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Terrorchef Osama bin Laden getötet: Die USA besiegen das Böse

Mit der Tötung Osama bin Ladens hat Barack Obama die Opfer des 11. September 2001 gesühnt. Die symbolische, emotionale und politische Wucht dieser Nachricht ist gewaltig - sie markiert eine Zäsur.

Ein Kommentar von Florian Güßgen

Es ist eine Sensation. Wenige Monate vor dem 10. Jahrestag der Anschläge des 11. September 2001 finden und töten US-Soldaten Osama bin Laden - den Al-Kaida-Führer, den Drahtzieher, das Gesicht des Terrors, das personifizierte Böse. Es ist sicher fragwürdig, über so eine gezielte Tötung zu jubeln - aber die symbolische und politische Bedeutung dieser Nachricht kann nicht überschätzt werden.

Symbolisch schließt sich mit der Tötung bin Ladens ein Kreis. Jener Mann, der für den schlimmsten Angriffe auf die USA seit Pearl Harbor verantwortlich zeichnet, jener Mann, der der Kopf war hinter der Ermordung von knapp 3000 Menschen, jener Mann, der mit der Attacke auf das World Trade Center so zielsicher in das Herz Amerikas stach - jenen Mann haben sie jetzt gekriegt. Die Flucht bin Ladens, sein Entkommen, die immer wieder veröffentlichten Videos, all das hatte in der Folge der Anschläge von 2001 gewirkt wie ein Stachel in der schwelenden Wunde Amerikas. Man kann die USA ins Mark treffen, lautete bin Ladens höhnische Botschaft - und trotzdem davonkommen. Da schienen auch die markigen Worte George W. Bushs nichts zu helfen.

Es ist, als habe Amerika einen Krieg gewonnen

Jetzt, so scheint es, ist das Verbrechen gesühnt und Amerikas Wunde kann heilen. Am Ende, mit viel Beharrlichkeit, haben die USA das Böse doch besiegt. Manche sagen, es sei, als hätte es 1943 oder 1944 ein erfolgreiches Attentat auf Adolf Hitler gegeben. Wie emotional, wie befreiend dieser Sieg wirkt, wie eng verknüpft er ist mit dem Schmerz des 11. September, wie stolz er das Land macht, zeigt der spontane Jubel vor dem Weißen Haus und am Ground Zero, zeigt aber auch das Staunen, das selbst TV-Kommentatoren erfasst. "Wir haben euch Opfer nicht vergessen", lautet diese Botschaft. "Der Gerechtigkeit wurde genüge getan", sagte Obama in seiner Rede. Es ist, als habe Amerika einen Krieg gewonnen, den Krieg gegen den Terror - und jetzt tanzt das Volk auf den Straßen. Für die USA endet am 1. Mai 2011 symbolisch ein geschichtlicher Abschnitt, der am 11. September 2001 begonnen hatte. Es ist V-Day, Victory-Day. Ab dem 2. Mai beginnt etwas Neues.

Eine andere, schwierigere Frage ist dabei, was das alles konkret für den Kampf gegen den Terror und gegen das Terrornetzwerk al Kaida bedeutet. Es gibt Experten, die sagen, mit bin Laden falle der zentrale Mann al Kaidas weg, die Tötung sei auch operativ gleichbedeutend mit einem Sieg gegen den Terrorismus. So ein Urteil mutet vorschnell an. Unter dem Label "al Kaida" operieren mittlerweile zig auch sehr unabhängige, dezentrale Zellen, die immer häufiger auch aus in westlichen Staaten geborenen Mitgliedern bestehen. Viele Experten halten die operative Bedeutung bin Ladens für überschätzt. Der islamistische Terrorismus wird deshalb vorerst zweifellos eine Bedrohung bleiben - welche konkrete Auswirkung es hat, dass ihm nun die zentrale Galionsfigur abhanden gekommen ist, bleibt - jenseits aller psychologischen Effekte - vorsichtig abzuwarten.

Der Höhepunkt der Präsidentschaft Obamas

Politisch ist die Tötung bin Ladens wahrscheinlich der bisherige Höhepunkt der Präsidentschaft Barack Obamas. Auch wenn sein Vorgänger Bush mutmaßlich alles Menschenmögliche getan hat, um bin Ladens habhaft zu werden, so blieb es doch Obama vorbehalten, Vollzug zu melden. Er ist der Bin-Laden-Killer, der Mann, der, archaisch gesprochen, Amerikas Ehre wiederhergestellt hat. Obama hat so endgültig unter Beweis gestellt, dass er auch ein "tough guy" sein kann, ein "harter Hund". Das bringt ihm Beifall von allen Seiten ein, den Bürgern, den Militärs, den Konservativen. Im langsam beginnenden US-Präsidentschaftswahlkampf kann Obama nichts Besseres passieren. Gleiches gilt für seinen neuen Verteidigungsminister Leon Panetta, derzeit noch CIA-Chef: Ein Geheimdienst-Mann, der bin Laden erledigt hat, wird im Senat mit Kusshand und Kniefall durchgewunken werden. Was für ein Start.

Dass die Obama-Regierung die Gunst der Stunde erkannt hat und entschlossen ist, sie zu nutzen, lässt sich auch an dem Versuch ablesen, im Triumph ja keine religiösen Gefühle zu verletzen und das angespannte Verhältnis zu Pakistan auf den richtigen Weg zu lenken. Schon in seiner Rede sagte Obama, der Kampf gegen bin Laden sei keine Kampf gegen den Islam gewesen. Auch die Nachricht, dass bin Ladens Leiche gemäß islamischen Regeln schnell bestattet wurde, deutet darauf hin, dass die USA signalisieren wollen, dass sie die Vorgaben islamischer Riten achten. Dass Pakistan, und vor allem dessen Geheimdienst, im US-Kampf gegen den Terror ein zweifelhafter Bündnisgenosse ist, war den US-Diensten in den letzten Jahren ein Dorn im Auge. Lange war unklar, ob es die dortigen Agenten nicht eher mit den Islamisten hielten. Diese Zweifel sind nun sicher nicht vollends ausgeräumt. Aber immerhin markiert es einen wichtigen Schritt, dass Obama die Kooperationsbereitschaft der zivilen Regierung Pakistans hervorhob - und der Geheimdienst offenbar auch in die Kommandoaktion eingebunden war. Auch hier könnte eine neue Phase beginnen.