Last Call Ein halbes Jahr mit Sisyphos

Last Call: Ein halbes Jahr mit Sisyphos

Wir sind vor genau einem halben Jahr nach London gezogen. Eine ganze Menge hat sich ereignet in diesem halben Jahr. Ein Flugzeug mit 300 Menschen an Bord wurde über der Ukraine abgeschossen, die Deutschen wurden Fußball-Weltmeister, ISIS kennt inzwischen jeder. Und die Schotten auf unserer Insel hätten sich beinahe vom Rest des Landes abgespalten. Man kann sagen: Es war ein ziemlich bewegtes und bewegendes halbes Jahr in einer sehr bewegten und bewegenden Stadt. Ständig passiert irgendwas in London, 8,4 Millionen Einwohner. London wächst unentwegt, schon in sechs Jahren sollen hier neun Millionen Menschen leben. London kann wunderbar sein und furchtbar nervig. Langweilig ist London nie. Das unterscheidet die Stadt zum Beispiel von Stockholm oder Madrid oder Hamburg oder Gütersloh.

Es gibt eine Konstante in London, die ist so konstant wie der Tower. Die Konstante ist ein Gerüst, das an unserem Nachbarhaus steht. Es steht dort schon sehr lange. Als wir einzogen, stand es schon da. Die Meinungen gehen etwas auseinander, darüber wie lange es dort schon steht. Die einen sagen ein Jahr, die anderen behaupten eher zwei Jahre. Es ist auch egal. Das Gerüst ist einfach da und kaum noch wegzudenken. Das Gerüst ist natürlich nicht schön, aber die Mieter in dem Nachbarhaus und auch in unserem Haus sagen schon nichts mehr über das Gerüst. Es ist irgendwie an das Haus gewachsen und gehört jetzt einfach dazu.

Dermots Geheimnis ist, dass er nie fertig wird. Und das ist gut so

Der Mensch, der das Gerüst dort hingebaut hat, heißt Dermot. Er ist ein Ire und ein Faktotum in unserer Straße. Jeder kennt Dermot. Wirklich jeder, das ist kein Spruch. Und unsere Straße ist nicht mal kurz. Alle sagen: „Hey Dermot“, wenn sie ihn sehen. Die Leute sagen, Dermot sei ihr „Jack-of-all-trades“, eine Art Hans Dampf in allen Gassen. Aber speziell in unserer Straße. Dermot repariert Häuser, Mauern, Elektrogeräte in unserer Straße. Genau genommen stellt er Gerüste vor Häuser, die er dann streicht. Er streicht hier und dort. Dermots Geheimnis ist, dass er nie fertig wird. Und deswegen steht das Gerüst auch Ewigkeiten dort. Denn Dermot ist schon Ewigkeiten da. Keiner weiß genau wie lange. Vielleicht ist er so alt wie das Universum.

Ein Fünftel der Londoner wünscht sich einen Stadtstaat

Dermot ist die lebende Metapher von den vielen Baustellen, die man so hat im Leben. Allein in unserer Straße werkelt Dermot gerade an drei Häusern herum. Er hat auch noch Baustellen im Süden der Stadt. Keines wird je fertig. Und falls durch Zufall doch mal eines fertig wird, ist das so lange her, dass der Putz irgendwo wieder bröckelt und er von Neuem anfangen muss. Es ist so wie mit den Arbeitern, deren Lebensinhalt und Broterwerb darin besteht, die Golden Gate Bridge in San Francisco zu streichen. Wenn sie fertig sind mit dem Anstrich, müssen sie wieder von vorn beginnen. Das ist bezahlte Sisyphos-Arbeit. Dermot ist unser Sisyphos. Ein fröhlicher Sisyphos. Wir finden das schön.

Man kann es auch so sehen: Er ist das exakte Gegenteil des modernen London. Es kann ganz ziemlich kühl und unmenschlich zugehen in dieser Stadt. Gerade in der City. Nicht nur die Schotten entfernen sich gerade von England, auch die Londoner entfernen sich vom Rest des Landes. Ein Fünftel der Londoner wäre gerne ganz für sich, ein Stadtstaat wie Hamburg oder Berlin. Nur in viel größer und viel reicher. Ich könnte auf dieses Fünftel Londoner gut verzichten.

Last Call: Dermot neben der Mauer, die er irgendwann einriss. Und wieder aufbaute
Dermot neben der Mauer, die er irgendwann einriss. Und wieder aufbaute

Dermot ist der Gegenentwurf zu diesen Londonern. Er personifiziert eine andere Zeit. Er personifiziert, obschon Ire, alles, was wir an Großbritannien lieben. Die Schrulligkeiten, die Exzentrik, die Wärme, die Freundlichkeit, auch das Miteinander und die kreative Ineffizienz. Einmal riss er vor unserem Haus eine Mauer ein. Die Mauer sah eigentlich noch ganz gut aus. Die Frau fragte ihn freundlich, was falsch sei mit der Mauer. Er sagte, sie sei feucht gewesen. War sie aber nicht. Abends hatte er zu unserem Erstaunen die Mauer wieder aufgebaut. Er saß drauf, trank Tee und aß Kekse und erzählte von Irland und darüber, dass die Menschen in Irland früher nach getaner Arbeit vor ihren Häusern hockten und sich beim Tee über das Leben unterhielten. Er erzählte das in seinem typischen irischen Singsang, es klang melancholisch und warm. Und wenn er danach gesagt hätte, er müsse nun das ganze Haus einreißen wegen Feuchtigkeit, hätten wir ihm geglaubt. Dermot füttert die Vögel und päppelte im Sommer ein krankes Rotkehlchen wieder gesund. Es würde mich nicht weiter wundern, wenn er sogar mit Tieren sprechen könnte. Neulich sägte er einen Baum im Nachbargarten um. Übrig blieb ein Stumpf, der wie ein Schwan aussah. Mit dem Schwan lief Dermot dann durch unsere Straße und brachte ihn in eine andere Straße zu einem Mann, der seltene und seltsame Baumstümpfe sammelt. So was weiß nur Dermot. Er ist das Gerüst unserer Straße. Wenn er mal ein paar Tage nicht auf seinem Gerüst steht, machen wir uns Sorgen. Und nicht nur wir.

Vor ein paar Wochen fuhr ich nach Schottland. Dermot sagte: „Wenn du zurück bist, ist das Gerüst weg. Ich mache dann die Rückseite.“ Ich wettete mit mir selbst, dass das Gerüst nach meiner Rückkehr natürlich immer noch stehen würde. Und gewann die Wette klar und überzeugend.

Dermot bedeutet im Übrigen: ohne Feind.


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