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Mehmet Ali Agca: Journalisten-Mörder und Papst-Attentäter

Nach fast 29 Jahren in italienischen und türkischen Gefängniszellen wurde der Papst-Attentäter und verurteilte Journalisten-Mörder Mehmet Ali Agca (52) am Montag deutlich ergraut aus türkischer Haft entlassen.

Die Faust zum Zeichen des Kampfeswillens ausgestreckt, das Gesicht versteinert: Nach fast 29 Jahren in italienischen und türkischen Gefängniszellen wurde der Papst-Attentäter und verurteilte Journalisten-Mörder Mehmet Ali Agca (52) am Montag deutlich ergraut aus türkischer Haft entlassen.

Doch zunächst läuft für Agca, der für Bücher und einen Film auf Millionen-Honorare hofft, alles ganz anders als noch vor einigen Tagen geplant. Noch aus dem Gefängnis lässt das Militär ihn zunächst zu einer Musterung für den Wehrdienst abholen.

"Agca ist schockiert und enttäuscht, dass er in die Armee eingezogen werden könnte", erklärte sein Anwalt Haci Ali Özhan am Vortag. "Er sagt, dass es gegen seine Religion und Philosophie ist, eine Waffe zu tragen." Außerdem sei es schwer, in einem schwer bewaffneten militärischen Umfeld das Leben von Agca zu schützen.

Am Montag entzieht die Familie Agcas dem Anwalt das Mandat. Er habe mit öffentlichen Erklärungen das Leben Agcas in Gefahr gebracht, sagt Adnan Agca, der Bruder. Denn die Berichte über Millionen-Honorare, die der Täter erwarten könne, sorgen auch in der Türkei für gehörigen Wirbel.

Ob es stimme, dass Angebote über acht Millionen Dollar vorliegen und auch Hollywood schon wegen eines Filmes angefragt hat, wollen Journalisten wissen. "Es ist richtig, dass ein Angebot aus Hollywood gekommen ist", sagt Anwalt Yilmaz Abosoglu.

Die neuen Anwälte verteilen noch eine Erklärung Agcas, in der dieser zunächst mitteilt, dass Gott einzig und ewig sei. "Artikel 2: Ich bin nicht Gott. Ich bin nicht der Sohn Gottes." Immerhin dies. Allerdings - so Agca - sei er der Messias, der nun das nahe Ende der Welt verkünde. "Die ganze Welt wird in diesem Jahrhundert zerstört werden", erklärt er.

Ist dies der Mann, dessen Aussagen die noch ungeklärten Rätsel um den am 13. Mai 1981 nur knapp gescheiterten Mordanschlag auf Papst Johannes Paul II. auf dem Petersplatz in Rom aufklären werden? Medien aus mehreren Ländern standen schon vor der Freilassung Schlange, um sich von Agca noch aus der Zelle neueste Theorien und Behauptungen schriftlich erklären zu lassen.

Militärärzte haben dem Mann bereits im Jahr 2006 eine schwere antisoziale Störung attestiert. Erst in der vergangenen Woche erklärte dann das türkische Verteidigungsministerium, die Untersuchung werde nicht anerkannt. Nach der Musterung berichten türkische Fernsehsender, Agca müsse nicht zum Wehrdienst.

Tatsächlich haben sich für Agca die Dinge schon mehrfach vergleichsweise glücklich gefügt. Nach dem Mord an dem türkischen Journalisten Abdi Ipekci, dem Chef der türkischen Zeitung "Milliyet", wird er zum Tode verurteilt. Er entkommt aus der Haft und rettet damit seinen Kopf, schießt dann aber auf den Papst. Im Jahr 2000 wird er in Italien begnadigt. Weil die Todesstrafe in der Türkei inzwischen abgeschafft ist, wird seine Strafe für den Journalisten-Mord erst auf lebenslänglich, dann auf zehn Jahre Haft reduziert.

"Ich glaube nicht an Gerechtigkeit", sagt Vasfiye Özkocak, eine alte Freundin des ermordeten Chefredakteurs Ipekci, der Zeitung "Hürriyet". "Ich bin 86 Jahre alt; und fürchtete ich nicht Gott, würde ich Agca in den Kopf schießen."

Carsten Hoffmann/DPA / DPA