HOME

Kolumbien: Zwischen Militär und Mafia

Kolumbien blickt auf ein reiches Kolonialerbe zurück, leidet aber unter ständigen inneren Unruhen. Hinter der demokratischen Fassade herrschen Ausbeutung und Gewalt.

"Pump sie mit Blei voll!" - William lebt in der südkolumbianischen Provinzhauptstadt Pasto und hatte ein klares Feindbild. Die marxistischen FARC-Rebellen sollten endlich bekommen, was sie seiner Meinung nach schon lange verdient haben: den entschiedenen militärischen Widerstand eines starken Staates. Deshalb hatte der Angestellte auch im März 2002 bei den Parlaments- und Präsidentschaftswahlen den rechten Kandidaten Àlvaro Uribe gewählt und wie Millionen andere Kolumbianer zu dessen Wahlsieg gleich in der ersten Runde beigetragen. "Endlich ein starker Präsident", begrüßte auch ein Wachmann in der Hauptstadt Bogotà den Sieg Uribes.

Je schlimmer es die selbst ernannten Weltverbesserer aus dem Busch bei ihrem Krieg gegen die Zivilbevölkerung trieben, desto sicherer wurde der Wahltriumph des früheren Gouverneurs der Provinz Antioquia. Pro Jahr 3.500 Tote, 3.000 Entführungen, 1.000 neue Binnenflüchtlinge pro Tag und Milliardenverluste durch Anschläge auf Brücken und Strommasten hatten das Fass zum Überlaufen gebracht.

Mord und Entführung an der Tagesordnung

Kolumbien zählt zu den gefährlichsten Ländern der Welt. Seit Jahrzehnten muss die Regierung in Bogota ohnmächtig zusehen, wie der Andenstaat von Gewalt und Terror zerrissen wird. Mord und Entführung sind in dem südamerikanischen Land an der Tagesordnung: Seit Mitte der 60er Jahre starben rund 200.000 Menschen eines gewaltsamen Todes. Jedes Jahr sterben etwa 30.000 Menschen eines gewaltsamen Todes, als "Mörderhauptstadt" und Zentrum des Rauschgifthandels gilt Medellin. Trotz amerikanischer Unterstützung im Kampf gegen die Rauschgiftkartelle wird von Kolumbien weltweit das meiste Kokain exportiert.

Die meisten Entführungen gehen nicht auf das Konto von "gewöhnlichen" Kriminellen, sondern werden von kommunistischen Rebellenbewegungen verübt. Die größten Gruppierungen sind die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (FARC). Mit rund 17.000 Mann kämpft die FARC seit fast vier Jahrzehnten für eine marxistische Zukunft des Landes. Wie die FARC finanziert auch das von der kubanischen Revolution inspirierte "Nationale Befreiungsheer" (ELN), der zweitgrößten Guerillabewegung des lateinamerikanischen Landes seinen "bewaffneten Kampf" zum Teil mit Entführungen. Weitere Einnahmequellen der Guerilleros sind der Drogenhandel, Banküberfälle und "Revolutionssteuern" in den von ihnen eroberten Gebieten. Geiseln sind auch ein Faustpfand zur Freipressung von eigenen Gefolgsleuten.

Befreiungsversuche enden tödlich

Die Mitglieder der FARC haben nach Angaben ihrer Führung Anweisung, Geiseln bei Befreiungsversuchen zu töten. Erst im Mai dieses Jahres waren der frühere Verteidigungsminister Gilberto Echeverry und der Gouverneur der Provinz Antioquia, Guillermo Gaviria, sowie acht weitere Militärs bei einem Befreiungsversuch von ihren Entführern erschossen worden. Sie halten derzeit noch Dutzende Politiker in ihrer Gewalt, darunter seit Februar vergangenen Jahres die frühere Präsidentschaftskandidatin Ingrid Betancourt.

Wohlhabende Familien versuchen deshalb, die gewaltsame Befreiung entführter Angehöriger durch das Militär zu verhindern. Die Katholische Kirche hat Uribe immer wieder aufgefordert, mit den Rebellen ein Abkommen zum Gefangenenaustausch zu schließen. Der Präsident will einer solchen Übereinkunft jedoch nur zustimmen, wenn sie unter der Vermittlung der Vereinten Nationen zu Stande kommt. Die FARC hat sich wiederholt zu Friedensgesprächen bereit erklärt. Sie fordert jedoch die Schaffung eines entmilitarisierten Rückzugsgebiets, was Präsident Alvaro Uribe ablehnt. Kolumbien hatte bereits 1998 eine entmilitarisierte Zone eingerichtet, in der die FARC eigene politische Strukturen aufbaute.

Jeder gegen jeden

Die einzelnen Guerillagruppen Kolumbiens bekämpfen sich auch gegenseitig; die Unterschiede in Ideologie und Strategie ergeben sich aus Differenzen zwischen den von ihnen als Vorbilder genutzten internationalen Gruppen. Die erbittertsten Gegner von FARC und ELN sind rechtsgerichtete paramilitärische Verbände, die "Vereinigten Selbstverteidigungs-Gruppen" (AUC). Die Vereinigung rechter Milizen soll rund 10.000 bewaffnete Kämpfer haben. Ihre Anführer werden in den USA wegen Drogenhandels gesucht. Zur Einschüchterung der Landbevölkerung haben Todes-Schwadrone der AUC wiederholt Massaker an angeblich "subversiven" Zivilisten verübt. Auch vor Entführung und Mord an Politikern machen die Paramilitärs nicht Halt. Im Dezember 2002 erklärte die AUC einen einseitigen Waffenstillstand.

Schon seit fast 40 Jahren kämpfen die Rebellen gegen den Staat und sind damit eine der ältesten Untergrundbewegungen der Welt. Und Dank der Übernahme eines großen Teils des Drogenhandels nach der Zerschlagung der großen Kartelle von Cali und Medellín Anfang der 90er Jahre sind sie wohl auch die reichste Rebellenarmee. Ihr Anführer "Tirofijo" (Blattschuss), bürgerlich Manuel Marulanda, ist von Anfang an dabei.

"Älteste Demokratie Lateinamerikas"

Dass fast alle Regierungswechsel in der Geschichte des Landes durch Wahlen zustande kamen und Staatsstreiche die Ausnahme blieben, bringt Kolumbien bis heute den Ruf der "ältesten Demokratie Lateinamerikas" ein. Diese Sicht aber nimmt weder die Umstände des Zustandekommens von Wahlergebnissen noch die zum Teil brutale Unterdrückung der politischen Gegner und insbesondere der Landbevölkerung zur Kenntnis.

Der interne bewaffnete Konflikt in Kolumbien geht auf eine über 50-jährige Geschichte ungelöster Probleme zurück. Der gewaltsame Tod des populären liberalen Politikers Jorge Eliecer Gaitán 1948 mitten in Bogotá löste einen spontanen Volksaufstand aus. In der Folge kam es zu einer äußerst grausam geführten Auseinandersetzung zwischen der konservativen und liberalen Partei. Diese Zeit der "Violencia" - der Gewalt - war jedoch nur oberflächlich ein Konflikt zwischen den Parteien. Vielmehr war er ein erster, gewaltsam durchgesetzter Modernisierungsschub, von dem die politische Elite Kolumbiens - Liberale und Konservative - massiv profitierte.

Antwort auf Aggressionen der Oligarchie

Als am 27. Mai 1964 die "Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens" (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) gegründet wurden, waren sie die Antwort auf die fortwährenden Aggressionen der kolumbianischen Oligarchie gegen die sozialen und gewerkschaftlichen Bewegungen in dem südamerikanischen Land; keineswegs aber waren die FARC der Ausgangspunkt der Welle der Gewalt.

Im Zuge der Violencia wurden schätzungsweise über 1 Million Bauern von ihren Höfen vertrieben, und die aufkommende Industrie in den Städten konnte auf ein Heer billiger und rechtloser Arbeitskräfte setzen. Die kolumbianische Wirtschaft florierte und schrieb in den Jahren der Violencia Wachstumsraten wie nie zuvor. Gemeinsam setzte die liberale und konservative Führungselite 1953 General Rojas Pinilla als Diktator mit der Aufgabe ein, das Land zu befrieden.

Liberal-konservatives Zweiparteiensystem

Rojas Pinilla erreichte einen Waffenstillstand zwischen den wichtigsten liberalen Guerillafronten. Deren Führungspersonen wurden aber in den meisten Fällen kurze Zeit nach ihrer Eingliederung ins Zivilleben ermordet. Die Bauern in den von der Violencia besonders gezeichneten Regionen haben diesen Verrat seitens des Staates nie vergessen. Der Hintergrund der Violencia spielt auch in der heutigen Konfliktsituation nach wie vor eine nicht zu unterschätzende Rolle. Auch heute noch wird die kolumbianische Politik vom liberal-konservativen Zweiparteiensystem völlig beherrscht.

In der Tradition der bäuerlichen Selbstverteidigung und infolge der Verschärfung der Auseinandersetzungen im kolumbianischen Agrarsektor nach der Violencia entstand 1964 der Bloque Sur, der sich 1966 in FARC und 1982 in FARC-Ejército Popular (FARC-EP) umbenannte. Die Ziele der Guerilla waren bis 1982 auf den Schutz der Landbevölkerung und die Durchsetzung einer umfassenden Agrarreform begrenzt. Seither streben die FARC auch Veränderungen der politischen Struktur, insbesondere die Ausdehnung der politischen und ökonomischen Partizipationsmöglichkeiten an.

Mehr als 40 Prozent des Landes in Rebellenhand

Der Staat ist korrupt und geschwächt. Mehr als 40 Prozent des Landes sind in der Hand illegaler bewaffneter Gruppen von links und rechts. Auch auf Uribe selbst hatten es die Rebellen schon abgesehen; er entging einem Bombenanschlag nur knapp. Die vergeblichen Bemühungen von Amtsinhaber Andrés Pastrana, in dreijährigen Gesprächen unter weit reichenden Konzessionen einen Friedensschluss mit den "Revolutionären Streitkräften Kolumbiens" (FARC) herbeizuführen, brachten viele Menschen zu der Überzeugung, dass die Guerilla nicht wirklich Frieden will.

Der 50-jährige Uribe will mit "harter Hand und großem Herzen" regieren. Die FARC sollen militärisch so weit geschwächt werden, dass sie irgendwann doch noch zum Frieden bereit sind. Dafür benötigt er jedoch sehr viel Geld, um die bisher mit 100.000 Mann viel zu schwachen Streitkräfte aufzurüsten. Zudem sollen insgesamt eine Millionen Menschen als eine Art Freiwilligen-Armee den Streitkräften zu Hilfe kommen.

27 Millionen Kolumbianer leben unterhalb der Armutsgrenze

Wenn das "große Herz" aber nicht nur ein leeres Wahlversprechen bleiben sollte, braucht der gewählte Staatschef die knappen Finanzmittel dringend für die Bekämpfung der Armut. Von 42 Millionen Kolumbianern leben 27 Millionen unterhalb der Armutsgrenze, 9 Millionen werden nicht einmal jeden Tag satt. Uribe betonte nach seinem Sieg, die Demokratie stehe und falle mit der sozialen Gerechtigkeit. Dies müssten auch die internationalen Finanzorganisationen verstehen. Schon im Wahlkampf hatte er wiederholt betont, dass viele junge Leute nur aus Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit zu den gut zahlenden Rebellen stoßen.

Jan-Uwe Ronneburger / DPA