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Menschen, die Mut machen: Starke Frau mit schwachem Herz

In der Adventszeit stellen wir jeden Tag einen Menschen vor, den sein Engagement für andere oder der Umgang mit dem eigenen Schicksal auszeichnet. Heute: Sonia Pierre. Sie kämpft gegen die alltägliche Diskriminierung von Schwarzen in der Dominikanischen Republik - und für die Rechte der Frauen aus Haiti.

Von Cecibel Romero

Sie ist erst 45 Jahre alt, aber sie hat schon zwei künstliche Herzklappen. Doch die Schwäche ihres Herzens ist nichts gegen die Wunde in ihrer Seele. Und die hat etwas mit ihrer Hautfarbe zu tun. Sie ist schwarz, und deshalb sähen es die Behörden der Dominikanischen Republik am liebsten, wenn Sonia Pierre einfach verschwinden würde.

Unerwünschte Gastarbeiter

Pierre ist die Tochter einer Einwanderfamilie aus Haiti. Ihre Eltern waren in den fünfziger Jahren zur Arbeit in der damals florierenden Zuckerindustrie angeworben worden. Weil es ein offizielles Einwanderungsabkommen zwischen den Regierungen der Nachbarländer gab, blieben die meisten Haitianer auch nach der Ernte. Arbeit gab es damals genug.

Pierre wuchs gemeinsam mit ihren elf Geschwistern in einer Baracken-Siedlung auf. In die Schule kam sie erst mit elf Jahren - und lernte als erstes, dass ihre Haut dunkler war als die der meisten anderen: Man erkennt daran, dass ihre Familie aus Haiti stammt. Immer, wenn es im Unterricht um die dominikanische Geschichte ging und die Lehrerin von der angeblichen haitianischen Überfremdung erzählte, wurde sie aus dem Klassenzimmer geschickt.

Mit ganzem Herzen

Heute kann man Sonia Pierre als eine Unterstützerin haitianischer Einwandererfamilien bezeichnen. Seit 1992 wehrt sich Pierre gemeinsam mit der von ihr gegründeten "Bewegung Dominikanisch-haitianischer Frauen" (MUDHA), gegen die Diskriminierung und Abschiebung von Haitianern. Neben dem Ziel, das Selbstbewusstsein haitianischer Frauen zu stärken, ging es der Organisation auch darum die Lebensbedingungen in den Barackensiedlungen zu verbessern. MUDHA kümmerte sich um Kurse in Gesundheitsprävention und suchte nach Finanzquellen für bessere Unterkünfte und Schulen.

Sonia engagiert sich für die "Nationale Kampagne für das Recht auf den eigenen Namen und die dominikanische Staatsbürgerschaft". Die Aktion läuft seit 1995 immer von August bis Dezember und wendet sich gegen die staatliche Diskriminierung der haitianischen Einwanderer und ihrer Kinder. Diese bekommen häufig keine Geburtsurkunde und in keinem Fall die dominikanische Staatsbürgerschaft. Ohne Papiere können die meisten weder zur Schule, noch finden sie eine legale Arbeit. Seit 2003 unterstützt "Brot für die Welt" die Rechtsabteilung von MUDHA, die Opfer dieser Politik begleitet und die Kampagne organisiert.

Die alleinerziehende Sonia Pierre scheint den selben Widerstandsgeist zu haben wie eines ihrer großen Vorbilder: Nelson Mandela. Die Hautfarbe, sagt sie, könne nie das Fundament einer Nation sein. Es zähle nur das, was jeder einzelne zum Gemeinwesen beiträgt. Dafür will sie weiter kämpfen, trotz ihres schwachen Herzens, "so lange es eben geht". Denn die Rechte der haitianischen Einwanderer seien - genauso wie ihr Herz - "ein Teil von mir selbst".