Fragwürdiges US-Unternehmen
Wetten auf den Tod des Ayatollahs: Was hinter Polymarket steckt

Eine große Werbeanzeige von Polymarket zeigt die Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani (l) und Andrew Cuomo vor der Wahl
Eine große Werbeanzeige von Polymarket zeigt die Bürgermeisterkandidaten Zohran Mamdani (l) und Andrew Cuomo vor der Wahl im November 2025
© Olga Fedorova / DPA
Nutzer des Krypto-Wettanbieter Polymarket erzielten nach Beginn des Irankrieges auffällige Gewinne. Der Verdacht des Insiderhandels kam auf. Was hat es damit auf sich?

Mit dem Ausbruch des Irankrieges Anfang März und der Tötung des iranischen Ayatollahs Ali Chamenei rückte ein Phänomen in das Bewusstsein der Öffentlichkeit, das hierzulande wenig bekannt ist: Prognosemärkte. Auf Plattformen wie Polymarket oder Kalshi wetten Nutzer mit Ja-Nein-Optionen auf reale Ereignisse. So konnte man auf den Ausgang der Bürgermeisterwahl in New York wetten oder den Beginn des Irankriegs. Das Angebot ist nahezu unbegrenzt, man kann auch auf Promi-Verlobungen oder Naturkatastrophen setzen.

Auffällig war zuletzt, dass anonyme Nutzer auf Polymarket, der größten Plattform dieser Art in den USA, mit Wetten rund um den Irankrieg hohe Gewinne erzielten – zum Beispiel mit der Tötung von Ayatollah Chamenei, der am letzten Februarwochenende durch israelische Luftangriffe ausgeschaltet worden war. Das verstärkte ethische Zweifel an solchen Wettgeschäften. Hinzu kam der Verdacht des Insiderhandels auf, zudem die Plattformen geradezu einladen.

529 Millionen Dollar wurden auf Beginn des Irankrieges gesetzt

Die Nachrichtenagentur Reuters wertete die Website von Polymarket nach dem Angriff auf den Iran aus. Das Ergebnis: Insgesamt setzten Nutzer 529 Millionen Dollar auf Ereignisse, die mit dem Zeitpunkt der Angriffe zusammenhingen. Weitere 150 Millionen Dollar flossen in zwei Wetten zur Absetzung/Tötung Chameneis. Die Analysefirma Bubblemaps teilte auf X mit, dass sechs Nutzerkonten auf Polymarket, die in den Stunden vor den Angriffen vom vorletzten Samstag Wetten platziert hatten, einen Gewinn von 1,2 Millionen Dollar erzielten.

Einer der Accounts nannte sich „Magamyman“. Als der seine Wette platzierte, schätzte Polymarket anhand der übrigen Wetten die Wahrscheinlichkeit für den Kriegsbeginn am selben Tag mit 17 Prozent ein. Doch der Nutzer hinter dem Pseudonym hatte offenkundig bessere Informationen: Er setzte rund 87.000 Dollar und strich einen Gewinn von rund 235.000 Dollar ein. Zusätzlich setzte er bei der Frage, ob Irans geistliches Oberhaupt Chamenei bald „nicht mehr an der Macht“ sein würde, und verdiente Berichten zufolge mehr als 500.000 Dollar. Eine ähnlich auffällige Wette gab es vor der Festnahme des venezolanischen Diktators Nicolás Maduro.

 „Es ist verrückt, dass das legal ist. Ich werde so schnell wie möglich einen Gesetzesentwurf einbringen, um dies zu verbieten“, schrieb
der demokratische Senator Chris Murphy am Sonntag auf X.

Ein besonderes Geschmäckle erhalten die Vorgänge durch die Tatsache, dass Präsidenten-Sohn Donald Trump Jr. Berater von Kalshi und Polymarket ist und über seine Investmentfirma 1789 Capital Anteile an Polymarket hält.  

Polymarket ist bekannt für präzise Prognosen

Das Konzept hinter Polymarket stammt ursprünglich aus der Wirtschaftswissenschaft und besticht durch seine Genauigkeit. Das Unternehmen wurde in den USA bekannt, nachdem die Prognosen bei der zweiten Trump-Wahl präziser waren als die Umfragen.

Polymarket und Kalshi funktionieren dabei mit Kryptowährungen. Die Nutzer bleiben anonym. Sie kaufen Ja- oder Nein-Anteile, ob ein Ereignis eintritt. Wenn es eintritt, ist jeder Ja-Anteil einen Dollar wert. Tritt es nicht ein, ist der Ja-Anteil wertlos. Die Anteile werden wie Aktien an der Börse gehandelt – Angebot und Nachfrage bestimmen den Preis, der zwischen 0 Cent und 1 US-Dollar liegt. Der aktuelle Preis, zu dem ein Anteil gekauft wird, stellt dann die Wahrscheinlichkeit dar, ob das Ereignis eintritt oder nicht. In Deutschland ist diese Art von Wetten verboten, international erfreuen sie sich immer größerer Beliebtheit.

Welche Bedeutung solche Prognosemärkte haben, lässt sich daran ablesen, dass Tech-Großinvestor Peter Thiel 2024 mit siebzig Millionen US-Dollar bei Polymarket einstieg und später 200 Millionen Dollar nachschoss. Im vergangenen Oktober folgte die Muttergesellschaft der New Yorker Börse mit zwei Milliarden Dollar. Der aktuelle Unternehmenswert wird zwischen neun und zwölf Milliarden Dollar taxiert.

Quellen: Reuters, Deutschlandradio, „n-tv“, „taz“, „Spiegel“

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