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Mexiko 1968: Das Blutbad vor Olympia

Demonstrationen im Vorfeld von Olympia. Verhaftungen, Schießbefehle, Tote. Das alles ist nicht neu. Was wir heute in China erleben, hat sich vor 40 Jahren schon einmal abgespielt: in Mexiko. Zehn Tage vor der Eröffnungsfeier 1968 wurden dort Proteste in Blut ertränkt.

Von Toni Keppeler

Tlatelolco ist ein Stadtviertel im 20-Millionen-Molloch von Mexiko City. Vom Zócalo, dem riesigen Platz mit Kathedrale und Rathaus in der Mitte der Stadt, sind es 20 Minuten zu Fuß Richtung Norden, dann ist man am Platz der drei Kulturen, dem Zentrum von Tlatelolco. Touristisch ist das Stadtviertel nicht interessant. Es wirkt eher ein bisschen düster. Keine Gegend, in der man gerne spazieren geht. Auf dem Platz hängen am Tag ein paar Penner herum, in der Nacht ist er ein Treffpunkt für Drogensüchtige. Alle anderen überqueren ihn schnellen Schrittes. Drum herum stehen heruntergekommene Betonbauten mit Wohnungen für die untere Mittelschicht. Vor 40 Jahren waren solche Wohnsilos für ein Land wie Mexiko hoch modern, und Mexiko wollte sich bei den Olympischen Spielen der Welt als ein hoch modernes Land präsentieren. Als eines, das auf dem Sprung ins Industriezeitalter ist.

Wenn man heute an 1968 denkt, fallen einem nicht als erstes die Olympischen Spiele von Mexiko ein. 1968 war das Jahr der weltweiten Studentenrevolte. In Mexiko regierte damals schon fast 40 Jahre lang die "Partei der institutionalisierten Revolution" (PRI). Politikwissenschaftler nannten ihr Regime eine "Dictablanda" - eine "weiche" Gewaltherrschaft, die im Gegensatz zur harten Diktatur ein paar Freiheiten zulässt, letztlich aber doch alles kontrolliert. Die akademische Jugend lehnte sich gegen diese Herrschaft auf. Wochenlang war die Autonome Universität von Mexiko-Stadt, die größte Hochschule Lateinamerikas, von Streiks lahm gelegt. Wie die Tibeter heute wussten damals die mexikanischen Studenten, dass die Regierung sie im Vorfeld der Olympischen Spiele ernst nehmen musste. Schließlich sollte der Welt kein lautstarker Protest, sondern ein perfektes Fest vorgeführt werden. Die mexikanische Regierung nahm die Studenten ernst; todernst.

"Massaker von Tlatelolco"

Am Abend des 2. Oktober 1968, zehn Tage vor der offiziellen Eröffnung der Spiele, demonstrierten Tausende von Studenten auf dem Platz der drei Kulturen in Tlatelolco. Die Armee hatte vorher schon Scharfschützen und Maschinengewehr-Nester auf den Dächern der umliegenden Gebäude versteckt. Die Geheimpolizei hatte Provokateure unter die Demonstranten gemischt, und die zogen irgendwann Pistolen und schossen. Von den Dächern antwortete Maschinengewehr-Feuer. Die Demonstranten wollten in Panik fliehen, doch über die Fluchtwege rollten Panzer heran. Das Gemetzel ging als "Massaker von Tlatelolco" in die mexikanische Geschichte ein.

Nach der Zählung von Menschenrechtsorganisationen wurden an diesem Abend 337 Menschen getötet. Hunderte wurden verhaftet. Die Regierung hat nie mehr als 37 Tote eingestanden und behauptet, auch die Studenten hätten geschossen. Soldaten sammelten die Leichen ein, transportierten sie ab und verscharrten sie irgendwo. Die meisten Gebeine wurden bis heute nicht gefunden.

Kein gutes Omen für die Tibeter

Zehn Tage nach dem Massaker eröffnete Präsident Gustavo Díaz die Spiele und das Internationale Olympische Komitee machte mit, als wäre nichts geschehen. Kein Protest von Seiten der Sportfunktionäre. Kein Land blieb der Eröffnungszeremonie fern. Ein Boykott war nicht einmal diskutiert worden. Das Massaker hatte den Streik an der Universität beendet, das Aufbegehren der Studenten war in Blut ertränkt. Jetzt konnte ohne lästige Störer gefeiert werden.

Die PRI hat nach dem Gemetzel weitere 32 Jahre in Mexiko regiert. Bis heute weiß man nicht, wer an jenem 2. Oktober den Schießbefehl gegeben hat. 2006 wurde der damalige Innenminister und spätere Präsident Luis Echeverría als Hauptverantwortlicher für den Massenmord verhaftet. Er kam wenige Tage später wieder frei. Die 38 Jahre zurück liegenden Taten seien längst verjährt, sagten die Richter.

Wenn man sich heute an die Olympischen Spiele von 1968 erinnert, fällt einem allenfalls Bob Beamon ein: Der Mann, der in der Höhenluft von Mexiko-Stadt 8,90 Meter weit sprang und damit einen unglaublichen Weltrekord aufstellte. An das Massaker von Tlatelolco denkt niemand mehr. Kein gutes Omen für die Tibeter.