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Niederlande: Rache für Mord an van Gogh

In den Niederlanden haben Unbekannte mehrere Anschläge auf muslimische Einrichtungen verübt. Ermittler vermuteten eine Reaktion auf die Ermordung eines islamkritischen Regisseurs.

Nachdem der niederländische Regisseur Theo van Gogh vergangene Woche auf offener Straße von einem mutmaßlichen Islamisten erschossen wurde, haben Unbekannte muslimische Einrichtungen mit Sprengstoff und Brandsätzen beschädigt. In anonymen Botschaften wurde zur Vergeltung des Mordes und zur Rache an Muslimen aufgefordert.

Nach den Terroranschlägen in den USA am 11. September 2001 brach in den Niederlanden eine "Islamphobie" aus und rechte Parteien bekamen Zulauf. Eine von der Regierung in Auftrag gegebene Studie nährte die Befürchtungen noch, dass das Land bei der Integration scheitert. Kritiker des Asylsystems fürchten, das die Zuwanderer die innere Sicherheit gefährden.

In der Nacht zu Montag explodierte ein Sprengsatz vor einer islamischen Grundschule in Eindhoven. Menschen hielten sich zur Zeit der heftigen Explosion, die in der Nachbarschaft zahlreiche Fensterscheiben zerstörte, nicht in dem Gebäude auf. Die Polizei teilte mit, dass das Gebäude stark beschädigt sei. Die Tarieq-Ibnu-Zyad-Islamschule wird von der Stiftung Islamisches Zentrum al Fourqaan betrieben, die auch die Al-Fourqaan-Moschee in Eindhoven unterhält. Diese Moschee wurde früher von zwei Jugendlichen besucht, die bei einem mutmaßlichen Selbstmordanschlag auf indische Truppen in Kaschmir ums Leben kamen. Die Stiftung stand unter Beobachtung des niederländischen Geheimdiensts.

Brandanschläge auf Moscheen

In der westniederländischen Stadt Huizen hatten Polizisten am Freitagabend einen Brandanschlag auf die An-Nasr-Moschee vereitelt. Drei Verdächtige wurden festgenommen, als sie versuchten das Gotteshaus anzuzünden. In Rotterdam, Utrecht und Breda wurde ebenfalls Feuer an Moscheen gelegt. Das Gotteshaus in Breda wurde leicht beschädigt. Die Ermittler vermuten einen direkten Zusammenhang mit der Ermordung van Goghs.

Der Mörder des Regisseurs soll ein 26-jähriger muslimischer Extremist sein, der die marokkanische und die niederländische Staatsbürgerschaft besitzt. Er verweigert bislang die Aussage. Van Gogh war beim Fahradfahren von mehreren Pistolenschüssen getroffen und dann mit einem Messer erstochen worden. Ein Schreiben, das bei der Leiche des Filmemachers gefunden wurde, rief alle Muslime dazu auf, sich gegen die "ungläubigen Feinde" im Westen zu erheben.

Der Regisseur, der entfernt mit dem berühmten Maler Vincent van Gogh verwandt ist, war dabei seinen Film "06/05" fertig zustellen. Die Dokumentation über die Ermordung des islamkritischen Politikers Pim Fortuyn sollte Anfang Dezember ins Kino kommen. Nach der Präsentation seines islamkritischen Kurzfilms "Submission" hatte er Morddrohungen von extremistischen Moslem-Gruppen erhalten. Auch seine Familie wurde bedroht.

Van Gogh galt als "Werner Fassbinder der Niederlande" und hatte zahlreiche Auszeichnungen für sein Werk erhalten. Der Regisseur beteiligte sich aktiv an gesellschaftlichen Debatten und vertrat oft unpopuläre Standpunkte. Militante Muslime, die sich gegen Kopftuch-Verbote an Schulen aussprachen, bezeichnete van Gogh als "eine Horde von mittelalterlichen Ziegenfickern".

Die Polizei ermittelte nach dem Mord fieberhaft und nahm bislang acht Männer fest, die im Zusammenhang mit dem Attentat stehen sollen. Am Freitag wurde ein weiterer Hauptverdächtiger verhaftet. In der Wohnung des 23-Jährigen, der ebenfalls Niederländer marokkanischer Herkunft ist, seien laut Staatsanwaltschaft Videos und Computer sichergestellt worden. Ihm werden außerdem die Mitgliedschaft in einer kriminellen Organisation mit terroristischen Zielen und Verschwörung zur Ermordung Van Goghs und anderer vorgeworfen.

Mit Schweineköpfen gegen Muslime

Außer den Anschlägen kam es zu weiteren antimuslimischen Aktionen. Am Wochenende wurde in Amsterdam ein Zentrum für Einwanderer mit roter Farbe beschmiert. In Rotterdam nagelten Islamgegner Schweineköpfe und Plakate mit muslimfeindlicher Aufschrift an die Tür einer Moschee. Zwischen Blumen und Kerzen, die zum Gedenken an den getöteten van Gogh auf dem Bürgersteig niedergelegt wurden, finden sich auch hasserfüllte Zeilen wie "Die Feinde leben unter uns". Bei Gedenkmärschen beteiligten sich neben vielen Filmfans auch Rechtsradikale, die van Gogh als eine Art Märtyhrer für ihre Sache missbrauchen. Politiker, wie der Bürgermeister von Eindhoven, Alexander Sakkers, verurteilten die Anschläge. Niederländische Sicherheitskräfte bewachen nun islamische Stätten.

In Den Haag demonstrierten am Wochenende mehrere hundert Männer der marokkanischen Gemeinschaft in den Niederlanden für eine friedliche Beilegung von Meinungsverschiedenheiten in der Gesellschaft. Sie trugen Spruchbänder mit Aufschriften wie "Dialog ist die Lösung" und "Keine Kugeln sondern Worte". Sie erteilten der Gewalt eine klare Absage und distanzierten sich von der Ermordung van Goghs. Von den 16 Millionen Niederländer sind eine Million Muslime, die meisten davon sind marrokanischer oder türkischer Herkunft.

Hauke Friederichs/AP/DPA / AP / DPA