutigt habe. "Wie konnte man das alles passieren lassen? Wie ist es dazu gekommen? Warum habt ihr das noch nicht geklärt?", wütete er dem Blatt zufolge gegenüber Mitarbeitern.

Populismus zur Rettung des Amtes

Dem Bericht zufolge will Johnson nach der Affäre mit nicht nur einem, sondern zwei Plänen seinen Verbleib im Amt sichern. Sie werden intern "Rotes Fleisch" und "Rettet den Chef" (Save the big dog) genannt und sollen Johnson vor allem den Rückhalt der britischen Bevölkerung sichern.

Um sich selbst aus der Misere zu befreien, ist der Chef-Rettungsplan wohl die schnellste Variante: "Boris bereitet sich darauf vor, seine Mitarbeiter als Bauern zu opfern, um seine eigene Haut zu retten", erklärte ein vertrauter Abgeordneter der Zeitung. Demnach will Johnson mit Massenentlassungen einen Großteil der trinkfreudigen Mitarbeiter auf die Straße setzen. Als gesetzt gilt etwa sein Privatsekretär Martin Reynolds, der in einer Mail zum "Social-Distancing-Trinken" einlud und dabei betonte, jeder solle "seinen eigenen Alk mitbringen".

Auch die zweite Kampagne soll Johnsons abrauschende Beliebtheitswerte retten. Dabei setzt er auf völlig schamlosen Populismus. Ein Alkohol-Verbot in der Downing Street ist noch nachvollziehbar. Dass Johnson mit einem zweiten Freedom Day am 26. Januar aber alle Corona-Beschränkungen aufheben will, dürfte angesichts der nach wie vor enorm hohen Infektionszahlen auf der Insel wenig mit wissenschaftlichem Rat zu tun haben. Und auch die weiteren Maßnahmen sollen wohl vor allem seinen Umfragezahlen gut tun. Johnson plant, das öffentlich-rechtliche TV-Angebot der BBC zwei Jahre gebührenfrei zu machen, will dem Militär die Kontrolle von Flüchtlingen im Ärmelkanal überlassen und schließlich den Stau an Operationen im öffentlichen Gesundheitssektor beenden.

Ob die drastischen Maßnahmen ziehen, wird sich zeigen müssen. Johnson hadert mit dramatisch schlechten Umfragewerten. Bereits vor Bekanntwerden der regelmäßigen Partys glaubten 70 Prozent der Bürger einer Umfrage zufolge Johnson nicht, dass er nicht von den ersten bekannten Feiern gewusst haben will. 63 Prozent der Befragten forderten entsprechend seinen Rücktritt. Noch schlimmer könnte für ihn sein, dass auch seine Partei immer weniger hinter ihm steht. Bereits 35 Tory-Abgeordnete haben der Zeitung "The Sun" zufolge einen Brief an das berüchtigte 1922-Komitee geschickt. Reichen mehr als 54 Abgeordnete einen Brief ein, muss sich Johnson als Parteivorsitzender in einer Wahl bestätigen lassen. Auch das Amt als Premier wäre ohne den Vorsitz kaum zu halten. Die Maßnahmen sollten also schnell Erfolg haben.

Quellen:Sunday Times,Sun


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker