Mord an Hrant Dink "Ich bereue es nicht"


Er habe Hrant Dink wegen seiner Äußerungen erschossen, hat der mutmaßliche Mörder des armenisch-türkischen Journalisten der Polizei gesagt. Ob der Jugendliche aber tatsächlich aus eigenem Antrieb handelte, darf bezweifelt werden.
Von Stefanie Rosenkranz, Istanbul

"Ich habe im Internet gesurft. Dort las ich, dass er geschrieben hat: Ich bin aus der Türkei, aber das türkische Blut ist ein dreckiges Blut. Deswegen habe ich mich entschlossen, ihn zu töten", hat der mutmaßliche Mörder des armenisch-türkischen Journalisten Hrant Dink bei seiner ersten Vernehmung am Sonntagnachmittag ausgesagt. Er heißt Ogün Samast, ist keine 18 Jahre alt und stammt aus Trabzon, einer Hafenstadt am Schwarzen Meer, nahe der georgischen Grenze und über 1000 Kilometer von Istanbul entfernt. "Am 17. Januar bin ich in den Bus eingestiegen, am Abend des nächsten Tages stieg ich in Istanbul aus. Ich habe die Nacht am Bahnhof verbracht. Dann bin ich zu Dinks Redaktion gegangen, um ihn zu sehen, aber das war nicht möglich. Anschließend bin ich zum Freitags-Gebet gegangen. Danach kehrte ich zur Redaktion zurück. Dink ging zu einer Bank, und als er mich auf dem Rückweg sah, wirkte er irritiert. Zehn Minuten später kam er wieder aus dem Gebäude raus. Ich habe mich ihm von hinten genähert und aus einem Meter Abstand geschossen. Ich bereue es nicht."

Man werde Dinks Mörder finden, hat gestern der Chefredakteur der türkischen Tageszeitung "Sabah", Fatih Altayli, geschrieben. "Und es wird ganz ähnlich sein wie im Fall des Priesters Andrea Santoro, der vor einem Jahr in Trabzon erschossen wurde: Bei seinem Geständnis wird der Täter sagen: Ich las Dinks Artikel und Texte und war sehr böse. Während ich im Kaffeehaus mit meinen Freunden saß, wurde ich wütend. Beim Krämer habe ich eine Pistole gekauft und ihn umgebracht." Altayli fügte hinzu: "Und wir alle werden gezwungen sein, das zu glauben."

Was ist dran an der Einzeltäter

Altaylis Worte haben sich auf geradezu gespenstische Weise als prophetisch erwiesen: Der junge Mann, der vor elf Monaten den katholischen Geistlichen Santoro beim Gebet in der Santa-Maria-Kirche niederstreckte, war 16 Jahre alt und stammte wie Samast aus Trabzon. Auch er, dessen voller Name wegen seiner Minderjährigkeit nie bekannt gegeben wurde, und der im letzten Frühjahr zu einer 18-jährigen Haftstrafe verurteilt wurde, hat häufig im Internet gesurft, stritt sich mit seiner Familie, war desorientiert und will seine Tat spontan und ganz alleine begangen haben.

Doch anders als beim Santoro-Mord ist die Einzeltäter-Version dieses Mal mehr als unwahrscheinlich. So soll Samast in den letzten zwei Wochen fünf Mal nach Istanbul geflogen sein. Weder er selbst, arbeitslos seit seinem Schulabgang nach der siebten Klasse, noch irgendein Mitglied seiner Familie, die aus einem kleinen Dorf nahe Trabzon stammt, haben die Mittel für derlei Reisen. Woher kam das Geld für die Flüge?

Und anders als der Priester-Mörder ist Samast kein völlig unbeschriebenes Blatt: Vor drei Jahren verübten seine besten Freunde ein Attentat gegen McDonalds in Trabzon. Einer der Täter gab damals an, man habe die Filiale der Fast-Food-Kette angegriffen, weil sie während des islamischen Fastenmonats Ramadan tagsüber Essen verkaufe, was allerdings in der Türkei erlaubt ist. Der Täter von damals, Yasin Hayal, wurde jetzt ebenfalls verhaftet. Es wird vermutet, dass er der Drahtzieher des Mordes an Hrant Dink sei. Vor dem Anschlag auf McDonalds wollte er nach Tschetschenien fahren, um dort am Guerilla-Krieg gegen Russland teilzunehmen, allerdings kam er nie weiter als Aserbeidschan.

Trabzons Polizeichef mit dunkler Vergangenheit

Die Türken blicken jetzt auf die konservative 250.000-Einwohner-Stadt Trabzon, in der die Polizei schon mehrfach beide Augen zugedrückt hat, wenn Extremisten am Werk waren. So wurden dort vor zwei Jahren fünf kurdische Menschenrechtler fast gelyncht, als sie Flugblätter verteilten. Keiner der Schläger wurde verurteilt, stattdessen landeten die Menschenrechtler kurzfristig hinter Gittern.

Ob deren derzeitiger Polizeichef Abhilfe schaffen wird, ist fraglich. Resat Altay, kurz nach dem Santoro-Mord ans Schwarze Meer abberufen, war 1978 in ein blutiges Kapitel der türkischen Geschichte verwickelt, als so genanntes "Massaker des 16. März" bekannt, das den türkischen Militärputsch von 1980 einleitete: Er war damals Chef der Polizeistation an der Universität Istanbul. Die Studenten benutzten seit Wochen nur noch den Seitenausgang, weil sie am Hauptportal regelmäßig von Rechtsextremisten angegriffen wurden, und verließen unter Polizeischutz das Gebäude. Am 16. März wurden sie von einer Ordnungskraft gezwungen, durch den Hauptausgang die Universität zu verlassen. Kurz darauf explodierte in der Menschenmenge eine Bombe, sieben Menschen starben, 41 wurden schwer verletzt. Als Polizisten die Attentäter verfolgen wollten, hinderte sie Resat Altay daran. Bald darauf wurde er zum stellvertretenden Polizeichef von Istanbul befördert.

Altay gilt als Vertreter des "tiefen Staates", einer unheimlichen Allianz aus Militärs, Polizisten, Richtern, Geheimdienstlern und Mafia-Bossen, die in der Vergangenheit schon mal Todesschwadronen über Land geschickt hat, um Oppositionelle ermorden zu lassen.

Fatih Altayli glaubt fest, dass sowohl der Santoro-Mörder als auch Samast "nur benutzt wurden". Der sei vermutlich Mitglied der paramilitärischen Nizam-I-Alem-Gruppe gewesen, einer seit sieben Jahren offiziell verbotenen Jugendorganisation der islamisch-faschistischen "Großen Einheitspartei" gewesen sei. Deren Vorsitzender Muhsin Yazicioglu streitet freilich jede Verantwortung ab: "Wir haben damit nichts zu tun."


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