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Papst Benedikt XVI. in Großbritannien: "Sind wir tatsächlich gottlos?"

Es ist der erste Staatsbesuch eines Papstes auf der britischen Insel seit Heinrich VIII. sich im 16. Jahrhundert von der katholischen Kirche lossagte. Trotzdem ist der Besuch bislang ganz harmonisch.

Von Cornelia Fuchs, London

Königin Elizabeth schickte ihren Ehemann, um Papst Benedikt XVI abzuholen vom Edinburgher Flughafen am gestrigen Morgen. Das erste Treffen des viertägigen päpstlichen Staatsbesuchs war wohlüberlegt auf neutralem Boden organisiert worden. Der königlich-schottische Palast Holyrood House liegt praktischerweise nicht weit entfernt von Schloss Balmoral, auf dem die Queen zur Zeit urlaubt.

Und in der schottischen Hauptstadt ist Elizabeth nur einfaches Staatsoberhaupt des Vereinigten Königreiches und nicht - wie in England - auch noch Verteidigerin der anglikanischen Kirche. So konnte sie die Abschrift eines Manuskripts aus dem 9. Jahrhundert ganz entspannt aus der Hand des Papstes entgegennehmen, trotz der leichten Verstimmungen im Vorfeld des Besuches. Es war Benedikt, der erst vor wenigen Monaten anglikanischen Priestern Zuflucht in der katholischen Kirche angeboten hat, falls sie sich angesichts von Schwulenehe und Priesterinnen nicht mehr wohl fühlen bei den Anglikanern. Ihre Kirchen und Ländereien sollten sie bitte auch noch mitbringen, hieß es damals, dafür dürfen sie sogar verheiratet bleiben.

Niemand versuchte den Papst festzunehmen

Statt über solch heikle Themen sprachen Elizabeth, Prinz Philip und Benedikt in freundlicher Höflichkeit über die seltsamen Fortbewegungsmittel des Oberhauptes aller Katholiken. Die Queen befand, Benedikt sei wirklich in einem "kleinen Auto" vorgefahren: "War das nicht eng?" Und fragte, ob er ansonsten das Papamobil benutze. "Ja", war die einsilbige Antwort des Papstes. Worauf Prinz Philipp nachhakte, ob er in dem Glaskasten auch quer durch Schottland bis nach Glasgow fahren wolle - dort feierte Benedikt am Abend die erste Messe.

So grau-dezent langweilig wie Kostüm, Hut und Fragen der Queen, so wenig aufregend war der erste Tag von Benedikt in Großbritannien. Niemand versuchte bisher, den Papst festzunehmen - wie es von Menschenrechtlern und findigen Rechtsanwälten zuvor angekündigt worden war, die Benedikt der Vertuschung von Verbrechen in den Kindesmissbrauchs-Skandalen verdächtigen. Die Menschen an der Straße schwenkten brav ihre Fahnen. Auf der Strecke nach Glasgow hielten sich alle an die Sperrung der 64 Fußbrücken über der Autobahn und schauten allenfalls vorsichtig vom Straßenrand auf die vorbeieilende Papst-Kolonne.

"Wuchender Atheismus"

Statt zu wilden Aktionen scheint der Papst-Besuch die Briten zur Seelenschau zu animieren. Die religiös-ethische Selbstbespiegelung wird befeuert durch Kommentare wie die des Kardinals a.D. Walter Kasper, der Großbritannien in einem Interview mit dem deutschen Magazin "Focus" einen wuchernden Atheismus attestierte und ansonsten die Atmosphäre eines Dritt-Welt-Landes.

Sind wir tatsächlich gottlos? - Das war die Frage in den vergangenen Tagen in Radio- und Fernsehsendungen und bei den Kolumnisten der Zeitungen. Oder sind wir viel mehr eine gerechtere, offenere Gesellschaft geworden? Zeugt die Tatsache, dass katholischen Adoptions-Agenturen die Lizenz entzogen wird, wenn sie sich weigern, Kinder an homosexuelle Paare zu vermitteln, von Toleranz? Oder dem Gegenteil? Kann eine multi-ethnische Gesellschaft sich weiter auf religiöse Grundsätze berufen? Oder ist Großbritannien schon längst säkularisiert, obwohl das Staatsoberhaupt eine Kirche leitet?

Es herrschte Dorffestatmosphäre

Kein anderes Land in Europa hat solch debatten-freundliche, mediengewandte und vor allem allseits präsente Atheisten wie Großbritannien, auch das wurde in den Tagen vor Benedikts Besuch deutlich. Es war ein intellektuelles Feuerwerk, das gottlose Wissenschaftler wie Richard Dawkins und Stephen Hawkings über die fehlende Notwendigkeit eines höheren Wesens in unserer Welt zündeten. Schriftsteller wie Ken Follett, Philip Pullman, Terry Pratchett und Stephen Fry unterstützten die Forderung, den Papst nicht als Staatsgast in Großbritannien zu begrüßen. Die Diskussionen präsentierten britische Debatten-Kultur auf höchstem Niveau, es war oft eine Freude zuzuhören.

Aber so laut und wortgewandt Atheisten, Agnostiker und Humanisten auch waren - am ersten Besuchstag des Papstes kamen Hunderttausende, um den Papst zu sehen. Auf den Straßen Edinburghs und Glasgows herrschte Dorffest-Atmosphäre. Es wird abzuwarten sein, welche Mengen der Papst im mehrheitlich anglikanischen England anziehen wird. Aber sogar die neue Regierung unter David Cameron zeigt sich - ganz im Gegenteil zu ihren Vorgängern unter Labour - religionsfreundlich. Vorgeschickt wird Baroness Warsi, die einzige Muslimin im Kabinett. Sie kritisierte Labour-Vorgänger Tony Blair und Gordon Brown dafür, dass sie Religion als "ein etwas seltsames Überbleibsel aus der vor-industriellen Geschichte" ansahen. Symptomatisch war hierfür der Spruch eines engen Mitarbeiters von Tony Blair - Labour "komme nicht mit Gott", hieß: "We do not do God."

Mehr Macht und Verantwortung für Religionsgruppen

Premierminister David Cameron scheint nun kein Problem mit Gott zu haben. Baroness Warsi betonte in einer Rede vor britischen Bischöfen, dass alle Religions-Gruppen in der Zukunft für den Zusammenhalt der Gemeinschaft eine große Rolle spielen werden, ja, dass die Regierung Hilfe von ihnen erwarte und benötige. Im Oktober wird der neue Haushalt verkündet inklusive radikaler Sparmaßnahmen. Zehntausende Arbeitsstellen, so vermuten Experten, werden verloren gehen. Schon jetzt drohen die Gewerkschaften mit Streiks und Massenunruhen.

Helfen soll dagegen Camerons etwas nebulöse Idee der "Big Society", nachbarschaftliches Engagement anstelle von staatlich gelenkter (und bezahlter) Unterstützung. Die Kirchen, Moscheen und andere Religionsgruppen sollen genau hier die Lücken füllen, sie sollen laut Baroness Warsi mehr "Macht, Verantwortung und Wahlmöglichkeiten" bekommen.

Man könnte auch sagen, die Männer (und Frauen) Gottes sollen ihre Schäfchen bei Laune halten. Es ist dies eine Idee wie gemacht für die Abscheu ernsthafter Atheisten. Und wohl das schönste Gastgeschenk, das die neue britische Regierung Papst Benedikt hat machen können.