Panamericana Alle lieben Lula


Kein Präsident Lateinamerikas ist so beliebt wie Brasiliens Luiz Inácio Lula da Silva. Der einst scharfkantige Revolutionär ist weiser geworden. Er spaltet nicht mehr, er eint - und das nicht nur in Brasilien.
Von Toni Keppeler

Üblicherweise sinken in Lateinamerika mit der Dauer der Amtszeit eines Präsidenten dessen Beliebtheitswerte. Es gab schon etliche, die nach nicht einmal zwei Jahren keine zehn Prozent Zustimmung zu ihrer Politik und Person mehr erreichten. Luiz Inácio Lula da Silva ist schon fast sechs Jahre lang Präsident von Brasilien und trotzdem liebt ihn sein Volk. So sehr, dass sich sogar die Opposition nicht mehr traut, irgend etwas gegen ihn zu sagen. Nach jüngsten Umfragen sind 80 Prozent der Bevölkerung von ihm begeistert, und diese Beliebtheit färbt ab: Die Kandidaten, die er bei der jüngsten Kommunalwahl unterstützte, haben fast durchweg gewonnen. Egal, ob sie aus seiner eigenen Arbeiterpartei waren oder aus der bunt zusammengewürfelten Regierungskoalition. Wem Lula einmal öffentlich auf die Schulter geklopft hatte, der wurde mit größter Wahrscheinlichkeit gewählt.

Wer hätte das gedacht? Lulas Leben spricht eher dafür, dass er, wenn schon Präsident, dann so einer wie Hugo Chávez würde. Einer, der den Mund gerne zu voll nimmt und sich in die Pose des Rächers der Entrechteten wirft. So etwas mag bei Armen und Arbeitern gut ankommen. Die Mittelschicht und die Reichen aber erschreckt es. Lula - und nur diesen Kosenamen verwendet man in Brasilien für ihn - stammt aus bitter armen Verhältnissen. Als siebtes von acht Kindern kam er vor bald 63 Jahren in einer Hungerzone im Norden des Landes zur Welt. Als er sieben Jahre alt war, zog die Familie auf der Suche nach Arbeit in die Industriemetropole São Paulo. Er ist nur wenige Jahre zur Schule gegangen. Seit er zwölf ist, verdient er sein eigenes Geld. Zunächst als Schuhputzer, Erdnussverkäufer, Botenjunge, dann wurde er Metallarbeiter. Und Gewerkschafter und sehr schnell auch Gewerkschaftsführer.

Freundlich wie ein Teddybär

Seit den siebziger Jahren kennt man Lula in Brasilien. Zunächst hat man ihn mehr gefürchtet als geliebt. Er hat zündende revolutionäre Reden gehalten, große Streiks organisiert, wollte den Sozialismus mit der Brechstange erzwingen. 1980 gründete er mit Gewerkschaftern und linken Intellektuellen die Arbeiterpartei. 1989 bewarb er sich zum ersten Mal um das Präsidentenamt. In den Wahlumfragen war er stets König - und verlor am Ende dann doch. Das hat sich 1994 und 1998 wiederholt. Die Brasilianer liebäugelten mit ihm, zuckten aber, als es zum Schwur kam, zurück. Der Prolet im karierten Hemd und in verwaschenen Jeans war gut genug, um im Wahlkampf die feineren Politiker aus der Oberschicht zu erschrecken. Aber einen sozialistischen Arbeiterführer ohne Hauptschulabschluss als Präsidenten - das wollten die Wähler dann lieber nicht.

Bis zum Wahlkampf von 2002. Da zog sich Lula einen Anzug an und band sich eine Krawatte um. Seine Haare und sein Vollbart waren ergraut. Bei Kundgebungen schrie er nicht mehr zornig ins Mikrofon. Er blickte freundlich und wirkte dabei wie ein knuddeliger Teddybär. Wenn er sprach, lispelte er sympathisch. Selbst die ganz Reichen besiegten ihre Angst mit der Einsicht, dass es mit Brasilien so nicht mehr weitergehen kann. Das größte Land Lateinamerikas war damals auch das mit dem größten sozialen Gefälle. Nirgendwo sonst gab es so reiche Reiche, nirgendwo so viele und so arme Arme. Es drohte eine soziale Explosion. Wer, wenn nicht ein gemäßigt auftretender Linker könnte das verhindern? Lula wurde am 1. Januar 2003 Präsident.

Heute erntet er die Früchte seiner stillen Geduld

Er hat seine Herkunft und seine Ideale nicht vergessen. Und er hat in seinem Leben gelernt, dass nicht alles mit der Hau-Ruck-Methode zu lösen ist, sondern vieles seine Zeit braucht. Seine Programme für mehr und bessere Bildung und zur Bekämpfung der Armut sind langfristig angelegt. Sie liefen nur langsam und oft stotternd an. In seinen ersten Amtsjahren wurde Lula deshalb von der Linken nicht gelobt, sondern gescholten. Er tue zu wenig für die Armen und gar nichts gegen die Reichen. Doch Lula wusste: Wenn er die Wirtschaft vor den Kopf stößt, flieht das Kapital aus dem Land.

Heute erntet er die Früchte seiner stillen Geduld. Überall sonst auf der Welt schwindet die Mittelschicht langsam dahin, in Brasilien wächst sie. Allein in den vergangenen beiden Jahren haben 23 Millionen Menschen die Armut überwunden. Schönere Erfolge kann es für ernsthaft linke Politiker kaum geben. Lula hat das ohne spektakuläre Verstaatlichungen erreicht und ohne Konfrontation mit dem Kapital. Dafür lieben ihn heute die Brasilianer.

Lula muss sich nicht in den Mittelpunkt stellen

Außenpolitisch ist Lula genauso still und dezent zum Dreh- und Angelpunkt Lateinamerikas geworden. Hugo Chávez mag noch so oft und laut seinen Führungsanspruch anmelden. Er kann mit Erdöl-Milliarden um sich werfen, um Verbündete zu kaufen. Wenn es aber wirklich darauf ankommt, suchen selbst die besten Freunde von Venezuelas Staatschef Hilfe beim Brasilianer. Vor wenigen Wochen stand Bolivien nach blutigen Unruhen am Rand eines Bürgerkriegs, die Präsidenten Lateinamerikas rangen verzweifelt um eine Lösung des Konflikts. Chávez schwadronierte schon von einer Militärintervention zugunsten seines bolivianischen Kollegen und Freundes Evo Morales. Doch der folgte in Gefahr und höchster Not lieber dem Rat von Lula und versuchte es mit dem Dialog mit der Opposition.

Auch solche diplomatischen Erfolge posaunt Lula nicht laut hinaus. Er muss sich nicht in den Mittelpunkt stellen. Er steht längst dort. Er kann mit allen seinen lateinamerikanischen Kollegen reden und eben deshalb hören alle auf ihn. Schade fast, dass er in zwei Jahren geht. Er könnte seine Beliebtheit nutzen und die Verfassung ändern, die seine Regierungszeit auf zwei vierjährige Amtsperioden beschränkt. Andere Präsidenten sind dieser Versuchung erlegen und gönnten sich eine Verlängerung. Lula denkt nicht einmal darüber nach. Auch das macht ihn zu einem großen Staatsmann.


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