HOME

New York nach Osama bin Ladens Tod: Doch Wiedergutmachung gibt es nicht

Es ist ein besonderer Tag für New York, jene Stadt, die von Osama bin Ladens Terror bis ins Mark verwundet worden ist. Nach dem Tod des Terrorfürsten herrscht Genugtuung an Ground Zero.

Von Ulrike von Bülow, New York

Ground Zero ist kein ruhiger Ort des Gedenkens. Man hört Presslufthämmer und Bagger, die über die berühmte Baustelle ruckeln, und das Geräusch von Metall, das schrill aufeinanderschlägt. Trotzdem geht es hier an diesem Morgen leiser zu als sonst. Besonnener. Menschen stehen an den Zäunen, die Ground Zero umgeben, sie stecken Blumen zwischen die Drahtmaschen und verharren für einen Moment in der gedanklichen Stille. "Ich habe 30 Freunde hier verloren", sagt ein Mann um die 40, der das breite Kreuz eines New Yorker Feuerwehrmannes hat. Er setzt sich eine dunkle Sonnenbrille auf und schluckt. "Es gibt keine Wiedergutmachung", sagt er dann, "auch nicht an einem Tag wie heute."

Jubelgesänge und knallende Sektkorken

Es ist Montag, der 2. Mai 2011, 10.50 Uhr Ortszeit; zwölf Stunden sind vergangen, seit die Nachricht vom Tode Osama Bin Ladens bekannt wurde und überall als "breaking news" erschien - auf den gigantischen Bildschirmen am Times Square oder im "Citizen Bank Park", dem Baseball-Stadion der New York Mets, die gerade gegen die Philadelphia Phillies in die Verlängerung gingen, als ihre Fans plötzlich im Chor skandierten: "USA! USA!"

Jubelgesänge, wie sie rasch auch am Ground Zero in Lower Manhattan zu hören waren, wo rund 1000 Leute zusammenkamen, kaum dass Präsident Obama sich gegen Mitternacht in seiner Rede an die Angehörigen der Opfer des 11. September gewandt hatte: "Justice has been done", sprach er, der Gerechtigkeit ist genüge getan. Und dann hieß es, die US-Regierung wolle Osama Bin Laden auf See bestatten, doch das hielten sie am Gorund Zero für keine gute Idee: "Hängt seine Leiche am Empire State Building auf", rief Jim Walkenberg, 32. Und dann bildete sich ein neuer Chor, "Fuck Bin Laden", und es knallten Champagnerkorken.

Die Medien kennen nur ein Thema

Gegen ein Uhr nachts baute die Polizei rund um Ground Zero Absperrgitter auf, und diese stehen auch am Morgen danach noch hier, an der Nordostseite der Baustelle, Ecke Church Street und Vesey Street, wo die TV-Stationen ihre Übertragungswagen geparkt haben: NBC, ABC oder der Lokalsender NY1, dessen "News" normalerweise aus Schießereien in der Bronx bestehen, auch dann noch, wenn in Japan die Erde bebt. Doch sogar NY1 redet heute ganz überregional von einer "Weltsensation" und einer "historischen Meldung", der Meldung, dass die Amerikaner den meistgesuchten Terroristen des Planeten getötet haben.

Es ist daher etwas erstaunlich, dass es Menschen gibt, die an diesem Morgen den letzten Nachrichtenknall nicht gehört haben. "Warum sind denn all die Kameras hier?", fragt eine grauhaarige Dame einen Polizisten, sie spricht mit holländischem Akzent "Äh", sagt der Polizist, "das hier ist Ground Zero."

"Haben Sie jemanden bei den Anschlägen verloren?"

Besser informiert sind da zwei Frauen aus Germany: Sie sehen aus wie Mutter und Tochter und halten eine Ausgabe der "New York Post" hoch. Darauf ein Bild von Osama Bin Laden und der Titelzeile: "Wir haben ihn!" Sie hätten die Nachricht heute früh im Hotel gehört, spricht eine von beiden in die Kamera von N24, denn natürlich sind auch deutsche Medien an Ground Zero vertreten, wo jeder Mensch, der noch so stillschweigend am Zaun gedenkt, anschließend von einem Mikrofonträger angesprochen wird: "Haben Sie jemanden bei den Anschlägen verloren?"

Dennoch, es gibt auch kamerafreie Zonen. Wie die St. Paul's Chapel, die kleine Kirche an der Ostseite von Ground Zero, die am Tag der Anschläge wie ein Wunder kaum Trümmer abbekam und dann zu einem Zufluchtsort für die Feuerwehrleute und Rettungsdienstler wurde, die damals nach Überlebenden suchten: Der Pastor stellte ihnen Feldbetten auf, Freiwillige servierten Suppen. Die Kirche war damals die Zentrale der Hilfsbereitbereitschaft, ein Hort der Ruhe auf einem Kriegsschauplatz. Heute ist sie ein Ort der Erinnerung, mit einem "Memorial Altar", an dem Fotos der Verstorbenen zu sehen sind, sehr rührend. Und normalerweise stehen Besucher vor diesem Altar und flüstern sich bewegt etwas zu. An diesem Montag ist hier kein Ton zu hören. Nur bedächtiges Schweigen.

"Er war das beherrschende Thema"

Es gebe keinen Grund zu lautem Jubel, sagt draußen Jeff Rosner, ein gebürtiger New Yorker, der am 11. September 2001 fassungslos auf seinem Balkon stand, von wo aus er die Türme sah. Wie sie brannten und einstürzten. "Die Anschläge sind zehn Jahre her", so Rosner, ein Herr mit grauen Locken. "Seither kreisten unsere Politiker darum, bin Laden zu fassen. Er war das beherrschende Thema unserer Außenpolitik, was zu Zerstörung im Mittleren Osten geführt hat." Osama Bin Laden habe die USA ein ganzes Jahrzehnt gekostet, "und das dämpft meine Freude, ihn tot zu sehen. Doch zu wissen, dass es für ihn keinen Tag mehr gibt, an dem er sich seiner Taten rühmen kann, dass verschafft mir eine tiefe Befriedigung."