Parteitag der Demokraten Die weichgespülte Michelle


Sie ist selbstbewusst und geradeaus - doch bei ihrer Rede auf dem Parteitag der Demokraten war davon wenig zu sehen. Michelle Obama spielt nun die patriotische Mutter und strahlende Gattin. Damit will sie bei weißen Wählern punkten.
Von Katja Gloger, Denver

Es war die wichtigste Rede ihres Lebens. Abschluss eines Abends im Pepsi-Center zu Denver, 4400 Delegierte hatten ihn sehnsüchtig erwartet, für die obligatorische Jubelkulisse hatte man ihnen Tausende blaue Schilder in die Hand gedrückt. Ein ganzes Kongresszentrum versank in einem blauen Meer voller "Michelle."

Zur wichtigsten Rede ihres Lebens schritt sie, elegant wie immer, in einem grünen Kleid, grün wie die Hoffnung. Sie schritt zum Rednerpodium im Pepsi-Center in Denver, eine Mischung aus Raumschiff, Kanzel und Tempel. Die widerspenstigen Haare glatt gezogen, das strahlende Lächeln ein bisschen zu oft angeknipst.

Tag Eins des demokratischen Parteitags. Tag für Emotionen. Den ganzen Nachmittag lang kamen Obama-Fans auf die Bühne und lasen kurze Statements vom Teleprompter ab. Den ganzen Nachmittag über hörte man Worte wie "Werte", "Glaube", "Opferbereitschaft", "Dienst am Vaterland".

Es galt, erste Sympathiepunkte beim unberechenbaren amerikanischen Durchschnittswähler zu sammeln. Barack Obama muss jetzt zeigen, dass er die Nöte und Sorgen der Menschen versteht. Dass er wirklich einer von ihnen ist.

Michelle erzählt von ihrer Familie

Vielleicht erinnerte sich Michelle Obama, 44, gestern Abend an ihre Kindheit. Sie habe stets Angst gehabt, nicht gut genug, nicht vorbereitet genug zu sein. "Ich kenne keinen Menschen, der härter arbeitet als sie", sagt ihr älterer Bruder Craig. Bis heute bereitet sich Michelle Obama akribisch auf alle Veranstaltungen vor.

Und Michelle Obama wäre nicht Michelle Obama, wenn sie ihre Sache nicht auch gestern wieder einmal gut gemacht hätte. "Ich komme als Tochter nach Denver, als Ehefrau, als Mutter", hauchte sie schwärmerisch ins Mikrophon. Sie erzählte von ihrem Vater, der an den Folgen Multipler Sklerose gestorben war. Von ihrer Mutter, die alles für die Erziehung ihrer beiden Kinder gab. Von ihrem geliebten Bruder, und vor allem von ihrem Mann, Barack Obama und davon, dass er ohne Vater aufwachsen musste und wie sehr er seine beiden Töchter liebt. "Wir wurden mit den gleichen Werten erzogen", sagte sie. "Dass man hart arbeitet und dass man zu seinem Wort steht. Und dass man Menschen mit Anstand und Würde behandelt. Barack und ich wollen unser Leben nach diesen Werten ausrichten, die wir an unsere Kinder weitergeben möchten."

Patriotische Mutter, strahlende Gattin

Und lieferte dann auch den lang erwarteten Satz, mit dem alle Zweifel an ihrem angeblich mangelnden Patriotismus zerstreut werden sollten: "Ich liebe dieses Land so sehr."

Natürlich gehörte auch dieser Satz zur Dramaturgie dieses Spektakels, das sich Parteitag nennt. Denn wenn sich Barack Obama an diesem Donnerstag auf dem Parteitag in Denver vor 75.000 jubelnden Jüngern in einem Football-Stadion zum Kandidaten krönen lässt, beginnt die entscheidende Schlacht um Amerikas Mitte. In dieser Schlacht gilt es, die Familie Obama massentauglich zu machen. Jetzt heißt die politische Verkaufsstrategie: "Wir sind eine ganz normale amerikanische Familie". Und Michelle Obama soll dabei am besten ganz patriotische Mutter und strahlende Gattin sein. Sie sollte Gefühl zeigen, viel Gefühl. "Sie liebt also ihren Mann" ätzte ein republikanischer Kritiker. "Ja, das ist schön. Und das soll uns nun weiterbringen?"

Michelle Obama spielt ihre neue Rolle gut. Vielleicht sogar zu gut. Denn gestern Abend schien es, als stünde da eine weichgespülte Michelle Obama vor den Delegierten. Eine Politikergattin.

Wenn die Hautfarbe zum Wahlkampfrisiko wird

Aber sie hat wohl keine Wahl. Sie weiß, was auf dem Spiel steht. Und sie weiß auch, dass ihre scharfe Zunge, die ironischen Bemerkungen über ihren Mann, ein Risiko in diesem Wahlkampf sind. Und mehr noch: ihre Hautfarbe.

Denn Michelle Obama ist nun einmal schwarz, schwarz wie die Sklaven des amerikanischen Südens, von denen auch ihre Familie abstammt. Bei den Vorwahlen der Demokraten hatte ihre Hautfarbe noch geholfen, die skeptischen schwarzen Wähler zu überzeugen. Jetzt aber gilt es, die skeptischen weißen Wähler nicht zu vergrätzen.

Die Zahlen könnten besser sein für ihren Mann, viel besser. Gerade hat ihn John McCain, 72 Jahre alt, in den Umfragen eingeholt - und das, obwohl mittlerweile so ziemlich alle Amerikaner die Nase voll haben von George W. Bush und seinen Republikanern. Der alte, kalte Krieger hat erfolgreich Zweifel an Obama gesät. Hat ihn als abgehobenen Star karikiert. Vielleicht ist er ja doch zu naiv, zu jung, zu unerfahren für diese gefährliche Welt, in der Putin die Panzer nach Georgien rollen lässt. Vielleicht doch zu elitär, zuviel Harvard. Und vielleicht auch zu schwarz. Obamas Politik schmecke eben nach Rucola, höhnen die Republikaner. Fremd. Bitter, zu teuer.

"Ich vermisse die alte Michelle"

Michelle Obama hatte sich lange nicht verbiegen wollen. Mit harter Arbeit und Disziplin hatte sie sich von der rauen South Side in Chicago nach oben gelernt. Hatte an den weißen Eliteuniversitäten Princeton und Harvard studiert, den gewaltigen Rassismus der weißen Studenten ertragen. Lange verdiente sie viel mehr Geld als ihr Mann, und sie schafft es, scheinbar mühelos Mutter, Gattin und Karrierefrau zu sein. Ist als engste Beraterin heute auch dafür zuständig, ihren manchmal so selbstverliebten Gatten auf den Boden der Realität zurückzuholen und schafft es irgendwie dann auch noch, die Oberarme so konsequent mit Gewichten zu traktieren, dass man ihr den Beinamen "Gladiator" gab. Und sie war immer offen, geradeaus, unverfälscht, manchmal mokierte sie sich bissig über ihren schnarchenden Mann, seinen Mundgeruch am Morgen. Eine kluge Frau, die sich fest vorgenommen hatte, die Realität nie zu beschönigen und auch mal sagte, dass Amerika "schlichtweg gemein" sei.

Von dieser starken Michelle Obama, einem Vorbild für Millionen Frauen, war gestern Abend in Denver nicht mehr viel zu hören. Nur manchmal, wenn sie von den Nöten der Menschen im heutigen Amerika erzählte, dann war etwas von der Leidenschaft zu spüren, die in ihr brennt. "Ich vermisse die alte Michelle", trauert eine Autorin des liberalen Magazins "The New Republic". "Ich vermisse die kecke, bessere Hälfte ihres Mannes."

Aber sie hat nun mal einen Job zu absolvieren und der heißt: "Barack Obama for President". Michelle Obama macht ihren Job gut. "Ich werde sein, was mein Land von mir verlangt", hatte sie einmal gesagt. Michelle Obama lernt schnell. Und sie arbeitet hart.


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