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Londons neuer Bürgermeister: Das unberechenbare "Biest"

In London regiert der neue konservative Bürgermeister Boris Johnson. Dessen Sieg über den bisherigen Amtsinhaber und Labourpolitiker Ken Livingstone könnte das Anfang vom Ende der Labour-Regierung unter Brown gewesen sein. Oder der Beginn einer schwierigen Zeit für den Parteivorsitzenden der Konservativen.

Von Cornelia Fuchs, London

Da war er wieder, der alte Boris. Genau in dem Moment, als der Mann mit dem bekanntesten britischen Haarschopf seine Antrittsrede beginnen wollte, stolperte er auf dem Weg aufs Podium. Und schoss eine seiner berühmten Bemerkungen in die wartende Menge: "Oh, eine Sprengfalle in allerletzter Minute!" Dann strich sich Alexander Boris de Pfeffel Johnson mit der bekannt fahrigen Hand durchs Haar, sprach von dem erhobenen Gefühl, die geschwungene Treppe ins moderne Rathaus hinaufzugehen, um dann den dafür verantwortlichen Architekten Norman Foster mit Richard Rogers zu verwechseln und fröhlich anzumerken, dass wohl jetzt in den Kellern die Aktenvernichter vor sich hinsummen würden: "And quite rightly, too!"

Seine Zuhörer liebten Johnsons mit feinem Oberklasse-Akzent vorgetragenen Bonmots. Und auch seine ersten Ankündigungen wurden mit Wohlwollen aufgenommen: Johnson will der überbordenden Trunkenheit einen Riegel vorsetzen und Alkohol aus der U-Bahn verbannen. Außerdem setzt er auf mehr Sicherheit, auf zusätzliche Polizei in Bussen und Bahnen, auf mehr Waffenkontrollen und einen Notfall-Plan gegen die zunehmende Gewalt unter Jugendlichen.

Gut hinter sich gebracht

Seinen ersten Auftritt hat Boris Johnson also zu allgemein positiven Kritiken hinter sich gebracht. Der 43-jährige verkörpert in seiner etwas linkischen Gestalt den Sieg der Konservativen, den Triumph über eine anscheinend ausgelaugte Regierungspartei, die in den zur Wahl stehenden Lokalparlamenten in der vergangenen Woche weniger als 25 Prozent Stimmen erhielt - und damit hinter den Liberaldemokraten auf den dritten Platz verbannt wurde.

Die Meinungen der britischen politischen Kommentatoren gehen noch auseinander, ob dies allein eine Protestwahl war oder schon der Anfang vom Ende der Labour-Macht. Immer wieder wurde in den vergangenen Jahren daran erinnert, dass auch für die konservative Regierung des John Major der Abstieg mit katastrophalen Lokal-Wahlen begann. Zwei Jahre später gewann Tony Blair mit seiner Idee des "New Labour", der neuen, sympathischen Labour-Partei.

Labour sieht ziemlich alt aus

Die sieht nun ziemlich alt aus. Premierminister Gordon Brown musste öffentlich Fehler in seiner Steuerpolitik zugeben und sah dabei müde aus, mit großen Tränensäcken unter den Augen und blasser Haut. Wenig ist übrig von den Versprechungen Browns im vergangenen Sommer, neuen Schwung hineinzubringen in die Reihen der Labour-Regierung. Er wollte die Briten wieder versöhnen mit der Partei, die sich mit Blair langsam aber sicher immer weiter entfernt hatte vom Willen des Wahlvolkes.

Doch anstelle scheint sich bleierne Müdigkeit über die Regierung gelegt zu haben, mehr noch - die Entscheidungen, die nach langen Überlegungen und Verzögerungen getroffen werden, erscheinen fehlgeleitet. Es war nicht nur der jetzt abgewählte Londoner Bürgermeister Ken Livingstone, der in den vergangenen Wochen oft aussah, als er habe bereits aufgegeben noch bevor überhaupt die Wahllokale geöffnet hatten.

Dagegen wirken die Konservativen nach über zwölf Jahren auf der Oppositionsbank wie nach einer Verjüngungskur.

Die Tories unter David Cameron kämpfen seit über zwei Jahren um etwas, das ihnen seit John Majors Wahlniederlage im Jahr 1987 abhanden gekommen war: die Sympathie der Briten. Die Konservativen galten bis zur Wahl des Parteivorsitzenden Cameron im Dezember 2005 als Partei der Herzlosen, als konservative Trutzburg aus Fuchsjagd-Enthusiasten und Gewerkschafts-Zerschlagern. Der Schatten der eisernen Lady, Margaret Thatcher, schwebte über der Partei, und die Labour-Regierung unter Tony Blair musste häufig nur in Andeutungen auf die Unruhen der achtziger Jahre hinweisen, um Wähler vom Kreuz bei den Tories abzuschrecken.

Die Tories neu erfinden

Das ist nun endgültig vorbei. Wie Tony Blair die Labour-Partei hinwegführen konnte vom Image der ewig-gestrigen Sozialisten, so versucht David Cameron die Tories neu zu erfinden als Partei der mitfühlenden Konservativen, die das Land gegen die zentralistische Planungswut des Premierministers Brown schützen muss.

Der neue Londoner Bürgermeister Boris Johnson ist kein enges Mitglied des Teams um Cameron. Die beiden Männer kennen sich seit ihrer Studienzeit in Oxford, wo sie beide Mitglieder des exklusiven Bullingdon-Clubs waren, einer Studenten-Vereinigung, die vor allem für ihre ausufernden Parties in teuren Etablissements bekannt ist. Es wird für den Parteivorsitzenden Cameron nun nicht einfach sein, dass das erste wichtige Amt in der konservativen Partei an das Enfant Terrible Boris Johnson geht.

Johnson verfügt über ein Budget von über 15 Milliarden Euro, er ist verantwortlich für den Nahverkehr, die Polizei, die Feuerwehren. Er muss über die Innenstadt-Maut entscheiden, über die Finanzierung der Olympia-Bauten und die Renovierung des U-Bahn-Netzes.

Lackmus-Test für die Konservativen

Und wie genau Boris Johnson sich bei all diesen Aufgaben anstellt, wird ein Lackmus-Test sein für die Fähigkeit der Konservativen, nach Jahren auf der Oppositions-Bank wieder konstruktive politische Entscheidungen zu treffen. Die nächsten Wochen und Monate in London können den Anfang bilden einer konservativen Erfolgsgeschichte vom Rathaus an der Themse bis zur Downing Street. Sie können aber auch den Anfang bedeuten für eine Periode voller Ärgernisse für David Cameron.

Denn Boris Johnson wäre nicht Boris Johnson, wenn er nicht auch stets ein bisschen unberechenbar bliebe. Und damit auch eine Gefahr für seine eigene Partei. Macht er seinen Job schlecht, dann wird dies auf den Oppositionsführer Cameron zurückfallen. Ist Johnson jedoch zu gut in seinem Amt als Bürgermeister, dann könnte er - wie sein Vorgänger Ken Livingstone - zu einem der bekanntesten und beliebtesten Politiker Großbritanniens werden. Und damit zum Konkurrenten von David Cameron in der eigenen Partei.

Am Sonntag streuten politische Wegbegleiter des neuen Bürgermeisters schon die ersten Hinweise, dass der Herr de Pfeffel Johnson sich durchaus auch ein noch größeres politisches Amt zutrauen würde: "Boris Johnson ist ein großes Biest", ließ einer verlauten. Und sein politischer Ehrgeiz sei nicht zu unterschätzen.

Boris Johnson hat das Politikgeschäft einmal so umschrieben: "Ich habe entdeckt, dass es keine Katastrophen gibt, sondern nur Gelegenheiten. Und, indeed, Gelegenheiten für neue Katastrophen."