HOME

Kosovo: Zwischen Aufbruch und Frustration

Der Jubel über Unabhängigkeitserklärung des Kosovo ist vorbei. Die Kosovaren müssen nun mit ihrer neuen Unabhängigkeit leben und ihre hochgesteckten Erwartungen selbst erfüllen. Noch wichtiger: Sie müssen eine äußerst frustrierte Minderheit in ihre Selbständigkeit einbinden.

Von Norbert Rütsche, Pristina

Die lautstarken, fröhlichen Jubelfeiern mit nicht mehr enden wollenden Autokorsos, mit Plätzen voller tanzender, singender und Flaggen schwenkender Menschen sind vorbei. Doch die grenzenlose Freude ist geblieben in den Straßen Pristinas, der Hauptstadt des jüngsten Staates der Welt. Viele junge Leute lassen es sich nicht nehmen, spontan ein wenig weiterzufeiern. Dazu gehören auch die Mittelschülerin Egzona Sylejmani (18) und ihre Freundinnen. Sie haben gerade den ersten Schultag im unabhängigen Kosovo hinter sich. "Jetzt tanzen wir nochmals ein bisschen", lacht Egzona. "Die Unabhängigkeit ist einfach wunderbar, ich finde gar keine Worte. Für uns hat ein neues Leben begonnen - jetzt haben wir einen eigenen Staat!"

Eine Flagge für Europa

Während am Montag Schulen und öffentliche Einrichtungen geschlossen blieben, ist am Dienstag wieder weitgehend der Alltag eingekehrt. Auch die große Mehrheit der Medienschaffenden aus aller Welt, die über die Ausrufung der Unabhängigkeit Kosovos berichtet hatten, sind abgereist. Pristina gehört wieder ganz den Kosovaren. Vor den Regierungsgebäuden weht nun die neue Staatsflagge. Ihre Grundfarbe ist blau, darauf sind, gelb eingefärbt, die Umrisse Kosovos zu sehen, darüber in einem leicht geschwungenen Bogen sechs weiße Sterne. Diese stehen für die verschiedenen in Kosovo lebenden Volksgruppen - Albaner, Serben, Roma und andere. Die Botschaft der Flagge, die aus 2.536 eingereichten Vorschlägen ausgewählt wurde, ist eindeutig: Kosovo will als multiethnischer Staat möglichst schnell Mitglied der Europäischen Union werden.

Das Wichtigste ist Arbeit

Für die neue Staatsflagge haben die Brüder Shajp (67) und Adnan (65) Marevci, die durch Pristinas Zentrum flanieren, noch keine wirklichen Emotionen entwickelt. Wie für die meisten Kosovo-Albaner ist die albanische Flagge mit dem schwarzen Doppelkopfadler auf rotem Grund für sie bedeutender. Unter diesem Symbol haben die Kosovo-Albaner für ihre Freiheit gekämpft, gelitten, sind viele von ihnen gestorben. Doch die Botschaft der neuen Flagge teilen die Brüder voll und ganz: "Wir wollen zu Europa gehören. Wir hoffen nun, dass uns Europa hilft, die dafür notwendigen Voraussetzungen zu erfüllen", sagt Shajp. Doch Adnan mahnt auch die Verantwortung an, die die Unabhängigkeit mit sich bringt: "Jetzt müssen wir unser Schicksal selbst in die Hand nehmen. Das wichtigste ist, Arbeitsplätze für die jungen Leute zu schaffen." Von den rund zwei Millionen Menschen, die in Kosovo leben, sind je nach Jahreszeit 35 bis 45 Prozent ohne Job - bei den Jungen sind es noch viel mehr. Kosovo ist nicht nur der jüngste Staat der Welt, sondern hat auch die jüngste Bevölkerung Europas. Rund 50 Prozent der Bevölkerung sind unter 25 Jahre.

Gezim Radoniqi und Adrian Gecaj gehören zu einer Minderheit: Sie sind 26 und haben einen Job. Beide arbeiten als junge Architekten in Pristina. Jetzt warten sie gespannt, welche Länder Kosovo als eigenen Staat anerkennen werden. "Gerade hat uns der Senegal anerkannt", ruft Gezim freudig aus. Die beiden jungen Architekten schauen so oft sie können bei der Webseite www.kosovothanksyou.com vorbei. Hier ist eine anschauliche Übersicht zu finden, welche Staaten Kosovo bereits anerkannt haben und welche dies aller Wahrscheinlichkeit nach bald tun werden. "Die Unabhängigkeit ist das Größte für uns, wie haben so lange darauf gewartet", lacht Gezim.

Frust bei den Kosovo-Serben

Ganz und gar nicht zum Lachen zumute ist es den rund 120.000 im Kosovo verbliebenen Serben. "Mein Seelenschmerz ist so groß", schluchzt eine Schuldirektorin aus der nordkosovarischen Kleinstadt Zubin Potok unter Tränen. "Und dass man uns heute unsere Heimat mit Gewalt wegnimmt, daran seid ihr Medien schuld", klagt sie bei einer Protestdemonstration in der zwischen Serben und Albanern geteilten Stadt Mitrovica. Die Stimmung ist zusehends aggressiv. Die Journalisten werden zuerst nach ihrer Herkunft befragt. "Wenn du aus Deutschland bist, dann geh doch dorthin, was machst du noch hier?", brüllt ein Demonstrant. Auf dem Podest beschimpft der nationalistische Serbenführer Marko Jaksic die von der EU beschlossene Kosovo-Rechtsstaatsmission mit über 1.800 Richtern, Polizisten, Anwälten und Zollbeamten als "Besatzungsmacht". Die Mission soll im Juni ihre Arbeit aufnehmen und Kosovo helfen, gegen Korruption und organisierte Kriminalität vorzugehen. Doch Jaksic will nichts davon wissen. Er fordert die Kosovo-Serben zum Totalboykott der Mission auf. "Vermeidet jeden Kontakt mit ihnen, auch wenn sie euch Geld anbieten. Gebt ihnen keinen Schlafplatz und keine Tasse Tee."

Wut aufs Ausland

Jaksics Gesinnungsgenossen meinen es offenbar ernst und sind bereit, auch mit Gewalt gegen die "Verräter" vorzugehen, die mit der EU zusammenarbeiten. Am Sonntag wurde auf jenes Haus, in das die Vertretung des EU-Sondergesandten in Nord-Mitrovica einziehen wollte, eine Handgranate geworfen, die aber nicht explodierte. Seitdem steht das Gebäude unter Polizeischutz. Die Einschüchterung, so scheint es, hat ihre Wirkung nicht verfehlt. Nach Angaben eines Anwohners hat der Hausbesitzer den Vertrag mit der EU-Mission mittlerweile gekündigt.

Derweil spitzt sich die Lage im Norden Kosovos zu. Die Wut der Kosovo-Serben scheint sich nun ganz allgemein gegen die internationale Präsenz in Kosovo zu richten. Am Dienstag Mittag steckten Hunderte aufgebrachter Serben zwei von der Uno-Übergangsverwaltung kontrollierte Grenzübergänge zwischen Serbien und Kosovo in Brand, der eine nördlich von Leposavic, der zweite westlich von Zubin Potok. Nach Angaben von Veton Elshani, Sprecher der kosovarischen Polizei KPS, wurde dabei niemand verletzt. Die Grenzpolizisten und Zollbeamten seien rechtzeitig evakuiert worden. In der Zwischenzeit hat die Nato-geführte internationale Schutztruppe KFOR die Kontrolle über die Grenzübergänge übernommen, diese bleiben bis mindestens Mittwoch Mittag geschlossen.