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Lee Kuan Yew: "Er verfolgt sie gnadenlos - vor Gericht"

Als Gründungsvater und erster Regierungschef prägte Lee Kuan Yew wie kein anderer das Gesicht des Stadtstaates Singapur. Die Kritik, er habe durch strikte Gesetze und eine strenge Justiz einen "Aufpasser-Staat" geschaffen, perlt indessen an ihm ab.

Er steht für die Erfolgsgeschichte einer winzigen, einst so gut wie mittellosen Tropeninsel. Politische Gegner fürchten Lee Kuan Yew, seine Landsleute nennen ihn respektvoll und mit leiser Ironie mitunter "König von Singapur". Als Gründungsvater und erster Regierungschef prägte er wie kein anderer das Gesicht des vier Millionen Einwohner zählenden Stadtstaats. Bis heute umstritten und zugleich als visionärer Staatsmann international geachtet, feiert Lee am 16. September seinen 80. Geburtstag.

Staatsgebilde aus dem Boden gestampft

Nach der Abspaltung von Malaysia und der folgenden Unabhängigkeit Singapurs 1965 machte sich der im englischen Cambridge ausgebildete Jurist mit ein paar Getreuen daran, ein neues Staatsgebilde quasi aus dem Boden zu stampfen. Die Zeit drängte: Die Region war in Aufruhr und die ehemalige Kolonialmacht Großbritannien dabei, als wichtigster Arbeitgeber abzuziehen. Um Investoren anzulocken, sollte Singapur zum sicheren Hafen werden, frei von sozialem Zündstoff und politischen Unwägbarkeiten. Menschen wurden massenhaft in neue Wohnblocks umgesiedelt, die Straßen aufgeräumt und begrünt, die Bürger mit immer neuen Staatskampagnen zu Disziplin und Leistung angehalten.

Das Konzept ging auf: Die Finanz- und Handelsmetropole verzeichnet inzwischen eines der höchsten Pro-Kopf-Einkommen Asiens. Politische Freiheiten westlicher Prägung gingen damit kaum einher. Ein "Übermaß an Demokoratie führt zu disziplin- und ordnungslosen Bedingungen, die der Entwicklung schaden", sagte Lee einmal. Widersacher haben nichts zu lachen. "Er kann Oppositionsführer unbarmherzig hetzen, aber als Rechtsanwalt bleibt er in den Grenzen des Gesetzes", schreibt der Publizist Dennis Bloodworth, der Lee seit fast einem halben Jahrhundert kennt. "Er verfolgt sie gnadenlos - vor Gericht."

Kritik am "Aufpasser-Staat"

Die Kritik, er habe durch strikte Gesetze und eine strenge Justiz einen "Aufpasser-Staat" geschaffen, perlt an dem Vater von drei Kindern ab. "Wenn ich es zugelassen hätte, dass mich dieses Reizwort ärgert und von meiner Politik abbringt, wäre Singapur nie erfolgreich geworden", sagte Lee in einem Interview der Zeitung "Straits Times" (Sonntag). Kritische Medien westlichen Stils sind ihm nach wie vor verdächtig: "Wenn ihr (die Presse) anfangt, die Führung systematisch zu verunglimpfen, wird es die Führung mit euch aufnehmen."

Zwar gab Lee das Amt des Premierministers bereits 1990 an Goh Chok Tong ab, doch als "Senior Minister" nimmt er bis heute größten Einfluss auf die Geschicke des Stadtstaats. An einen Rückzug aus der Politik denke er erst, "wenn ich nicht mehr in der Lage bin, zur Regierungsarbeit beizutragen". Singapurs nächster Ministerpräsident nach Goh steht indes schon fest, obwohl dessen Amtszeit noch bis 2007 läuft - Lee Hsien Loong, Lee Kuan Yews ältester Sohn. "Er übernimmt das Amt nicht als mein Sohn, und ich habe ihn auch nicht ausgesucht oder bestimmt", betont Singapurs Gründungsvater.

Frank Brandmaier / DPA