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Kopftuchverbot: Erpresser vereinen Frankreich

Angesichts der Entführung französischer Journalisten im Irak haben sich Christen und Muslime in Frankreich hinter das Kopftuchverbot gestellt. Die ehemals zerstrittenen Gruppen präsentieren sich in großer Einigkeit.

Auch die Regierung will ungeachtet des Ultimatums der Entführer an dem Kopftuchverbot an französischen Schulen festhalten, das zum Schulbeginn am Donnerstag wirksam wird. Die Frage einer eventuellen Aufhebung des Verbots "stellt sich nicht", sagte Regierungssprecher Jean-François Copé am Montag. Die Entführer, die sich "Islamische Armee Iraks" nennen, drohen mit der Ermordung der zwei im Irak verschleppten französischen Journalisten, wenn Paris nicht das Kopftuchverbot an öffentlichen Schulen aufhebt. Die Reporter Christian Chesnot und Georges Malbrunot wurden am 20. August als Geiseln genommen.

Innenminister Dominique de Villepin traf am Sonntag mit Vertretern der muslimischen Gemeinde zu einer Krisensitzung zusammen. Man demonstrierte Einigkeit in der Ablehnung des irakischen Erpressungsversuchs und stand auf dem Gruppenfoto einträchtig beisammen. Statt die Debatte um das Kopftuchverbot wieder anzuheizen, führte die Entführung der französischen Journalisten zum Gegenteil dessen, was eigentlich bezweckt wurde: Einem spontanen Zusammenhalt zwischen Muslimen, sozialistischen und bürgerlichen Politikern.

"Diese Entführer sind Feinde des Islams"

"Wichtig war uns die Debatte über das Kopftuch, wir haben unsere Ansicht geäußert, doch jetzt gilt das Gesetz und sollte auch befolgt werden", sagte der Präsident des gemäßigten französischen Islamrates, Dalil Boubakeur nach dem Treffen. Er warf den Entführern vor, das falsche Ziel gewählt zu haben. "Frankreich verdient keine Strafe, sondern ein Dankeschön für seine Irak- Politik". Mit Leuten wie diesen «darf Frankreich nicht verhandeln». Auch Frankreichs Fundamentalisten, die an vorderster Front gegen das Kopftuchverbot kämpften, stellen sich nun hinter die französische Regierung. Der Generalsekretär der radikalen Union Muslimischer Organisationen Frankreichs (UOIF), Fouad Allaoui, forderte junge Mädchen auf, "das Gesetz zu achten". Noch einen Schritt weiter geht der Präsident der UOIF, Lhaj Thami Breze. "Diese Entführer sind Feinde des Islam", sagt er der Tageszeitung "Le Figaro". "Ihr völlig unverantwortliches Verhalten schadet der gesamten muslimischen Gemeinde. Alle Muslime Frankreichs sind heute zu Geiseln geworden".

Frankreich duldet keine Erpressung

Das Gesetz, das die Nationalversammlung im März mit überwältigender Mehrheit verabschiedet hatte, verbietet das Tragen "auffälliger" religiöser Symbole wie islamische Kopftücher, christliche Kreuze und jüdische Kippas. Die arabischen Botschafter in Frankreich haben ihre "rückhaltlose Solidarität" mit der Regierung in Paris erklärt. "Wir verurteilen auf das schärfste diese inakzeptable Erpressung des französischen Staates", hieß es in einer Mitteilung der Botschafter in Paris.

Frankreichs Präsident Jacques Chirac hatte sich am Sonntag persönlich in den Entführungsfall eingeschaltet und seinen Außenminister Michel Barnier in den Nahen Osten entsandt. Alaoui empfahl moslemischen Schülerinnen, sich am Donnerstag nicht offen über das Verbot hinwegzusetzen. "Diese Episode sollte nicht zu einer weiteren Radikalisierung der Situation in Frankreich führen", sagte er dem Radiosender RTL. Der Streit um das Verbot sei eine rein französische Angelegenheit. Jegliche Einmischung von Außen lehne er ab. Alaoui hatte vor der Geiselnahme noch zur Missachtung des Kopftuchverbotes aufgerufen.

Umsetzung des Kopftuch-Verbots verschoben

Der UOIF-Vorsitzende sagte, das im März beschlossene Gesetz gelte nicht nur für Moslems, sondern für alle französischen Bürger. Die Debatte über die Umsetzung des Gesetzes solle bis zur Freilassung der Reporter verschoben werden. Um das Gesetz zu umgehen, sollten moslemische Schülerinnen bis dahin ihre Kopftücher durch andere Kopfbedeckungen ersetzen. "Wir sagen den Schülern, dass sie das Gesetz respektieren müssen, wenn die Schule wieder beginnt, dass sie auffallende Glaubenssymbole vermeiden müssen und dass das Gesetz keinesfalls systematisch oder ohne Ausnahme das Tragen aller Kopfbedeckungen verbietet."

Frankreich hatte das Gesetz unter anderem als Reaktion auf eine Ausweitung des Einflusses moslemischer Aktivisten und zunehmender Spannungen zwischen moslemischen und jüdischen Jugendlichen an staatlichen Schulen beschlossen. Bernard Stasi, Leiter des Ausschusses, der als erster ein Verbot religiöser Symbole an staatlichen Schulen gefordert hatte, sagte, das Gesetz sei nicht gegen eine einzelne Glaubensgemeinschaft gerichtet. Es sei auch falsch, es als moslemfeindlich zu bezeichnen. "Ich bin betrübt, weil wegen des Verhaltens bestimmter Gruppen das Bild des Islam beschädigt worden ist und einige Franzosen das Gefühl haben werden, dass der Islam auf keinen Fall in ein demokratisches Land passt."

Reuters/DPA / DPA / Reuters