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Mord an Theo van Gogh: Im Visier von V-Männern

Der Mörder des niederländischen Filmemachers Theo van Gogh war integriert, radikalisierte sich aber zusehends. Bald geriet Mohammed Bouyeri ins Blickfeld des Inlandsgeheimdienstes. Teil 2 des Reports von Albert Eikenaar und Uli Rauss

Robert* weiß von diesen Treffen, vom unseligen Einfluss des Abu Khaled und von der zunehmenden Radikalisierung Mohammed Bouyeris. Er bewegt sich seit Jahren als Sozialarbeiter in den Kreisen der marokkanischen Jugendlichen im Westteil Amsterdams, hat eine marokkanische Mutter, versteht die Kultur, wird akzeptiert. Robert ist ein V-Mann des Inlandsgeheimdienstes AIVD. Oft bekommt er seine Informationen von Fahmi, einem arglosen Mitläufer, der später im Gefängnis landen wird. Der beschreibt Abu Khaled als "einen sehr weisen Mann, dem man einfach gehorchen muss bei seinen zwingenden Augen". Bei den Treffen mit Abu Khaled und Bouyeri verkehren bis zum 25 Marokkaner, und bald erfährt V-Mann Robert, dass sich "vier oder fünf absolut unterworfen haben und zu allen Schandtaten bereits sind". Robert meldet die Radikalisierung von Bouyeris Clique an den Geheimdienst.

"Jedes Lebewesen auf Erden ist Moslem"

Den Ermittlern sind schon Bouyeris Texte in der Stadtteilzeitung aufgefallen. Im August 2002 schreibt er über den Islam als "wahren, alles umfassenden Glauben". Physisch gesehen sei "jedes Lebewesen auf Erden Moslem. Allah bestimmt alles." Die Verfassungsschützer erhalten zudem Informationen über die Ankunft eines Radikalislamisten namens Nouredine al Fathni, der sich in der Wohnung Marinne Philpsstraat 27 Hs aufhalte. Der Geheimdienst AIVD interessiert sich nun stärker für die Treffs, die dort zweimal pro Woche abends stattfinden. Die jugendlichen Teilnehmer kommen aus integrierten, relativ gut situierten Elternhäusern, einige bringen von Zuhause Essen mit. Bouyeri ist der Gastgeber, seine Tür ist immer offen für Teenager, die über den Islam reden wollen. Auf einer Website schreibt er nun Texte unter dem Pseudonym "Abu Zubair". Er schreibt vom Moslemstaat Niederlande: "Es ist nur eine Frage der Zeit, bis die Ritter Allahs zum Innenhof marschieren und auf dem Zentralen Platz die Fahne von Tawhid hissen." Der Innenhof – so nennen die Niederländer ihren Parlamentssitz.

Minderjährige Gotteskrieger für Tschetschenien

Die Gruppe um Abu Khaled und Bouyeri wird nun überwacht. Ende Januar 2003 melden zwei marokkanische Familien verzweifelt das Verschwinden je eines Sohnes. Sie sind 16 und 17 Jahre und gehen noch zur Schule. Das Entsetzen der Eltern ist groß, als die Nachricht kommt, die Jungen seien von der ukrainischen Grenzpolizei festgenommen worden und hätten gesagt, sie wollten "zum Dschihad nach Grozny in Tschetschenien". Der 16-jährige heißt Samir Azzouz und nimmt regelmäßig an den Treffen in Bouyeris Wohnung teil. Was der Geheimdienst AIVD zunächst als "pubertäres Verhalten" abtut, sehen V-Mann Robert und andere Zeugen ganz anders: "Samir hat von Abu Khaled eine totale Gehirnwäsche bekommen". Eine Woche später korrigiert auch der AIVD seine Meinung: Die so genannte Hofstad-Gruppe sei dabei, "abzugleiten. Die Mitglieder scheinen bereit zu sein, wahrhaftig am Dschihad teilzunehmen". Dies dürfe nicht unterschätzt werden, heißt es in einem Lageprotokoll des Geheimdienstes vom 4. März 2003.

Im September 2003 sind Hollands Terrorfahnder erneut alarmiert. Mehrere Mitglieder der Hofstad-Gruppe sind nach Pakistan gereist und sollen offenbar in Kaschmir eine militärische Ausbildung erhalten. Andere halten telefonischen Kontakt zu einem Mann, der an den Bombenanschlägen vom 16. Mai des Jahres in Casablanca beteiligt ist, Abdelhamid Akoudad. Der spricht in einem abgehörten Telefonat von "einem Spiel, das gespielt werden muss". Im Vergleich dazu ist das, was über Mohammed Bouyeri gemeldet wird, harmlos. "Er schreit Korantexte", sagen Informanten. "Kein bedeutender Spieler", urteilen jedoch die Geheimdienstler, wie aus einem späteren Ermittlungsbericht des Innenministeriums hervorgeht, der dem stern vorliegt.

Am 14. Oktober 2003 wird der Marokkaner Akudad nach einem Hinweis aus den Niederlanden in Spanien verhaftet. In Holland nehmen Ermittler am selben Tag fünf Verdächtige fest unter dem Verdacht "der Vorbereitung einer unbekannten Terroraktion". In der Wohnung des jungen Samir Azzouz finden sie Substanzen, die als Grundstoff zur Sprengstoffproduktion taugen. Der Bursche, der neun Monate zuvor auf dem Weg nach Tschetschenien erwischt wurde, kommt schnell wieder frei. Der Fund reiche nicht für einen Prozess, meinen die Fahnder, zumal bestimmte Chemikalien in der Wohnung fehlten. "Die Jungs waren nicht dumm, sie haben bewusst das Material nicht zusammen gelagert", sagt Ex-Geheimdienstmann Fritz Hoekstra. "Ich hätte diesen Fall den Richtern vorgelegt." Auch Abu Khaled, Leiter der Hofstad-Gruppe, ist nach ein paar Tagen wieder auf freiem Fuß. Weil er bei Bouyeri wohnt, wird dessen Wohnung durchsucht, und der Prediger hat Glück, dass Mohammed Bouyeri vor der Razzia noch ein paar belastende Dokumente verschwinden lassen konnte, wie aus einem später abgehörten Telefonat hervorgeht. Die Ermittler kennen Abu Khaleds Rolle und wissen, dass er Kontakt hat mit einem Marokkaner in Belgien, der in den Casablanca-Anschlag verwickelt ist. Trotzdem lässt der Ermittlungsrichter den Syrer frei. Wegen illegaler Einreise wird Abu Khaled nach Deutschland abgeschoben, hält sich ein paar Tage wie früher in Olsberg auf und reist schon bald wieder zurück nach Den Haag, wo Frau und Kind untergeschlüpft sind. Dass er wieder im Hofstad-Netz aktiv wird, wissen die Fahnder. Es beunruhigt sie offenbar ebenso wenig wie das Märtyrer-Testament, dass sie in Bouyeris Wohnung gefunden haben. "Für Allah will ich sterben", schreibt darin der Fundamentalist Nouredine al Fatnih, ein Freund und Mitbewohner Bouyeris.

Der Tunnelblick des Geheimdienstes

Noch immer schätzen Ermittler in Amsterdam die Rolle von Mohammed Bouyeri Anfang 2004 völlig falsch ein. Sein Name gehört nicht zu den 150 Terrorverdächtigen in der neuen Gefährderliste, die der Geheimdienst AIVD nach den Bombenanschlägen auf Züge in Madrid erstellt. Sieben Monate nach dem Mord an Theo van Gogh muss die Staatssicherheit zugeben, dass Bouyeri an der Spitze des Hofstad-Netzes stand und zusammen mit dem geistigen Inspirator Abu Khaled Radikale anheuerte und womöglich lenkte. "Der Dienst hatte einen Tunnelblick, und der war auf große Anschläge gerichtet, nicht auf einzelne Selbstmordattentäter wie Mohammed Bouyeri", sagt Professor Cees Wiebes, ein Geheimdienstexperte. Der AIVD konzentriert sich auf radikale Moslems, die im Ausland militärisch trainierten, Interesse für Sprengstoff zeigten, Kontakte zu spanischen al-Kaida-Zellen hatten. "Bouyeri erfüllte diese festen Kriterien nicht."

In den folgenden Monaten melden V-Mann Robert und andere Informanten zunehmende Aktivitäten von Bouyeri und Abu Khaled. Teilnehmer der Koranlesungen in der Amsterdamer Wohnung des Van-Gogh-Mörders berichten nach der Tat in der Zeitung NRC-Handelsblad davon, dass nun auch der Name Ayaan Hirsi Ali häufig fiel. Die Parlamentsabgeordnete aus Somalia, die ihrem muslimischen Glauben abschwor und für die Rechte muslimischer Frauen streitet, gilt den Takfiristen um Abu Khaled als "Mounafikka" (Abtrünnige), "A´Abida" (Sklavin), "Kapha" (Nutte). "Mit ihrem Tod kann man sich schmücken, höchstes Lob ernten", sagen die jungen Radikalen. Hirsi Ali hat das Drehbuch geschrieben für den Film, der Theo van Gogh zum Verhängnis wurde. Sie wird rund um die Uhr von mehreren Bodyguards geschützt.

Lesen Sie in Teil 3 - Mord unter den Augen des Geheimdienstes , wie Bouyeri seine Mordpläne bis zur Verwirklichung vorantreiben konnte.

*Name von der Redaktion geändert