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Kolumbien: "Endlos bin ich hinabgestürzt"

Vor zwei Wochen wurden acht junge Touristen in Kolumbien entführt - darunter ein Deutscher. Jetzt gelang einem von ihnen eine dramatische Flucht durch die unwirtliche Bergwelt.

Mit dem Mut der Verzweiflung stürzte sich der junge Brite Matthew Scott auf der Flucht vor seinen kolumbianischen Entführern einen steilen Berghang hinunter. "Endlos bin ich hinabgestürzt und hatte Angst, mir Arme und Beine zu brechen", berichtete der 19-Jährige nach einer tagelangen Odyssee durch die mehr als 5000 Meter hohe Sierra Nevada im Norden des Landes. Zurück bleiben sieben weitere vor fast zwei Wochen von Bewaffneten verschleppte Touristen, darunter eine Deutsche.

Halb verhungert

Die Gruppe junger Leute, die auf einer Wanderung zu der präkolumbischen Ruinenstadt "Ciudad Perdida" (Verlorene Stadt) war, sei zum Zeitpunkt seiner Flucht vor mehreren Tagen ziemlich verzweifelt gewesen, erzählte Scott vom Krankenhausbett in der Stadt Santa Marta aus. Indios vom Volk der Kogui hatten den Briten halb verhungert und sich ständig übergebend gefunden. "Wir haben ihn mit Suppe und Apfelsinen ein bisschen aufgepäppelt", erzählte einer der Indios kolumbianischen Medien.

Zu den körperlichen Strapazen der Entführung kommen die seelischen Qualen. "Todesangst, immer wieder abrupt Todesangst erleiden - das muss man nicht erlebt haben", sagte der Deutsche Reiner Bruchmann, nachdem er vor zwei Jahren aus mehrmonatiger Geiselhaft bei der marxistischen Rebellengruppe "Revolutionäre Streitkräfte Kolumbiens" (FARC) freigekommen war. Ungewissheit, schreckliche Ängste und Niedergeschlagenheit plagten ihn und seine zwei deutschen Leidensgenossen.

Die Monotonie der endlosen Tage und die verlorene Lebenszeit lasten schwer auf den Opfern einer Entführung. Das Schlimmste für Brückmanns Leidensgenossen Ulrich Künzel aber war das Gefühl, dass einen die ganze Welt vergessen habe.

Jagd durch die Sierra Nevada

Im Fall der jetzt noch sieben entführten Rucksacktouristen -neben der Deutschen ein weiterer Brite, vier Israelis und ein Spanier - kann von mangelnder Aufmerksamkeit kaum die Rede sein. 2000 Soldaten, unterstützt von "Black Hawk"-Kampfhubschraubern und Spionageflugzeugen, jagen die Entführer und deren Opfer durch die Bergwälder der Sierra Nevada. Das harte Vorgehen des kolumbianischen Staates bedeutet nicht nur Gewaltmärsche für die Verschleppten, sondern auch ständige Lebensgefahr.

Denn linke Rebellen haben in der Vergangenheit nicht gezögert, ihre Geiseln zu erschießen, wenn ihnen die Sicherheitskräfte zu dicht auf den Leib rückten. Andere kamen im Kreuzfeuer angreifender Soldaten und der Rebellen zu Tode.

Ärmliche Verhältnisse und äußerst abgehärtet

Die meist ganz jungen Fußtruppen der FARC kommen aus ärmlichen Verhältnissen und sind äußerst abgehärtet. Sie haben ihre Geiseln nach zahlreichen Berichten Überlebender meist korrekt behandelt, aber an das karge Nomadenleben in der Wildnis können sich viele der Verschleppten nur schwer gewöhnen. Scott berichtete zudem, eines der israelischen Opfer leide an Asthma. Wenn das Spray zur Freihaltung der Atemwege aufgebraucht ist, könnten erstickungsähnliche Anfälle die Folge sein.

Zwei zunächst ebenfalls entführte Australier erklärten sich ihre schnelle Freilassung mit ihrem schlechten Schuhwerk. "Wir hatten nur Sandalen", sagte James Schultz in einem Interview. "Deshalb haben sie uns wohl gleich wieder laufen lassen." Wie üblich ließen die bewaffneten Entführer ihre Opfer über die Motive der Entführung völlig im Dunkeln.

Nervöse Rebellen

Nervöse und wegen der militärischen Verfolger selbst mit ständiger Angst kämpfende Rebellen treiben die Opfer ständig zur Eile an. Die äußerst kargen Essensrationen werden zwar meist gerecht geteilt, aber oft klagten Überlebende über lediglich eine Hand voll Reis als einzige Nahrung pro Tag und ab und an mal eine Konservendose. Feuer zum Zubereiten warmen Essens wagten die Rebellen wegen der Verfolger meist nicht zu machen, und oft durfte nicht einmal gesprochen werden.

Die FARC-Führung hat inzwischen bestritten, etwas mit der Entführung zu tun zu haben. Präsident Alvaro Uribe äußerte den Verdacht, die Ausländer könnten sich in der Gewalt des an Kuba orientierten «Nationalen Befreiungsheeres» (ELN) befinden. Bekannt hat sich niemand zu der Tat, und Forderungen für eine Freilassung wurden auch nicht erhoben. Hohlwangig und zerschrammt, aber glücklich über seine Rettung, freut sich Scott nun auf seine Eltern in England. "Er hat sich Backkartoffeln gewünscht", erzählte sein Vater James Reportern.

Jan-Uwe Ronneburger / DPA