Obamas "Whistle-Stop-Tour" Die Krönungsfahrt des Erlöser-Duos


Barack Obama auf den Spuren Abraham Lincolns: Wenige Tage vor der Vereidigung fährt der nächste US-Präsident mit dem Zug eine historische Route ab: Von Philadelphia nach Washington - um 220 Kilometer lang auf Tuchfühlung mit dem Volk zu gehen. Ein Traum für die Amerikaner, ein Albtraum für die Personenschützer.
Von Niels Kruse

Barack Obamas Krönungsfahrt wird seinen Sicherheitschef vom Secret Sevice in den Wahnsinn treiben. Da ist sich der ehemalige Präsidentenbeschützer Ron Williams sicher. "Du annoncierst nicht vorher deinen Feinden: Ich fahre von Punkt A nach Punkt B nach Punkt C.", sagt der ehemalige Secret-Service-Mann im aktuellen stern. Hunderte von Leuten sind ausgerückt, um jeden Stein zwischen Philadelphia und Washington umzudrehen - auf einer Strecke von rund 137 Meilen, also 220 Kilometern.

Grund für den Ärger ist eine Reise Obamas, die Europäern etwas dick aufgetragen erscheinen mag. Es geht um eine "Whistle Stop Tour": Drei Tage vor seiner Vereidigung zum 44. Präsidenten der USA besteigt Obama in der 30st Street Station in Philadelphia einen Zug und fährt Richtung Wilmington im Bundesstaat Delaware. Dort, vor den Toren der Millionenstadt, wohnt sein künftiger Vizepräsident Joe Biden. Zusammen mit ihm geht es weiter nach Baltimore, bevor beide am Montag nach Washington kommen, wo die Bahnfahrt in der Union Station endet.

Ein richtiges Ziel hat dieser Trip nicht - vielmehr soll er eine Geste an die Bevölkerung sein. Obamas Team hat 40 Durchschnitts-Bürger aus dem ganzen Land eingeladen, die den künftigen Präsidenten auf der Fahrt in die Hauptstadt begleiten. "Wir wollen eine Gruppe verschiedenster Menschen zusammenbringen, die alle für unser großartiges Land stehen", heißt es in der Einladungs-E-Mail des Präsidententeams. Unter den Gästen wird auch Matt Kuntz sein, den Obama bereits im August vergangenen Jahres einmal getroffen hatte. Kuntz, ein ehemaliger Elitesoldat, setzt sich für die Opfer von posttraumatischen Belastungsstörungen (PTBS) ein - eine psychische Erkrankung, die etwa unter Kriegsveteranen verbreitet ist. "Es ist schön zu wissen, dass sich der Präsident für das Schicksal von Soldaten mit PTBS interessiert", sagte Kuntz einer US-Zeitung.

Beim ersten Zwischenstopp in Wilmington werden zudem einige Freunde von Joe Biden zusteigen. Wie die Lehrerin Quincy Lucas, die sich seit Jahren gegen häusliche Gewalt einsetzt und hofft, darüber mit dem Präsidenten persönlich reden zu dürfen. Sein Vize kennt Teile der Strecke der "Whistle Stop Tour" übrigens ziemlich gut. Im Gegensatz zu vielen anderen Politikern hat er nie in der Hauptstadt gewohnt, sondern fährt seit 35 Jahren jeden Tag aus seiner Vor- in die Hauptstadt mit der Bahn. Unter anderem auch, weil Biden gar kein Auto besitzt.

Gespräche mit seinen Gästen sind nur ein Teil der "Tour de Inauguration" Obamas, daneben wird er die eine oder andere Veranstaltung besuchen und die eine oder andere Rede halten. "Wir hoffen, so viele Amerikaner wie möglich in die Feiern einbeziehen zu können - all jene, die daran teilnehmen möchten, aber nicht nach Washington kommen können", sagte Emmett Beliveau, der Leiter von Obamas Komitee für die Amtseinführung.

Truman tingelte 35.000 Kilometer durchs Land

Obamas Bahnfahrt hat ein historisch gewichtiges Vorbild. Die gleiche Route hatte schon Abraham Lincoln 1861 genommen, um zu seiner Vereidigung als Präsident zu kommen. Die Wahl der Städte ist natürlich nicht zufällig gewählt. In Philadelphia wurde 1776 die Unabhängigkeit erklärt und in Baltimore wurde die Nationalhymne geschrieben. So eine "Whistle Stop Tour" - wenn auch auf anderen Strecken haben Tradition in den USA. Das Wort selbst bezeichnet eine Wunschhaltestelle. 1948 machte der damalige Präsident Harry S. Truman einen legendären Wahlkampf im Zug und legte dabei sagenhafte 35.000 Kilometer zurück. Auch Gerald Ford 1976 und Ronald Reagan 1984 winkten den Zuschauern an den Gleisen zu.

Etwas präsidiale Aufmerksamkeit erhoffen sich auch die Menschen, die an der Strecke auf Obama warten. Niemand weiß, wie viele genau es sein werden. Der Eisenbahnbetreiber Amtrak, der den Sonderzug zur Verfügung stellt, sowie der Secret Service, rechnen mit deutlich mehr als einer Million Neugieriger entlang der Route. Solche Massen hat es auf einer Zugfahrt schon einmal gegeben. 1968 als die Leiche des ermordeten Senators Robert F. Kennedy von New York nach Washington überführt wurde.

Diese Menschenmassen bereiten den Personenschützern Kopfzerbrechen. Sie Leute werden in Parkbuchten, an Haltestellen und auf Brücken entlang der Strecke stehen, um ihren künftigen Präsidenten zu bejubeln. Einige ehemalige Secret-Service-Leute bezeichnen Obamas "Whistle-Stop-Tour" deshalb auch offen als "Schnapsidee". Tausende von Polizisten und Sicherheitsleuten aus insgesamt 40 Bezirken müssen die Strecke absichern. Wie genau wird nicht verraten. Aus Sicherheitsgründen. Ron Williams erzählt im stern, dass der Secret Service für John F. Kennedys Cabrio ein schusssicheres Verdeck gefordert hatte, was der damalige Präsident aber nicht wollte - mit den bekannten Folgen. "Es muss immer erst etwas passieren", schimpft Williams. Doch Obama ficht das nicht an. Seine "Whistle Stop Tour" soll das erste Symbol für das sein, was er im Wahlkampf angekündigt hat: das Versprechen Amerikas zu erneuern.


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