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Kriegsgefangene: In Stacheldraht eingezäunt

Die USA rechnen mit 270.000 irakischen Deserteuren. Eine dauerhafte Lösung für ihre Unterbringung gibt es noch nicht.

Tausende Iraker haben statt ihrer Waffen die Hände erhoben und sich den vorrückenden amerikanischen und britischen Truppen ergeben. Eine gute Nachricht für die Alliierten. Die Frage ist nur: Wohin mit all diesen Menschen?

Komplette Heeresdivison eingezäunt

Die ersten Kriegsgefangenen in Südirak, darunter US-Berichten zufolge eine komplette irakische Heeresdivision mit 8.000 Mann, wurden einfach zusammengetrieben und mit Stacheldraht eingezäunt. Danach machten sich die alliierten Truppen nach eigenen Angaben daran, Zeltlager zu bauen und die uniformierten irakischen Soldaten und Kämpfer in T-Shirts mit Medikamenten, Essen und Wasser zu verpflegen. Gleich nachdem die ersten hundert Iraker überliefen, hätten britische Einheiten mit dem Bau von Gefangenenlagern begonnen, hieß es in einer Mitteilung der britischen Streitkräfte.

Die Bewachung der Kriegsgefangenen wird aufwändig, wenn sich die Erwartungen der US-Strategen erfüllen. Amerikanische Offiziere rechnen damit, dass 270.000 Iraker -über die Hälfte der gesamten Heeresmacht - ihre Waffen niederlegen werden. Schon im letzten Golfkrieg waren die US-Truppen von der Zahl der Deserteure nahezu überwältigt: 69.000 Iraker liefen damals zum Feind über. Viele von ihnen wanderten suchend über die Schlachtfelder und hielten regelrecht Ausschau nach jemandem, dem sie sich ergeben konnten - und sei es ein Reporter. Die Beschäftigung mit so vielen Gefangenen hielt damals mehrere amerikanische Einheiten in ihrem Vormarsch auf.

Logistische Herausforderung

Irak weist Zweifel an der Kampfbereitschaft seiner Streitkräfte zurück. Alle bisherigen Kriegsgefangenen der USA seien Zivilisten, sagte Informationsminister Mohammed Said el Sahaf.

So oder so sind sie für die alliierten Truppen eine logistische Herausforderung. Und sie könnten zur Bedrohung werden: Die Kriegsgefangenen bleiben im Rücken der voranschreitenden US-Streitkräfte, wie der frühere Pentagon-Sprecher und heutige Flüchtlingshelfer Kenneth Bacon anmerkt. Nach Angaben des Chefs der Organisation Refugees International sicherten die Streitkräfte irakischen Offizieren gewisse Privilegien zu, um Unruhen unter den Gefangenen zu vorzubeugen: "Offiziere dürfen ihre Handfeuerwaffen behalten, in ihren Kasernen bleiben, und die alliierten Truppen haben versprochen, sie sobald wie möglich als Sicherheitskräfte einzusetzen", sagt Bacon.

Für die Gefangennahme sind die US-Streitkräfte gerüstet: Um Missverständnisse zu vermeiden, tragen Soldaten an der Front ein englisch-arabisches Wörterbuch mit Befehlen wie "Stehenbleiben oder ich schieße" und "Ergebt euch" bei sich. Sie haben auch Judogriffe geübt für den Fall, dass sich ein Gefangener gegen die Durchsuchung auf Waffen wehrt.

Hussein verspricht faire Behandlung

Nach der Festnahme sollen Militärpolizisten, die den Kampfeinheiten folgen, die Gefangenen übernehmen und in sicherere Lager bringen. Eine ständige Haftanstalt soll eingerichtet werden, Kuwait und andere Nachbarstaaten wollen allerdings keine Kriegsgefangenen aufnehmen - es muss also ein sicherer Ort in Irak gefunden werden. Rechtsexperten der Streitkräfte sollen sicherstellen, dass die Gefangenen nach den Vorgaben der Genfer Konvention behandelt werden.

Ob aber Irak sich daran hält, scheint ungewiss. Innenminister Diab el Ahmed hatte zunächst erklärt, britische und amerikanische Soldaten sollten sich nicht auf den Schutz der Genfer Konvention verlassen, diese Drohung aber später zurückgezogen. Saddam Hussein versprach eine faire Behandlung von amerikanischen und britischen Kriegsgefangenen: "Ihre Rechte gemäß der Genfer Konvention werden respektiert werden, obwohl die US-Regierung grausame Verbrechen gegen unser Volk und die Menschlichkeit begangen hat", hieß es in einer im Fernsehen verlesenen Stellungnahme des irakischen Regierungschefs. Nach dem letzten Golfkrieg hatten mehrere amerikanische Kriegsgefangene von Schlägen und sexuellem Missbrauch durch ihre irakischen Aufseher berichtet.

Brian Bergstein
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