Mail aus Mumbai Spielen um Topf und Kragen


Menschliche Pyramiden, krachende Böller und Knochen: In Indien ist Partysaison. Voller Hingabe zelebrieren die Inder von August bis November ein religiöses Fest nach dem nächsten. Wenn es die Nation schon im Sport nicht an die Weltspitze schafft, so ist sie zumindest im Feiern Weltmeister.
Von Swantje Strieder, Mumbai

Wehe, einer zittert! Wehe, wenn sonst so starken Männern die Knie wackeln! Und alle anderen deshalb abstürzen, als sei es eine missglückte Zirkusnummer. Denn hier geht es wahrhaftig um Topf und Kragen. Um Topfschlagen in schwindelnder Höhe. Gestern haben wir in Mumbai Gokulashtami, Lord Krishnas Geburtstag gefeiert, ein farbiges, ein rauhes und gefährliches Hindu-Fest, wo tausende von jungen Männern sich als Freizeit-Artisten hervortun und menschliche Pyramiden bis zu neun Etagen hoch auftürmen. Um die Siegesprämie, einen Tontopf in schwindelnder Höhe zu ergattern. Ohne Seil, ohne Netz oder Matten. Und oft genug ohne Krankenversicherung für den vorprogrammierten Menschensalat beim freien Fall von oben. Ein echtes indisches Volksfest eben. Worum geht es mit dem Tontopf? "Gott Krishna war verrückt nach Süßigkeiten", erklärt mir meine Freundin Megha, die Hinduistin ist, "schon als kleiner Junge turnte er auf den Schultern anderer Götterkinder hinauf auf's Küchenbord, um seiner Mutter den tönernen Milchtopf oder das Butterfass zu klauen."

Ein Horrortag für schmächtige Kinder

Megha liebt das Pyramidenfest seit Kindertagen, wo die Halbwüchsigen im Hinterhof gewagt hohe Pyramiden bauten, um vor den Mädels anzugeben. "Ganz unten stehen natürlich die Stämmigen und Untersetzten, so wie mein dicker Bruder Sai. Die bilden den breiten Sockel, auf dem der Menschenturm balanciert," erklärt die Journalistikstudentin, "dann kommen die sportlichen Typen für die nächsten Etagen. Nach ganz oben muss immer das dünnste und schmächtigste Kind aus der ganzen Gegend, weshalb sich die Kleinen dann oft vor Angst in Mamas Küchenschrank verstecken." Kleine Kinder sind biegsamer beim Fallen, weiß meine Freundin. Meistens reicht ein kleiner Krampf im linken Bein des Untermannes, und schon bricht die bis zu 13 oder gar 14 Meter hohe Menschenpyramide ein, noch bevor der Top-Mann den Tontopf erreichen kann. 121 Hobbyathleten wurden vergangenen Sonntag in Mumbais Hospitäler eingeliefert, einer davon querschnittsgelähmt. "Selbstmordkandidaten" schimpfte der behandelnde Arzt; "Würd ich immer wieder machen!" so eines der jungen Opfer im frischen Gips.

Bei Olympia haben die 1,1 Milliarden Inder nicht viel gerissen: eine einzige Goldmedaille gegenüber den 51 vom stählernen Nachbarn China, "aber im Feiern sind wir Weltmeister," tröstet sich Megha. Von August bis November reiht sich in Mumbai nämlich ein religiöses Fest ans andere, jedes eine Mischung aus Millionenspektakel, Volksfrömmigkeit und Verkehrshindernis. Alle sind lausig organisiert, hochgradig gefährlich und ohne größere Sicherheitsvorkehrungen, aber ein billiges Vergnügen für den kleinen Mann.

Auf Krishna folgt Ganesha

Kaum sind die Opfer von Krishnas Wiegenfest aus dem Krankenhaus entlassen, droht als nächstes Fest der Geburtstag von Ganesha, dem Gott der Klugheit und des Geldes. Elefantengott Ganesha wird aber nicht nur für einen sondern für zehn Tage im September die Stadt regieren. Der kleine Dicke mit dem Elefantenrüssel ist nirgendwo in Indien so heiß verehrt wie in Mumbai. Gerade im Zeichen der Globalisierung ist er als Schutzpatron der Millionen kleinen und großen Händler, vom Schuhputzer bis zum Informatiker, vom Bettler bis zum Unternehmer und vom Rikschafahrer bis zum Finanzhai besonders gefragt. Die unglaubliche Zahl von 60.000 bunt bemalten Gipselefanten- der größte ist über dreizehn Meter hoch- werden von bis zu zwei Millionen fröhlich frommen Hindupilgern im Meer versenkt. Die damit genau das pulsierende Geschäftsleben der Finanzmetropole lahmlegen, dessen Schutzpatron Ganesha ist. Jedes Jahr mahnen Umweltschützer ein grünes Elefantenfest mit Statuen aus Pappmachee und ungiftigen Farben an. Die Stadtverwaltung bittet, keine Blumengirlanden ins Meer zu werfen und nicht am Strand zu defäkieren. Doch niemand hält sich dran. Und so wird der Indische Ozean nach dem Ganesh-Fest wieder ein giftig glänzendes Farbenmeer sein.

Mumbai ist zum Glück eine multireligiöse Stadt. Ich könnte natürlich auch mit den circa zwei Millionen Muslimen das Eid-Fest am Ende des Ramadans begehen. Israr, unser ständiger Taxifahrer ist Muslim und lädt uns jedes Jahr ein. Oder ich könnte Ende September zehn Tage lang über die Kirmess von Mount Mary, einer der größten katholischen Gemeinden Indien bummeln: "der schönste Jahrmarkt der Welt", wie Jessy, unsere kleine christliche Halbtagsköchin behauptet. Dort treffe sich ganz Mumbai zum Essen, Schauen und Flanieren.

Glauben Sie ja nicht, dass damit die Festsaison gelaufen ist. Im Oktober ist die zehnarmige Göttin Durga, auch Kali genannt, an der Reihe, die rittlings auf einem Löwen reitet und als Zerstörerin aber auch Beschützerin gilt. Die Göttin wird besonders in Kalkutta, aber auch in Mumbai mit einem neuntägigen farbigen Festival geehrt wird. Also freuen wir uns- immerhin ein Tag weniger Verkehrschaos als beim Elefantengott Ganesha.

Der Höhepunkt kommt im November

Und schließlich kommt der krachende Höhepunkt im November: Diwali, das Lichterfest ist wie Weihnachten, ist der Höhepunkt und Neubeginn des Hindujahres. Da wird jedes Haus und jede Veranda mit Öllämpchen, Lichterketten und Lampions geschmückt, um symbolisch die Heimkehr des Gottes Ram festlich zu begehen, der den bösen Dämonen Ravana auf Sri Lanka besiegt hat. Fünf Tage wird mit Familie und Freunden gefeiert und Süßigkeiten gegessen. Und da Kerzen und Lampions eine stille beschauliche Sache sind, muss die ganzen Nächte durchgeböllert werden. Für Millionen Euro. Ein Feuerwerk, das sich vor allem in der Lautstärke mit dem von Olympia messen kann.

"Ja, wir Inder sind unschlagbar im Langzeit-Feiern," sagt Megha stolz. Krishnas Geburtstag gestern endete allerdings mit einem Skandal, der an Janet Jacksons Brustspitzen-Eklat bei der US-Superbowl erinnert. Auf einer Party für die glorreichen Pyramidenkletterer traten nicht etwa züchtige indische Tänzerinnen im Sari sondern ein paar blonde ukrainische Bauchtänzerinnen auf, die lasziv über die Bühne hüpften und wenig fromme Gesten machten. Cheerleader auf einem religiösen Hindu-Fest? Ministerpräsident Arun Gujarathi, dessen Regierung kürzlich alle zwielichtigen Bars und Diskos Mumbais hatte schliessen lassen, drohte jedenfalls für das kommende Jahr ein Ukrainerinnen-Verbot an.


Mehr zum Thema


Wissenscommunity


Newsticker