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Kolumbianische Ex-Geisel: "Danke Gott, der Jungfrau Maria und Chàvez"

Die kolumbianischen FARC-Rebellen haben vier weitere ihrer rund 720 Geiseln frei gelassen. Die ehemaligen Abgeordneten beklagten sich bitter über die "unmenschlichen" Qualen der mehr als sechsjährigen Gefangenschaft.

Geiselfreilassung in Kolumbien als Medienspektakel: "Ich danke Gott, der Jungfrau Maria und dem Präsidenten Hugo Chàvez", sagte die gerade von den Farc-Rebellen frei gelassene Ex-Geisel Gloria Polanco in eine Kamera. Nach mehr als sechs Jahren in der Gewalt der Rebellengruppe "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (Farc) brach die Ex-Abgeordnete in Tränen aus, als ihr eine Rebellin zum Abschied auch noch einen Blumenstrauß überreichte. Den werde sie auf das Grab ihres von den FARC ermordeten Mannes legen, sagte sie und umarmte die Frau, die Außenstehende als ihre Peinigerin bezeichnen würden.

Sechs Jahre des Leidens

Der von Chàvez als Anti-CNN gegründete Fernsehsender Telesur verwandelte die Freilassung der insgesamt vier Ex-Abgeordneten irgendwo im Nirgendwo der Urwälder im Süden Kolumbiens in ein Rührstück von glücklich-dankbaren Ex-Geiseln, edlen Rebellen und mutigen Vermittlern. Die Freude und Erleichterung der Freigelassenen spricht für sich selbst. Nach sechs Jahren des Leidens und der Ungewissheit sagen sie ihren Dank an Chàvez und die oppositionelle kolumbianische Senatorin Piedad Córdoba in die Kamera.

Die Vermittler, unter ihnen auch Venezuelas Innenminister Ramón Rodríguez Chacín, sind wohl tatsächlich mutig, denn auch sie wissen nicht, ob alles gut gehen wird, ob jemand plötzlich das Feuer eröffnet. Aber das Bild von den guten Rebellen, die ihre Geiseln sauber gekleidet und mit Schulterklopfen in die Welt zurückschicken, bekommt spätestens in Caracas einen ersten Riss.

Neues Lebenszeichen von Betancourt

Dort findet die Ex-Geisel Luis Eladio Pérez seine Sprache wieder. "Sehr krank" sei die vor mehr als sechs Jahren von den Farc entführte damalige Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt. "Sie hat ein Leberleiden", sagte Pérez, der Betancourt zuletzt Anfang Februar in Gefangenschaft gesehen hatte.

Schlimmer jedoch wog, was er dann sagte. Die Rebellen seien "wütend" auf Betancourt und würden sie besonders schlecht behandeln. Die 46-Jährige leide zudem sehr darunter, dass sie offenbar die letzte sein könnte, die frei gelassen wird. Schon in einem Ende vergangenen Jahres beschlagnahmten Video machte die Politikerin, die auch die französische Staatsbürgerschaft besitzt, einen depressiven Eindruck. Sie ist das "Kronjuwel" der FARC, da sich sogar der französische Präsident Nicolas Sarkozy für ihre Freiheit einsetzt.

Schreckliche Bedingungen

"Das Essen ist miserabel, die Lebensbedingungen sind extrem ungesund, und die ständige Angst zerrt an den Nerven", berichtete Pérez weiter von der Tragödie der Geiseln im Urwald. Und das sind nicht nur die etwa 50 Militärs, Polizisten und prominenten Politiker, die die FARC gerne gegen 500 inhaftierte Rebellen austauschen würde. Das gilt auch für die geschätzten insgesamt etwa 3000 Entführungsopfer. Drei Jahre waren wir 24 Stunden am Tag angekettet", erzählte der Politiker weiter. Als sich die Rebellen nach der Freilassung wieder in den Urwald zurückziehen, winken sie noch lange. So lange, als ob sie am liebsten mit nach Caracas fliegen würden.

Jan-Uwe Ronneburger/DPA/spi / DPA