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"Weltmacht Wasser": Kalifornien spart sich trocken

Schon lange schwebt die Wasserversorgung Kaliforniens in einer fragilen Balance - und die droht nun zu kippen. Deshalb bereiten Techniker das Abwasser auf. Doch das wird langsam knapp, weil die Kalifornier zu sparsam mit dem kostbaren Nass umgehen.

Von Silvia Feist

Owens Valley, da, wo die Hochspannungsleitungen den US Highway 395 kreuzen, führt eine Schotterpiste nach Osten und scheint sich im Nirgendwo zu verlieren. Der Wind rollt verdorrtes Tumbleweed über die Steppe. Wüstensalbei krallt sich in den Boden. Anfang des 20. Jahrhunderts galt das Tal mit seinen grünen Wiesen und Auen als die Schweiz Kaliforniens. Heute lässt nur ein spärlicher Saum aus Weidenbäumen in der Ferne ahnen, dass dort Wasser fließt. An diesem Fleck Ödnis entspringt Los Angeles. Unter einer Wehrmauer hindurch schlürfte das Los-Angeles-Aquädukt erstmals im November 1913 den gesamten Owens River auf, um ihn 375 Kilometer weiter südlich ins San Fernando Valley zu spucken.

Vor 40.000 jubelnden Menschen ließ Chefingenieur William Mulholland damals die Ventile öffnen und heraus schoss das blaue Gold. "Da ist es. Nehmt es!" Seine Worte wurden legendär und Mulholland zum Vater des modernen Los Angeles. Ohne dieses Wasser wäre die Stadt nie zur zweitgrößten Metropole der USA herangewachsen. Doch ohne dieses Wasser verwandelte sich das Tal im Norden in eine Steppe - und der Owens Lake, in den der Fluss sich einst ergoss, sollte für Jahrzehnte zur größten Feinstaubquelle Nordamerikas werden. Schon lange schwebt die gesamte Wasserversorgung Kaliforniens in einer gefährlich fragilen Balance: zwischen Mensch und Natur, zwischen Städten und Landwirtschaft, zwischen Nord und Süd.

Ein hochkomplexes Wassernetz durchzieht Kalifornien

"Das System ist eigentlich für 18 Millionen Menschen gebaut worden. Jetzt versorgt es 37 Millionen und bald werden es 50 Millionen sein", sagt Eleanor Torres, Sprecherin der Grundwasserbehörde von Orange County, dem Nachbarbezirk von Los Angeles. Der Owens River und seine Umleitung ins Los Angeles Aquädukt sind nur ein Beispiel für die Komplexität dieser natürlichen und künstlichen Verteilung und ihre Folgen. Wie ein Arteriennetz durchziehen Kanäle und Aquädukte, Ströme, Bäche und betonierte Flussbetten ganz Kalifornien. Tina Swanson, Direktorin des umweltpolitischen Bay Institutes, vergleicht das System mit dem achten Weltwunder. Das Herz dieses Netzes ist das California Delta. Abermilliarden Liter werden von hier jedes Jahr aus dem wasserreichen Norden nach Süden gepumpt. Im Delta vereinen sich die beiden Hauptwasseradern: der Sacramento und der San Joaquin River. Bevor sie in die Bucht von San Francisco münden, werden sie zur wichtigsten Quelle der Versorgung. Von hier erhalten zwei Drittel aller Kalifornier ihr Wasser. "Im Prinzip nutzen wir die Flüsse wie ein Transportband", sagt Dr. Swanson, "sie liefern das Wasser ins Delta, und wir verfrachten es in die Aquädukte." Bei allem Respekt für die technische Finesse ist ihr Ton kritisch. Als ehemalige Chefwissenschaftlerin des Instituts hat sie festgestellt, wie die menschliche Idee der unbegrenzten Machbarkeit das Ökosystem an den Rand des Kollapses gebracht hat - und damit auf lange Sicht die Wasserversorgung selbst gefährdet. (…)

Die Wassermanager haben gezockt

(…) All die Liter für den Morgenkaffee, zum Duschen und Wäschewaschen, selbst für die manikürten Rasen im Land der Einfamilienhaus-Kultur sind vergleichsweise unbedeutend. Der große Durst, so Vorster, besteht woanders: "Bis zu 80 Prozent dieses Wassers gehen in die Landwirtschaft." Fast ein Zehntel der Landesfläche wird für Ackerbau genutzt. Kalifornien ist die fünftgrößte Agrarwirtschaft der Welt. In der lang gezogenen Ebene des Central Valleys erstrecken sich über 600 Kilometer Obstplantagen, Pistazien- und Mandelhaine, Baumwollfelder, Gemüsegärten, Weinstöcke, Äcker für Viehfutter und Milchfarmen. (…)

(…) Dürre ist in Kalifornien nicht einfach ein Fakt, sondern ein Kampfwort. Für die Bauern und Landarbeiter war Schwarzenegger ein Held. Für Umweltschützer und Kritiker der Agrarindustrie ein Opportunist, der mal eben eine Trockenheit zu "epischen Ausmaßen" verklärte, um seinen Antrag auf eine 9,3-Milliarden- Dollar-Staatsanleihe durchzusetzen. Damit will die Regierung neue Reservoire und Dämme bauen und einen höchst umstrittenen Umgehungskanal, der das Delta als Wasserumschlagplatz entlasten soll, aber neue Risiken für die Natur in sich bergen würde. Der Naturessayist Tom Stienstra schrieb dazu in seiner Kolumne im San Francisco Chronicle: "Das ist keine Dürre, sondern ein hausgemachter Engpass." Den Wassermanagern warf er vor, sie hätten gezockt. 2006 war ein sehr nasses Jahr gewesen, sodass alle Speicher randvoll waren. Im Jahr darauf schöpften die Manager diese Vorräte ganz aus - obwohl sich eine Trockenperiode abzeichnete. "Sie haben einfach auf ein nasses Frühjahr gesetzt", kritisierte Stienstra, "als das nicht kam, wurden viele Seen bis auf den Grund geleert, um Wasser nach L.A. und an die Bauern zu liefern." Dr. Vorster vom Bay Institute sieht das ähnlich. Die Manager hätten das Risiko aufs Ökosystem abgewälzt. (…) (…) "Wenn ein Wetterextrem auf das andere trifft, ist das immer problematisch", weist Dale Sally Jr. den Vorwurf zurück, die Manager hätten zu sehr auf Risiko gespielt. "Sind die Speicher richtig voll, müssen wir das Wasser zuteilen, sonst bekommen wir Schwierigkeiten, wenn ein weiteres nasses Jahr folgt." In den Reservoiren muss Platz sein für Wassermengen, die noch nie exakt vorhersehbar waren, aber durch den Klimawandel vollends unkalkulierbar werden. Denn die gesamte Wasserversorgung Kaliforniens basiert auf einer Vorratshaltung, die im Prinzip grenzenlos groß ist: Schnee. Die verschneiten Kuppen der Sierra Nevada ziehen sich von der Grenze zu Oregon im Norden bis weit in den Süden des Staats, hinzu kommen zahlreiche kleinere Berge und Gebirgszüge. (…)

Lesen Sie auf der nächsten Seite: Die kalifornische Landwirtschaft macht nur zwei Prozent den BIP aus, nutzt aber die Hälfte des Wassers

Jeder Liter auf den Feldern wird mit Steuergeldern bezuschusst

(…) Speichern und sparen - das sind die beiden wesentlichen Pfeiler, um den veränderten Bedingungen zu begegnen und Kaliforniens Wasserversorgung für künftige Generationen zu sichern. Im Mittelpunkt der Kritik steht einmal mehr die Agrarwirtschaft. Zumal sie, trotz ihrer immensen Größe, nur zwei Prozent des kalifornischen Bruttosozialprodukts ausmacht. "Die Landwirtschaft nutzt fast die Hälfte ihres Wassers, um wasserintensive, aber geringwertige Kulturen wie Baumwolle anzupflanzen", sagt Peter Vorster. Das rechnet sich für die Bauern nur, weil die Regierung in Washington DC Baumwoll- und Reisernten subventioniert - und weil außerdem jeder Liter, der auf die Felder fließt, ebenfalls bezuschusst wird. (…)

(…) Doch es gibt auch die andere Seite der Landwirtschaft. Der Distrikt, in dem Dale Sally Jr. seine Felder bestellt, gehört zu den Effizientesten der Welt. Verglichen mit Spanien, dem größten Orangenexporteur, liegt der Ertrag pro Hektar in Kalifornien um die Hälfte höher. "Fast alle Bäume und Reben werden tröpfchenbewässert", erzählt er in seiner Orangenplantage. Schwer hängen die Früchte an den Zweigen. Schwarze Plastikschläuche ziehen sich durch die endlosen Reihen der Bäume. Ein feiner Sprühnebel aus dem Sprinkler benetzt ausschließlich den Wurzelbereich. "Neunzig bis dreiundneunzig Prozent unseres Wassers erreichen wirklich ihr Ziel", sagt er. Jetzt experimentieren einige Bauern mit Tensiometern, Messgeräten, die die Bodenfeuchte erfassen und so signalisieren, wann jeder einzelne Baum überhaupt Wasser braucht. So könnte die Dosierung in Zukunft vollkommen automatisch laufen: Der Baum bestellt, ein Computer serviert. (…)

Der Feinstaub aus dem vertrockneten See fliegt 1000 Kilometer weit

(…) Gleich hinter dem Friant-Kern-Kanal beginnen die ersten Ausläufer der Sierra Nevada. Über die Berge hinweg, zu Füßen des Mt. Whitney, liegt der Owens Lake, der einst vom Owens River gespeist wurde. Ingenieur Frederick Eaton, der Ende des 19. Jahrhunderts Bürgermeister von Los Angeles war, hatte das Wasser entdeckt, das den Durst seiner wachsenden Stadt stillen sollte. Wie eine Verschwendung der kostbaren Ressource erschien es ihm, das klare Flusswasser in dem salzigen See enden zu sehen. So verschwand der Owens River 1913 im Aquädukt - nur dreizehn Jahre später war auch der See verschwunden. Zurück blieben 260 Quadratkilometer salzigen Grunds. Der Boden des einstigen Sees enthält Spuren von Arsen, Nickel, Selen und Cadmium. Fast 80 Jahre lang fegten Stürme darüber hinweg und trugen den feinen Staub ins entfernte Los Angeles und weiter. Bis zu tausend Kilometer können die kleinen Partikel fliegen. Der US Geological Survey, eine Regierungsbehörde, zitiert Zahlen, nach denen jedes Jahr 900.000 bis acht Millionen Tonnen Staub vom Wind aufgegriffen wurden. Mit einem Durchmesser von einem bis 15 Mikrometern sind sie rund zehnmal dünner als ein menschliches Haar. Sie setzen sich in der Lunge fest und können von dort über das Blut in die Organe gelangen. Auf diesen Staub führt Sandra Jefferson Yonge ihr Asthma zurück. Die 61-Jährige hat die meiste Zeit ihres Lebens in Lone Pine verbracht, einem kleinen Ort gerade oberhalb des Owens Lake. "Das Los Angeles Department of Water and Power (DWP) müsste eigentlich jeden entschädigen, der hier an Asthma oder anderen Lungenproblemen leidet", sagt sie. (…) (…) Ein Umdenken hat begonnen. Eine Gesellschaft, die es gewohnt ist, dass alles geht, begreift langsam, sie ist Teil eines größeren Ganzen. Ab 2009 soll der Zukunftsplan von Schwarzeneggers 2006 einberufener Blue Ribbon Task Force für das Delta umgesetzt werden. Punkt eins: Die rechtliche Anerkennung, dass das Ökosystem und die Wasserversorgung von gleichrangiger Bedeutung sind. Eines der besten Beispiele für diesen Wandlungsprozess ist tatsächlich Los Angeles. In den vergangenen 25 Jahren hat sich die Stadt in vielerlei Hinsicht zu einem Vorreiter der Sparbewegung entwickelt. Um eine Million Menschen ist sie in diesem Zeitraum gewachsen, der Wasserverbrauch blieb gleich. Von neuen Toilettenspülungen über die Anweisung, in Restaurants nur noch Wasser auf Nachfrage einzuschenken, bis zu finanziellen Zuschüssen beim Kauf von Wasser sparenden Waschmaschinen oder Kunstrasen versucht Los Angeles, seine Bewohner für einen bewussteren Umgang mit der Ressource Wasser zu gewinnen. Selbst den für die Zukunft erwarteten zusätzlichen Bedarf von 125 Millionen Kubikmetern will die Stadt ausschließlich durch Einsparungen und Recycling decken. Dafür holt sie sich auch im Nachbarbezirk Orange County Rat. Dort hat Anfang 2008 die größte und modernste Wasseraufbereitungsanlage der Welt den Betrieb aufgenommen, das Groundwater Replenishment System (GWRS), weil das aufbereitete Wasser genutzt wird, um die Grundwasserspeicher aufzufüllen.

"Wir nehmen das hervorragend aufbereitete Abwasser und filtern es, bis es die Qualität destillierten Wassers hat", sagt der Ingenieur Shivaji Deshmukh. Wenn er Besuchern die Anlage zeigt, endet die Tour stets mit einem gemeinsamen Schluck aufbereiteten Abwassers. Es schmeckt ein wenig schal. "Das liegt daran, dass das Wasser nach dem Filterprozess so rein ist, dass wir Mineralien hinzufügen müssen, wie es die Firmen machen, die Wasser in Flaschen abfüllen", erläutert er. Das geklärte Abwasser, das andernorts im Meer verschwindet, wird im Orange County zum Rohstoff. Bakterien und kleinste Partikel werden von Mikrofiltern eingefangen. Dann wird das Wasser durch Membranen gepresst, um gelöste Chemikalien, Spuren von Medikamenten und Viren zu entfernen. Zur Sicherheit wird das Wasser danach UV-bestrahlt und mit Wasserstoffperoxid behandelt, damit gesundheitsschädliche Partikel keinerlei Chance haben. 265 Millionen Liter am Tag gewinnt der Orange County Water District auf diese Weise, genug Wasser für 500.000 Menschen. "Angesichts der Pumpbeschränkungen im Delta sind wir froh, uns unabhängiger vom Wasserimport machen zu können", sagt Eleanor Torres, die Sprecherin der Grundwasserbehörde. Und dann schiebt sie hinterher, was alle Wasserstrategen seit Mulhollands Plänen für das Los Angeles Aquädukt erlebt haben: "Wir dachten, wir bauen für die Zukunft und das Bevölkerungswachstum. Aber als unsere Anlage in Betrieb ging, war die Zukunft schon da." Bis 2012 sollen täglich 380 Millionen Liter aufbereitet werden. Die Anlage könnte mehr bewältigen. "Aber das Abwasser wird knapp", erzählt Ingenieur Deshmukh, "denn die Leute sparen inzwischen sehr gut." (…) (…) Die Anlage im Orange County ist ein Plus für die Gesundheit des Deltas. Schnell ist ihr erfolgreicher Einsatz bekannt geworden: Delegationen von Wassermanagern und Ingenieuren aus Israel, Japan, Marokko, Südkorea und anderen Teilen der Welt hoffen, hier eine Lösung für ihre Probleme zu Hause zu finden. Wie Los Angeles. Damit Fehler wie im Owens Valley vor hundert Jahren der Vergangenheit angehören, soll ein Groundwater Replenishment System dort ab 2018 die Versorgung der Stadt sichern. Die Technik ist komplex, die Logik simpel: Der Natur etwas zurückgeben, um auch in Zukunft etwas von ihr zu bekommen.

Silvia Feist ist Mitglied des Auslandskorrespondentennetzes Weltreporter.net