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Umfrage der "Washington Post" Eine Tatsache will den meisten Republikanern immer noch nicht über die Lippen gehen


Joe Biden hat die Präsidentschaftswahl in den USA gewonnen. Viele Republikaner tun sich mit dieser Tatsache schwer, zeigt eine simple wie aufschlussreiche Umfrage der "Washington Post". Haben sie Angst vor Trump?

Viele Gespräche später steht eine bemerkenswerte Zahl im Raum: 27. So viele Republikaner im US-Kongress bestätigen, dass Joe Biden der Sieger der Präsidentschaftswahl ist. Der Rest, eine überwiegende Mehrheit von 220 republikanischen Mandatsträgern, will überhaupt keine Antwort auf die Frage geben, wer den Urnengang für sich entschieden hat. Zwei Republikaner nennen sogar Donald Trump als Sieger.

So lautet das Ergebnis einer Umfrage, die 25 Reporter der "Washington Post" durchgeführt haben. Sie haben den insgesamt 249 Republikaner, die für ihre Partei im Senat oder Kongress sitzen, per Telefon oder E-Mail unter anderem eine simple Frage gestellt: Wer hat das Präsidentschaftsrennen gewonnen? Auch einen Monat nach der Wahl wollen demnach 88 Prozent der Republikaner im Kongress nicht (öffentlich) akzeptieren, dass Biden gewonnen und Trump verloren hat. 

Ist das schon Realitätsverweigerung?

Die Fakten sind klar: Biden vereint sowohl insgesamt mehr Stimmen als Trump, als auch eine überzeugende Mehrheit der Wahlleute, die stellvertretend für ihren Bundesstaat den Präsidenten wählen. Trumps Behauptung, er sei das Opfer eines systematischen Betrugs, liegen keine Belege zu Grunde. Gröbere Unregelmäßigkeiten, bis auf die bei jeder Wahl üblichen Pannen, wurden bislang nicht festgestellt. Richter, die sich über angebliche Beweise für den angeblichen Betrug gebeugt haben, zeigten sich unbeeindruckt. Mehrere Klagen, die Zweifel am Wahlprozess streuen sollten, wurden abgewiesen.

Und Trump? Strickt weiter an der Dolchstoßlegende, dass ihm die Wahl "gestohlen" worden sei. Am Mittwoch wiederholte der scheidende Präsident in einem 46-minütigen Video seine unbelegten Vorwürfe, die Anlass für die Umfrage der "Washington Post" gewesen seien. Die Veröffentlichung der Umfrageergebnisse kommentierte Trump auf Twitter mit den Worten: "Ich wusste gar nicht, dass es so viele sind. Wir haben den Kampf erst begonnen. Bitte sendet mir eine Liste der RINOS. (...)", einem Akronym für Republican in name only

Trumps Bitte nach den Namen der vermeintlichen Abtrünnigen in den eigenen Reihen könnte eine Erklärung dafür sein, warum sich ein Großteil der Republikaner nicht aus der Deckung traut: Sie haben Angst. Aber wovor eigentlich?

Donald Trumps Republikaner  

Eine Antwort auf die Frage lautet: 72 Millionen. So viele insgesamt abgegebene Stimmen hat Donald Trump im popular vote auf sich vereint. Die Zahl ist nicht unwichtig, denn Wahlniederlage hin oder her: Trump hat damit zehn Millionen Wählerinnen und Wähler mehr mobilisiert, als bei seinem Wahlsieg vor vier Jahren. Und seiner Partei damit die höchste Stimmenanzahl beschert, die sie jemals bei einer Präsidentschaftswahl erzielt hat.

Laut einer Erhebung des Meinungsforschungsinstituts Gallup erzielt der scheidende Präsident im November 2020 immer noch Zustimmungswerte von 90 Prozent innerhalb der Republikaner. In anderen Worten: Trump sitzt bei den Wählern seiner Partei fest im Sattel, trotz oder gerade wegen seines populistischen und nationalpolitischen Kurses.

Insofern dürften die Mandatsträger der Grand Old Party auch aus reinem Opportunismus in den Schwanengesang ihres scheidenden Präsidenten einstimmen: Trump kann einem die Gefolgschaft der Wähler sichern, aber eben auch entziehen. Wer sich gegen Trump stellt, stellt sich gegen die Partei – so der Eindruck. 

Lisa Murkowski, republikanische Senatorin aus Alaska, hat es selbst erlebt. Sie kritisierte Trump im Sommer für seine Drohung, die Armee gegen Demonstranten der "Black Lives Matter"-Bewegung einzusetzen. Die Antwort des Präsidenten fiel brachial aus: Er werde gegen sie jeden parteiinternen Herausforderer unterstützen, der "einen Puls hat". Es ist nur ein Beispiel, warum sich viele Republikaner verkniffen haben dürften, sich verbal auszubreiten – zumal gegen den Präsidenten. Dessen oftmals erbarmungslose Reaktion hängt wie ein Damoklesschwert über jeder ihrer Aussagen.

Dennoch dürften viele Republikaner auch auf den Urnengang in Georgia schielen, der im Januar stattfindet. Dann wird sich entscheiden, ob die Republikaner ihre Mehrheit im Senat halten können. Mit einer Mehrheit könnten sie die politischen Vorhaben des gewählten Präsidenten Biden entschieden ausbremsen und sogar blockieren. Und niemand kann derzeit so gut republikanischer Wähler mobilisieren, wie Donald Trump. Der Wahlverlierer, ausgerechnet.


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