Last Call Und plötzlich nur noch Süd-Britannien…

Last Call: Und plötzlich nur noch Süd-Britannien…

Am Wochenende wachten die Briten auf und lasen, sahen und hörten überall von einem „Poll-shock“, einem Umfrage-Schock. Erstmals liegt in Schottland wenige Tage vor dem Referendum die „Yes“-Kampagne vorn – 51 zu 49 Prozent.

Eine Kolumnistin des „Guardian“ rief ihren Lesern „Hallo, Königreich, schön, dass wir endlich eure Aufmerksamkeit haben“ zu. Vielleicht merken sie im Süden jetzt was. Vielleicht. Aber vielleicht ist es aber schon zu spät. Und am Morgen des 19. September muss die Nation feststellen, dass Großbritannien künftig Süd-Britannien ist und ein Drittel der Landmasse und 5,3 Millionen Menschen fehlen.

Das ist keine Utopie mehr. Das ist inzwischen ebenso wahrscheinlich wie der Status quo.

Mich überrascht die Bräsigkeit in England. Mich überrascht, wie lange ein Sieg der Unionisten mit fahrlässiger Nonchalance als sicher betrachtet wurde.

Mich überrascht, dass jetzt alle überrascht sind.

Ich komme gerade aus Schottland zurück für eine Reportage im nächsten stern. Wenn man durch Schottland fährt und dort mit den Menschen spricht, ist man eher überrascht, dass der Vorsprung der Nationalisten auf die Unionisten nicht viel größer ist. Ich traf einen Engländer, Math Campbell-Sturgess, geboren und aufgewachsen in der Nähe von Cambridge. Viel englischer als Cambridge geht nicht. Campbell macht seit Monaten Wahlkampf – für die Unabhängigkeit. Er trug einen Kilt und ein T-Shirt auf dem „English Scots for Yes“ stand und erzählte, dass er kein einsamer Spinner sei, „wir sind einige Hundert“. Am Wochenende saßen seine pro-Independence-Engländer an der schottisch-englischen Grenze auf einer Picknick-Decke und servierten englischen Tee. Sie nannten das natürlich Tea-Party. Auch die Polen haben einen eigenen Zweig gegründet. So ist das gerade in Schottland, acht Tage vor der Wahl. Die Yes-Leute sind auffälliger, lauter, lustiger.

Das liegt einerseits in der Natur der Sache, weil sich „Yes“ eben viel besser anhört als ein miesepetriges „No“.

„Better Together“ hat das Wörtchen „besser“ vergessen

Es liegt auch an den Protagonisten beider Seiten. Der schottische First Minister, Alex Salmond, ist ein famoser Redner. Er kann wunderbare Anekdoten erzählen über Schottland und England und die Zerrissenheit in der eigenen Familie. Neulich erlebte ich Salmond beim Literatur-Festival in Edinburgh. Er saß in einem Zelt auf einer Bühne mit dem schottischen Historiker Tom Devine, der sich nach langem Zögern auch auf die Yes-Seite schlug. Salmond erzählte von seiner Mutter, die Winston Churchill verehrte. Und von seinem Vater, der Winston Churchill verachtete und ihn am liebsten hängen sehen wollte, weil der seiner Meinung nach die englischen und schottischen Arbeiter verraten hatte. Salmond machte mit dieser Anekdote klar, dass er beide Lager verstehen kann.

Sein Gegenüber Alistair Darling ist ein Labour-Politiker, ein braver, blasser Pragmatiker. Er redet ständig über das Pfund und das Risiko. Das Pfund ist das einzige Pfund, das seine Seite noch hat. Nun sinkt es auch noch.

Salmond hat den leichteren Job. Er muss eigentlich nur an die historische Chance seiner Landsleute erinnern. Das macht er immer und immer wieder.

Den Rest erledigen die No-Leute für ihn.

Die Better-Together-Fraktion hat den Fehler begangen und das entscheidende Wörtchen „better“ in ihrer Kampagne weitgehend gestrichen. Sie hat statt dessen unentwegt gedroht. Es klang meistens so: Wenn Ihr Euch abspaltet, nehmen wir Euch das Pfund. Wenn Ihr Euch abspaltet, verliert Ihr Arbeitsplätze. Wenn Ihr Euch abspaltet, sind die Renten nicht mehr sicher und Eure Sicherheit nicht gewährleistet. Wenn Ihr Euch abspaltet, müssen Grenzposten errichtet werden. Es war eine Kampagne der Furcht, ein penetrantes „Wenn...dann“. Wäre ich Schotte, würden mich diese Drohungen a) irgendwann kalt und b) noch störrischer werden lassen.

Es hat in diesem langen Wahlkampf von der „No“-Seite ganz lange keine überzeugende und flammende Rede gegeben, die den Geist der 307 Jahre währenden Union beschwor. Eine Rede, die ohne Schwarzmalerei die Vorteile der Allianz besang und auch ihre friedliche Schönheit. Keine Rede, die die vier Millionen Wahlberechtigten im klassischen Sinne berührte. Das ist das größte Problem der Unionisten: Sie vermitteln keine Emotion. Sie vermitteln pure Ratio. Rational spricht nicht viel für eine Trennung, mehr offene Fragen als Antworten. Aber die Debatte geht ja weiter als Bruttosozialprodukt und Schulden und Währung. Sie ist emotional. Sie ist das Emotionalste, was die ohnehin sehr emotionalen Schotten je erlebt haben in ihrer langen, abwechslungsreichen und emotionalen Geschichte.

Die Furcht-Kampagne hat die eigene Königin erreicht

Die „No“-Kampagne reagiert auf eine drohende Niederlage mit Zugeständnissen und Drohungen. Die Allianz aus Labour, Tories und Liberaldemokraten will Schottland ein Maximum an weiteren Zugeständnissen einräumen – Steuern, Bildung, Wohlfahrt und Kredite. Das war zwar vereinbart und geplant, wirkt aber im Licht der frischen Umfragen merkwürdig panisch. Der Premier David Cameron reiste nach Schottland und versuchte zu retten, was die Zeitungen bereits „last stand“ nennen, letztes Gefecht. Alle reisen gerade nach Schottland, Labour mietete sogar einen Zug, 60 Abgeordnete fuhren nach Glasgow und marschierten die Einkaufsstraße Buchanan Street hinauf. Und endlich, reichlich spät, entdecken die Unionisten aller Parteien auch die Kraft des Gefühls. Cameron fleht ebenso emphatisch, die gemeinsame Familie nicht zu zerreißen. Er ermunterte seine Landsleute obendrein dazu, die schottische Flagge zu hissen. Mit bescheidenem Erfolg. Wer, mit Verlaub, hat schon eine schottische Fahne in, sagen wir: Plymouth oder Chester? Cameron hat natürlich eine, aber der Versuch, sie über Downing Street flattern zu lassen, schlug - Symbol, Symbol - im ersten Versuch fehl. Das blaue Tuch mit dem weißen Andreas-Kreuz fiel schlapp vom Mast. Immerhin, sie bewegen sich. Und fordern das unausgesprochen auch von der Queen.

Nur, die Königin muss neutral sein. Es heißt, sie sei „horrified“. Die „Fear“-Campaign der No-Seite hat die eigene Königin erreicht. Aber ganz anders als gedacht. Einige - und zwar Partei-übergreifend - wünschen sich, sie möge eine Art Ruck-Rede halten und an das Bündnis appellieren. Das hat sie schon einmal getan, 1977. Damals ging es um Nationalversammlungen für Wales und Schottland. Diesmal wird sie sich nicht äußern. Sie wird notfalls mit großem Groll und vornehmer Zurückhaltung zuschauen, falls die Union am Donnerstag der kommenden Woche kollabiert.

„Better together“ hatte vor einem Monat noch einen Vorsprung von fast 20 Prozent. Der Vorsprung ist randlos verdampft. Es wird eng. Kopf an Kopf. Alles ist möglich.

Wir diskutieren im Freundes- und Familienkreis seit Wochen über das Referendum. Die Tochter lebt und studiert in Glasgow, sie ist eine von 13 400 Deutschen in Schottland. Sie darf wählen. Aber sie wollte nicht. Es sei Sache der Schotten, nicht der Zugereisten, sagt sie.

Nach seinem Auftritt beim Literaturfestival in Edinburgh sprach ich kurz mit Salmond, klassischer Smalltalk. Wir redeten über Schottland und Deutschland und die seiner Meinung nach wohltuende Neutralität von Angela Merkel. Er wollte wissen, ob ich irgendeine Verbindung zu seinem Land hätte, und ich erzählte von der Tochter, die nicht wählen wollte. Da schaute Salmond ziemlich streng. Und sagte: „Richten Sie Ihr aus: Sie muss. Sie kann Teil einer historischen Entscheidung sein. So oder so.“ Das erzählte ich der Tochter aus. Sie will jetzt doch wählen.

Und raten Sie mal wie.


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