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Trauer, Wut und Schweigen in Nizza: Gedenkmärsche für die Opfer, Steine für den Attentäter

Am dritten Tag nach dem Anschlag in Nizza reist Premier Emanuel Valls zu einer Schweigeminute an. Willkommen ist er nicht. In die Trauer um die Opfer mischt sich zunehmend Wut.

Von Silke Müller und Iris Hartl

Schweigeminute in Nizza: Französische Feuerwehrleute werden mit Jubel empfangen

Französische Feuerwehrleute werden mit Jubel empfangen, als sie zu der Schweigeminute für die Opfer des Anschlags in Nizza ankommen

Mit einer Schweigeminute an der Promenade des Anglais begingen heute die Angehörigen der Opfer und die Bewohner der Stadt Nizza den dritten Tag der Staatstrauer nach dem Attentat am Nationalfeiertag vergangenen Donnerstag. Doch in die Trauer mischt sich zunehmend Wut, und als Premierminister Manuel Valls um 12 Uhr einen Kranz an einer der vielen Gedenkstellen aus Blumen, Briefen und Kerzen niederlegte, forderte ein viel stimmiger Chor "Zurücktreten!" Valls blieb keine zwei Minuten, fand keine Worte für die Hinterbliebenen und rauschte in einer Kohorte aus Bodygards eilig davon.

Mit Applaus und herzergreifendem Jubel empfingen die Nizzaer die Feuerwehrleute und Rettungskräfte, die in der verhängnisvollen Nacht halfen, Leben zu retten und Menschen in Sicherheit zu bringen. Und noch lange nach der Schweigeminute standen die Trauernden in Gruppen zusammen, sangen und diskutierten, trugen sich in das Kondulenzbuch ein und es war deutlich zu sprüen, wie sehr die Einwohner der Stadt nun einen Rückhalt in der Gemeinschaft suchen.

Übergriffe auf Muslime in Nizza

Nur, wer in diese Gemeinschaft hinein gehört, darüber wird heftiger denn je gestritten. Für die in der Stadt lebenden Tunesier und Marokkaner beginnt eine schwere Zeit. Mehrere Übergriffe auf Muslime wurden in der Folge des Anschlags gemeldet, und in den Runden an der Promenade ist laut zu vernehmen, dass der Attentäter und all seine Landsleute abgeschoben gehörten. Dass auch viele muslimische Familien unter den Opfern sind, wird dabei einfach ignoriert.

Wut und wachsendes Misstrauen schlägt aber auch der Polizei entgegen. Viele Gespräche drehen sich um die Frage, wie es überhaupt zu diesem Anschlag kommen konnte. Wie war es möglich, ungebremst in die feiernde Menge zu fahren? Und warum wurde der Lastwagen erst nach zwei Kilometern gestoppt?


Gedenkmärsche am Todesstreifen

Die Promenade entwickelt sich zu einer Trauermeile. Die Straße ist nur in eine Richtung geöffnet. Dort, wo der Lastwagen gefahren ist, bleibt es weiterhin gesperrt. Und so laufen die Leute in einem endlosen Gedenkmarsch die Blutlachen ab, die selbst nach intensiver Straßenreinigung nicht zu beseitigen sind. Man sieht Fuß- und Schuhabdrücke, Reifenspuren, Schleifspuren, alles aus Blut. Ein schier endloser Todesstreifen.

Die Menschen bedecken die Blutflecken mit Blumen, Briefen und Erinnerungsstücken, nachts leuchten auf dem Boulevard die Kerzen. Die Stimmung ist gedämpft, viele Betroffene kehren nun zu dem Ort zurück, an dem es geschah, mit Freunden und Verwandten, man sieht weinende Menschen. Polizisten verteilen Taschentücher.

Müll und Steine für den Attentäter

An der Stelle, wo der Attentäter von der Polizei erschossen wurde, haben Leute Steine und Müll abgeworfen, Passanten spucken darauf. Ein Mann lässt rassistische Hasstiraden auf Muslime los, die von Beistehenden sofort heftig kritisiert werden. Ein Polizist sagt, den ganzen Müll müsse man schnellstmöglich beseitigen, damit der Ort nicht zu einer Gedenkstätte für Gegner oder Sympathisanten des Attentäters werde.

Es wird lange dauern, bis diese Stadt wieder zu einer Form der Leichtigkeit und Heiterkeit zurückfindet, für die sie doch so geschätzt wird.