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Last Call: Retten Sie Gaddafis Schwager!

Haben Sie auch schon dubiose E-Mails von Hackern bekommen? Da braucht jemand ganz dringend viel Geld - sofort. Ich habe mir einen Spaß daraus gemacht und mehrere Hacker mit meinen freundlichen Antworten beinahe in den Wahnsinn getrieben.

Ich bekomme sehr viele unnütze Mails. Meistens bin ich selbst schuld, weil ich mich für alle möglichen unnützen Seiten angemeldet habe und mich deshalb auch nicht wundern muss, wenn ich Post bekomme. Aus irgendwelchen Gründen schreibt mir beispielsweise regelmäßig das „Stockholm International Water Institute“. Warum ich die mal abonniert habe, weiß ich nicht. Vielleicht sind die Schweden auch nur freundlich und schreiben allen Menschen, die Wasser trinken.

Früher bekam ich auch sehr viel Post aus Afrika, vor allem aus Nigeria. Ich solle ungefähr 5000 Dollar zahlen, dafür bekäme ich aber mindestens zwei Millionen Dollar zurück. Offenbar sind die Nigerianer mit diesem Finanzierungsmodell recht zügig Pleite gegangen. Jedenfalls schreiben sie mir schon lange nicht mehr. Ich bedaure das sehr.

Neulich kriegte ich eine Mail von einer deutschen Kollegin. In der Betreffzeile stand „Dringende Hilfe“. Sie hatte Kreditkarten und Pass und überhaupt alles an Geld verloren. Sie bat um prompte Unterstützung, und wie es der Zufall wollte, war sie hier in London. Sie schrieb, sie müsse nur noch ihre Hotelkosten bezahlen und den Flug. Und ob ich ihr helfen könne.

Das schrieb natürlich nicht die Kollegin, sondern irgendein Hacker, der ihren Account geknackt hatte. Ich hatte noch nie mit einem richtigen Hacker gemailt, es wurde also Zeit. Ich schrieb zurück:

„Mensch, das ist ja furchtbar. Wo steckst du denn?? Warst du bei der deutschen oder italienischen Botschaft? Und wie kann ich helfen? Liebe Grüße“

Eine Stunde verging, der Hacker musste meine Mail vermutlich erst einmal durch ein Übersetzungsprogramm laufen lassen. Und seine Replik auch. Die Antwort war holprig:

„Du kannst finden Western Union bei jede Post und hilf Filiale mir das Geld mit den folgenden Informationen zu schicken Empfänger

Adresse:11 Charing Cross Road London uk

Ich verspreche dir dieses Geld zurückzugeben sobald ich zurück bin. Ich erwarte deine Antwort, Danke

Ich brauche die MTCN Nummer(10 stellige geld transfer nummer) sobald du das geld geschickt hast.

Danke

Ich mailte zurück, dass ich mich – bei allem Übel – doch sehr freuen würde, dass sie in London sei. Und wir könnten uns doch auf einen Kaffee treffen in Charing Cross, oder sie könne zu uns kommen. Ich könnte ihr dann das Geld auch in bar geben. Außerdem: Warum sie sich in Gottes Namen nicht gemeldet habe. London! Und dann nicht anrufen, schön doof. Ich fragte auch noch nach Wolfgang, einem gemeinsamen Bekannten, und seinen Umzugsplänen. Und wartete.

Nach einer Stunde schrieb der Hacker, er werde in 20 Minuten bei Western Union sein. Über Wolfgang schrieb er nichts. Er wollte uns auch nicht besuchen.

Ich mailte, dass ich die Nummern einzeln schicken werde. Wegen der Sicherheit. Und sie möge bitte immer kurz bestätigen, dass die Nummer auch angekommen sei, man wisse ja nie. „Weißt du, es sind heute so viele kriminelle Hacker unterwegs.“ Gegen dieses Argument konnte sich der Hacker nicht verschließen. Irgendwann siezte mich der Hacker „Sie können jetzt die nächste Nummer schicken“, und daraufhin schrieb ich, dass wir uns doch seit Jahren duzen und mit Wolfgang schon ganze Nächte und so. Das war offenbar zu viel fürs Übersetzungsprogramm. Ich schrieb also zehn Mails und bekam zehn zurück, es ging ein paar Stunden so hin und her.

Nach der zehnten Nummer schrieb der Hacker wieder mal gebrochen: „Bitte überprüfen Sie die MTCN Nummer nicht korrekt“.

Daraufhin schrieb ich, sie solle es mal mit dieser Reihenfolge versuchen: 0,1,2,3,4,5,6,7,8,9. Ich wünschte noch viel Spaß und einen guten Flug.

Der Hacker hatte danach bestimmt keine gute Laune. Ich schon.

Eine Woche später las ich in einer Sonntagszeitung, dass der amerikanische Comedian James Veitch einen Bestseller geschrieben hat, indem er einfach seine Mail-Wechsel mit Hackern abdruckte. Es heißt „Dot Con“ und ist ziemlich lustig. Erst ärgerte ich mich, weil schon ein anderer diese schöne Idee hatte. Dann freute ich mich, weil James das Hacker-Ärgern wirklich perfektioniert hatte. Er trieb sie in den Wahnsinn. Einer Alexandra, die 2000 Doller brauchte, nötigte er sogar ein Liebesgeständnis ab: „Erinnerst du dich noch an die Toskana? Die großen Wellen? Alles, was ich wissen will, ist, ob du mich noch liebst.“

Sie liebte ihn natürlich noch.

Dann verlangte er ein Liebesgedicht von ihr. Da wurde es selbst dem Hacker zu bunt.

Kurz drauf schrieb ihm Winnie Mandela, die Witwe von Nelson, und wollte James’ Hilfe beim Transfer von mehreren Millionen Dollar außerhalb des Landes wegen des „schlechten Gesundheitszustandes meines Gatten Mr. Nelson Mandela“.

James antwortete Winnie, dass es ihm furchtbar leid täte. „Vor dem Hintergrund, dass Nelson bereits vor drei Monaten verstorben ist, würde ich seinen Gesundheitszustand als wirklich ziemlich besorgniserregend beschreiben“. Er habe aber ein paar gute Ideen für Investitionen. James wollte dann von Frau Mandela noch wissen, was Nelson so zum Frühstück mochte. Müsli vielleicht? Irgendwann lud er sie sogar zum Tanzen ein, oder „wenn Sie lieber wollen: Roller-disco“.

James ist jetzt reich. Sein Buch hat es in die Bestseller-Liste der „New York Times“ geschafft.

Vorgestern hatte ich Post vom Schwager von Muammar al-Gaddafi. Er hieß Abudul und wollte meine Hilfe beim Transferieren von 45 Millionen Dollar und Gold nach Ghana. Ich mailte Abudul sofort zurück, offerierte alle Arten von Unterstützung und erkundigte mich sogar noch freundlich nach dem Wohlergehen seiner Neffen.

Er antwortete nicht. Schade.

Wahrscheinlich war James Veitch schon wieder schneller.