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"Juneteenth" "Amerikas Erbsünde": Gedenktag zum Ende der Sklaverei wird neuer Feiertag in den USA

Menschen demonstrieren zu "Juneteenth"
Tausende Menschen erinnern bei der "Juneteenth"-Parade 2020 in New York an den getöteten George Floyd
© Angela Weiss / AFP
Die Amerikaner bekommen einen neuen Feiertag. "Juneteenth" wurde von einer deutlichen Mehrheit im Kongress bestätigt. Doch nicht allen Republikanern ist die Auseinandersetzung mit der eigenen Vergangenheit recht.

Mit überwältigender Mehrheit hat der US-Kongress einen neuen Feiertag zum Gedenken an das Ende der Sklaverei verabschiedet. Das Repräsentantenhaus stimmte mit einer seltenen parteiübergreifenden Einigkeit von 415 gegen 14 Stimmen für den sogenannten "Juneteenth" – den 19. Juni. 

"Dieser Tag erinnert uns an eine Geschichte, die stark durch Brutalität und Ungerechtigkeit befleckt ist und an unsere Verantwortung, eine Zukunft des Fortschritts für alle aufzubauen", sagte Nancy Pelosi, die Vorsitzende des Repräsentantenhauses, vor der Abstimmung. Der Senat hatte den Entwurf bereits am Dienstag einstimmig verabschiedet. Am Donnerstagnachmittag soll US-Präsident Joe Biden das Gesetz unterzeichnen.

"Juneteenth" als Gedenken an Amerikas Erbsünde

Jedes Jahr wird in den USA am 19. Juni "Juneteenth" gefeiert, eine Mischung aus den englischen Wörtern für Juni und 19. Am 19. Juni 1865 – zwei Monate nach der Kapitulation der im Bürgerkrieg für den Erhalt der Sklaverei kämpfenden Südstaaten-Truppen – hatte ein General der Armee des Nordens in Galveston, im Bundesstaat Texas, die Freilassung aller Sklaven verkündet.

Die Abgeordnete Sheila Jackson Lee, eine Demokratin aus Texas, sprach während der Debatte vor einem Foto, das den von Peitschenhieben vernarbten Rücken eines Sklaven zeigte. Als eine Haupt-Unterstützerin des Gesetzes sagte sie, dass "Juneteenth" als Bundesfeiertag vorgeschlagen worden sei, um "an das Ende der Sklaverei, Amerikas Erbsünde, zu erinnern und um Feierlichkeiten zu schaffen, die die Rassentrennung bis zu einem Punkt der Einheit zerschlagen".

Guy Reschenthaler, ein republikanischer Abgeordneter aus Pennsylvania, sagte, er unterstütze das Gesetz, um die Tradition der amerikanischen Soldaten fortzuführen, die im Bürgerkrieg gegen die Sklaverei gekämpft haben. Der Feiertag würde "die wichtige Geschichte und den Beitrag der schwarzen Amerikaner und derer, die für das Ende der Sklaverei gekämpft und gestorben sind", hervorheben.

Dennoch lehnten mehr als ein Dutzend Republikaner den Vorschlag ab. Kurz vor der Abstimmung sagte der Abgeordnete Matt Rosendale aus Montana, der Gesetzentwurf sei ein Versuch der "Linken", "den Amerikanern ein schlechtes Gewissen zu machen und sie davon zu überzeugen, dass unser Land böse ist". Bereits im vergangenen Jahr war das Vorhaben zunächst an einem republikanischen Senator gescheitert. Als Grund hatte Ron Johnson aus dem Bundesstaat Wisconsin Bedenken zu den Kosten angeführt. Seinen Widerstand gab er diese Woche jedoch auf. Zudem haben sich die Machtverhältnisse verschoben, da sich die Demokraten durch die Wahlen 2020 sowohl das Präsidentenamt als auch eine knappe Mehrheit im Senat sichern konnten.

Gedenktag durch BLM-Proteste wieder in den Fokus gerückt

Die Debatte um die Verbrechen der Sklaverei hat in den USA seit dem letzten Jahr an Fahrt gewonnen. Nach dem Tod von George Floyd und anderen Afroamerikanern durch Polizeigewalt waren im ganzen Land Anti-Rassismus-Proteste der Black Lives Matter-Bewegung aufgeflammt. Im Zuge der Demonstrationen gaben viele Unternehmen ihren Mitarbeitern den 19. Juni frei und erhöhten dadurch den Druck auf die staatliche Anerkennung als bezahlten Feiertag.

Doch der Schritt zur Auseinandersetzung mit den dunklen Kapiteln der amerikanischen Vergangenheit geht vielen Republikanern zu weit. In mehreren Bundesstaaten drängen republikanische Politiker darauf, Lehrpläne an Schulen zu untersagen, die sich mit dem Erbe der Sklaverei beschäftigen und die Auswirkungen von Rassismus auf unzählige Aspekte der Gesellschaft lehren. "Wir wissen, dass es eine Bewegung gibt, die die Geschichte mit Angriffen auf die kritische Rassentheorie und auf die Lehre der Präsenz von systemischem Rassismus in der Geschichte unseres Landes auslöschen will", sagte Edward J. Markey, demokratischer Abgeordneter aus Massachusetts.

"Juneteenth" zu einem Bundesfeiertag zu machen, "erkennt die Sklaverei als Erbsünde an, die in die Verfassung der Vereinigten Staaten eingebaut ist", fügte er hinzu. "Wir feiern deren Ausrottung, aber wir können nicht feiern, wie tief Rassismus in der amerikanischen Politik verankert und noch immer in Bildung, Gesundheitsversorgung, Wohnen und jeder anderen Politik integriert ist."

"Juneteenth" hat lange Tradition

Der Gedenktag an das Ende der Sklaverei wäre der zwölfte bundesweit geltende Feiertag – und der erste neue dieser Art seit 38 Jahren. In den meisten der 50 US-Bundesstaaten wird er zwar bereits offiziell begangen – ein Bundesfeiertag ("federal holiday") ist der 19. Juni bislang jedoch nicht. 

Der erste "Juneteenth" fand 1866 in Texas statt. Familien kamen zum Essen zusammen, es gab Paraden, musikalische Vorführungen und es wurde gemeinsam gebetet. Mit den Jahren entwickelten vielen Gemeinschaften im ganzen Land ihre eigenen Traditionen.

In mehreren Staaten finden noch immer große Paraden statt. Es gibt öffentliche Konzerte und Lesungen, Kirmes und Gottesdienste. Bis heute reisen einige Familien jedes Jahr zum 19. Juni nach Galveston, um den Ereignissen vor Ort zu gedenken. Auch das Essen spielt eine wichtige Rolle – denn die meisten US-Amerikaner verbringen den Tag am liebsten mit Familie und Freunden beim gemeinsamen Grillen.

Quellen: "New York Times", CNN, BBC, mit DPA


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