Mail aus Mumbai Vom Bettler zum Millionär

Betteln ist ein anerkannter Berufsstand in Indien. Aber was dem Einen letzter Ausweg, ist dem Anderen knallhartes Geschäft: fürs Betteln werden Beine amputiert, Fremdsprachen und amerikanische Lieder gelernt. Nur für manche geht die Rechnung vom großen Geld jedoch auf.
Von Swantje Strieder, Mumbai

Sie ist weder alt noch jung, weder schön noch hässlich, sie trägt einen einfachen rotgelben Sari, der nie schmuddelig wirkt. Sie bittet um Almosen, aber sie insistiert nicht. Meine ganz persönliche Bettlerin. Wenn ich morgens um acht die schäbige Eisenbahnbrücke von Santa Cruz Station überquere, höre ich ihren Singsang von weitem. Zwischen Tausenden von eiligen Hosenbeinen und flatternden Saris hockt sie da auf dem blanken Boden und hält den Pendlern mit Mobiltelefon am Ohr, eleganten Bürofrauen, Lastenträgern und Bauern mit großen Gemüsekörben, all denen, die mit dem Zug in die glitzernde City von Mumbais fahren, ihre armselige Schale entgegen. Damit keiner über sie stolpert oder gar fällt, aber alle sie beachten, hat sie vor sich einen winzigen, mit Blumen geschmückten Altar für den Hindugott Ram aufgebaut. Laxmi versteht ihr Handwerk. Wenn ich ihr ein paar Rupien in die Schale werfe, schenkt sie mir das strahlendste Lächeln der Welt. Es ist doch leicht, ein guter Mensch zu sein, sagt mir ihr Blick.

In Mumbai gibt es Zehntausende von Bettlern, Krüppel, Lepröse, Lahme, Lumpenkinder und Lumpenfrauen, die an jeder Ampel, vor jedem Tempel, vor jeder Moschee, auch vor Ihrem Hotel oder Ihrem Lieblingscafé lagern und Mitleid erheischen. Die wenigsten sind so dezent wie meine Laxmi an der Santa Cruz Station. Am dreistesten sind die Bittsteller an Kreuzungen mit den langen Ampelphasen. Manche hämmern im Stakkato an die Scheiben, manche kratzen auch noch ein bisschen am Lack, aber dann wird Isra, mein ständiger Taxifahrer sauer. In den offenen Motorrikschas ist man dem Bettelbusiness besonders ausgesetzt. Erst gucken mich die Kinder mit ihren großen Augen an, dann fassen sie mir mit ihren ungewaschenen Händchen ans weiße Hosenbein, ein Junge putzte sich sogar die verrotzte Nase an meinen Söckchen sauber. Was tun? Am liebsten möchte ich die Rotznasen unter den Arm nehmen, zu Hause in die Badewanne packen, ordentlich füttern und zur Schule schicken, wo sie hingehören. Geht nicht, da hätte ich die gesamte Mafia auf dem Hals.

Bettler mit Fremdsprachenkenntnissen

Jene organisierten Verbrechersyndikate, die auch vor dem Nationalmonument Gate of India und dem vornehmen Taj Mahal Hotel ihre ausgekochtesten Profis stationieren. Solche, die alle Register der sanften Erpressung ziehen. "Sie sind gute Beobachter, die uns Anlieger um das Taj Hotel respektieren, freundlich grüßen und nach dem Wohlbefinden der Familie fragen", sagt meine Freundin Marika, die in der Nähe wohnt. Aber kaum kommt ein armer Tourist aus dem reichen Ausland daher, wird er in der passenden Fremdsprache angemacht: "Du Deutscher, du Merkel, du Geld", Kanzlerin Merkel war nämlich im vergangenen November im Taj Mahal Hotel. Manche Bettler beherrschen sogar den spanischen Konjunktiv "disculpen", etwa: "Würden Sie mich entschuldigen", andere plärren so lange bei 37 Grad im Schatten "jingle bells", bis der entnervte Gutmensch ein paar Scheinchen zückt, um sein schlechtes Gewissen zu betäuben. Zum Dank rast der gesamte Bettlermob auf ihn los und bedrängt den noblen Spender, der nun mühsam um Haltung ringt. Selbst diejenigen, die kein Wort englisch können, schreien "not enough, not enough!".

In Indien ist Bettler heute noch ein anerkannter Berufsstand. Almosen zu geben ist für Hindus wie Moslems eine vornehme, religiöse Pflicht. "Es gehört bei uns dazu wie bei euch der Soli oder Pfarrers Klingelbeutel," sagt Arun, mein Nachbar, der weit gereist ist. Für die Sadhus, asketische Hindumönche, ist Betteln ein gottgefälliger Akt wie für ihre buddhistischen Kollegen in den orangenen Kutten. Almosen ändern nichts am Schicksal des ärmsten Drittels von 1,1 Milliarden Indern. Die Landbevölkerung mit einem Durchschnittsverdienst von weniger als einem Dollar pro Tag ist auch im heutigen Wirtschaftsboom dem Verhungern näher als dem Leben. Deshalb kommen so viele verarmte Bauern nach Mumbai, um kleine, noch so mies bezahlte Jobs zu ergattern - oder um zu betteln.

Bein ab, damit das Geschäft besser läuft

Geben oder nicht geben ist hier die Frage. Viele seriöse Hilfsorganisationen raten vom Almosenverteilen strikt ab. Wenn das Bettelbusiness weiter so floriere, werde die Mafia noch mehr Kinder rauben, junge Frauen auf die Straße schicken und jungen, kerngesunden Bettelaspiranten die Glieder amputieren, alles für den Profit. Im Sommer 2006 zeigte die BBC einen under cover gedrehten Film, in dem ein angesehener Arzt in Delhi eine Beinamputation mit seinem Patienten, einem völlig gesunden Bettler besprach. Für ein Honorar von 200 Dollar. "Wo soll ich denn amputieren?" "Egal wo, Doktor", antwortete der Patient. "Ich schlage vor, unterm Knie", sagte Arzt, "da kann man leicht eine Prothese ansetzen. Soll es vielleicht auch ein bisschen brandig aussehen?" Der Horror-Film sandte Schockwellen durch Indiens Ärztestand, aber das Verfahren verlief im Sande.

Mumbai wäre nicht Mumbai, wenn es in Indiens glitzernder Finanzmetropole nicht auch Erfolgsstorys wie die vom Bettler-Millionär gebe. Massu ist einer, der es geschafft hat - als Bettler und als Millionär. Barfuß, mager, in Lumpenlook und mit Schieleblick zieht der 60-Jährige jeden Abend durch sein Revier, die schicke Lokhandwala Mall im Vorort Andheri. Seit 15 Jahren. "Massu herrscht wie ein kleiner König, nie traut sich ein anderer Bettler in seine Nähe", sagt der Manager eines Luxusrestaurants, "und eins muss man ihm lassen: er ist immer höflich und wohlerzogen und wird nie laut." Massu, verheiratet, Vater zweier erwachsener Söhne, arbeitet von ca. 8 Uhr abends bis 3 Uhr nachts. "Betteln ist für mich eine Vollzeit-Karriere", vertraute der Nobel-Hausierer der Presse an. "An guten Abenden bringe ich 1500 Rupien, etwa dreißig Euro, heim." Für Indiens Mittelschicht mehr als ein Spitzenverdienst. "Meine Klientel sind TV-Schauspieler, Bollywoodstars und Leute mit Geld." Was müssen die Stars für ein großes Herz haben! Immerhin hat Massu, im bürgerlichen Leben Malan Khan, sich schon zwei Appartments im Mittelstandsviertel Andheri zusammengebettelt.

Der glückliche Bettler von Juhu Strand

Die meisten Bettler aber sind wirklich arme Schlucker. Was sie nicht hindert, glücklich zu sein. Jeden Samstag sehe ich einen schlanken, jungen Mann, der ein Bein verloren hat, auf Krücken den langen, weißen Strand von Juhu entlang hangeln. Vor allem die älteren Herrn, die hier jeden Morgen in Grüppchen spazieren gehen, geben gern. Es geht ihnen mit ihrer Arthritis doch immer noch besser als diesem armen jungen Kerl. Neulich aber stand der Einbeinige ganz selbstversunken da. Hatte die Augen seelig geschlossen und schien nur in seinen alten walkman hinein zu lauschen. Vielleicht Shah Ruk Khans Superhit "Om Shanti Om"? Dann schwang er seine Krücken wie Flügel und tanzte wie ein Ballerino auf seinem einzigen Bein. Der glückliche Bettler von Juhu Strand.


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