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Kanzler-Reise: Schröders Abstecher zu den Schröders

In der Kleinstadt Schaumburg nahe Chicago hatte sich Kanzler Schröder eigentlich zur Besichtigung des Hauptquartiers von Motorola angesagt. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass dort auch noch ein entfernter Verwandter lebt, ist gar nicht so gering.

Die Schmidts sind reichlich vertreten. Auch die Fischers, Schreiners und Merkels. Über ein Dutzend Mal sind im Telefonbuch der Kleinstadt Schaumburg in den nordwestlichen Vororten Chicagos auch Namensvettern des deutschen Kanzlers registriert, auf dessen Programm zum Auftakt seiner USA-Reise am Donnerstag dort ein Kurzbesuch stand.

Zweck von Gerhard Schröders Abstecher war zwar nicht die Suche nach einem über den Atlantik versprengten Vorfahren. Vielmehr hatte er sich zur Besichtigung des Hauptquartiers von Motorola angesagt. Der zweitgrößte Handy-Hersteller der Welt hat in Schaumburg sein Hauptquartier. Doch die Wahrscheinlichkeit, dass irgendwo dort auch noch ein entfernter Kanzler-Verwandter lebt, ist gar nicht so gering.

"Schaumburg schalt et heiten"

Denn besiedelt wurde die Gegend vor allem von Einwanderern aus dem einstigen deutschen Kleinstaat Schaumburg-Lippe, zu dem auch Schröders Heimatort Mossenberg gehörte. Erster Siedler war Johann Sunderlage aus Hannover, der sich 1836 mit Frau und Kindern dort niederließ. Es folgten Familien mit Namen wie Springinsguth, Winkelhage oder Sporleder, deren Grabsteine mit deutschen Inschriften noch auf dem alten lutheranischen Friedhof stehen. Die Geburtsorte sind meist Dörfer in Schaumburg-Lippe. Bei einer Bürgerversammlung 1851, als es um die Namensgebung der neuen Heimat ging, stand der aus Reinsdorf im Lippischen stammende Fritz Nerge auf und forderte energisch: "Schaumburg schalt et heiten".

So wurde es beschlossen. In den folgenden Jahrzehnten hielt der Zuzug aus dem Hannoverschen und Ostwestfälischen an. Aus den Listen geht hervor, dass allein drei Dutzend Auswanderer aus Schaumburg- Lippe mit dem Namen Schröder - vom Dienstmann bis zur Schullehrer- Witwe - sich in der neuen Heimat niederließen. Um 1870 war das amerikanische Schaumburg fast "rein deutsch". So gut wie alles Land gehörte deutschen Einwanderern und ihren Nachkommen. Erst mit der großen Wirtschaftskrise in den 30er Jahren des 19. Jahrhunderts, als viele Deutschstämmige ihre Farmen verkaufen mussten, ging diese Dominanz allmählich zu Gunsten der "Yankees" zurück.

Christkindlmarkt und Oktoberfest

Trotzdem blieb ihr Einfluss noch lange spürbar. Bis in die 50er Jahre wurde in vielen Familien zu Hause noch Deutsch gesprochen. In der Kirche von St. Peter wurde bis 1970 der Gottesdienst in Deutsch abgehalten. Mit dem Bau des Chicagoer Flughafens und dem Autobahnring in den 60er Jahren wandelte sich die idyllische Landgemeinde zum begehrten Standort für Industrieansiedlungen. Das "deutsche Erbe" von Schaumburg ist heute meist nur noch an vielen Straßennamen erkennbar. Vor Weihnachten gibt es einen Christkindlmarkt und bereits im September ein Oktoberfest. Kürzlich eröffnete eine gebürtige Herforderin in der Schaumburger Roselle Road einen "Bayerischen Hof".

Joachim Schucht / DPA