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Die "Eiserne Lady" oder der "Lebemann": Brasilien muss sich zwischen Rousseff und Neves entscheiden

Am Sonntag entscheiden die Brasilianer über ihr Staatsoberhaupt. Amtsinhaberin Dilma Rousseff oder Herausforderer Aécio Neves - die Kandidaten für das Präsidentenamt gelten als ziemlich verschieden.

Brasiliens Präsidentin Dilma Rouseff und ihr Herausforderer Aécio Neves

Brasiliens Präsidentin Dilma Rouseff und ihr Herausforderer Aécio Neves

Sie könnten unterschiedlicher nicht sein, die beiden Kandidaten für das brasilianische Präsidentenamt, die am Sonntag in einer Stichwahl aufeinander treffen: Amtsinhaberin Dilma Rousseff von der Arbeiterpartei (PT), die "Eiserne Lady" der Linken, und ihr Mitte-Rechts-Rivale Aécio Neves von der Sozialdemokratischen Partei Brasiliens (PSDB), der als Favorit der Unternehmer gilt. Zwar ging Rousseff aus der ersten Wahlrunde am 5. Oktober klar als Siegerin hervor, doch der ehemalige Gouverneur Neves landete mit überraschend starken Werten auf Platz zwei. Umfragen sehen derzeit weiter Rousseff knapp vorn, ausgemacht ist ihr Sieg aber auf keinen Fall.

Die beiden Kandidaten im Überblick:

Die eiserne Dilma

Dilma Rousseff, Amtsinhaberin und erste Frau im Präsidentenamt, gilt als politisches Ziehkind ihres Vorgängers Luiz Inácio Lula da Silva. Sie versprach, dessen Errungenschaften bei der Armutsbekämpfung und der Wohlstandsförderung zu bewahren. Kritiker werfen ihr aber vor, die Wirtschaft, die unter Lula einen Aufschwung erlebte, durch zu viele staatliche Eingriffe zu bremsen.

Rousseff wurde im Dezember 1947 in der Stadt Belo Horizonte als Tochter einer Brasilianerin und eines bulgarischen Einwanderers in eine Mittelschichtfamilie geboren. In ihrer Jugend kämpfte sie in Guerillagruppen gegen die Militärdiktatur (1964-85) und saß knapp drei Jahre im Gefängnis, wo sie auch gefoltert wurde. Nach dem Ende der Diktatur gehörte sie zu den Neugründern der Arbeiterpartei.

Rousseff gilt als "Eiserne Lady", innenpolitisch hat sie alelrdings zwei turbulente Jahre hinter sich. Die Proteste im Vorfeld der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft galten auch ihr.

Rousseff gilt als "Eiserne Lady", innenpolitisch hat sie alelrdings zwei turbulente Jahre hinter sich. Die Proteste im Vorfeld der Fifa-Fußball-Weltmeisterschaft galten auch ihr.

Lula holte Rousseff im Jahr 2003 als Energieministerin in sein Kabinett und ernannte sie zwei Jahre später zur Kabinettschefin. Rasch erarbeitete sich die zweifach geschiedene Mutter einer Tochter den Spitznamen "Eiserne Lady". Um sich ein telegenes Äußeres zuzulegen, unterzog sich Rousseff mehreren Schönheitsoperationen. Ihr Bekenntnis zu einer erfolgreichen Krebsbehandlung brachte ihr viele Sympathien ein.

Ihrem Ruf als "Eiserne Lady" machte die Amtsinhaberin auch im Wahlkampf alle Ehre. In TV-Debatten machte sie es sich zur Aufgabe, ihren Herausforderer Neves zu diskreditieren. Sie warf ihm Nepotismus vor, weil er Familienangehörigen Posten im Bundesstaat Minas Gerais verschafft habe und deutete an, er sei "betrunken oder berauscht" gewesen, als er sich nach einem Abend in Rio einer Alkoholkontrolle verweigerte. Durch diesen aggressiven Wahlkampf konnte sich Rousseff in jüngsten Umfragen einen Vorsprung von sechs bis acht Prozentpunkten vor ihrem Rivalen erarbeiten.

Der Wirtschaftsreformer

Aécio Neves, Spross einer Politiker-Dynastie und Favorit der Wirtschaft, gilt als Überraschungskandidat im Wahlkampf. Wurde wochenlang die sozialliberale Ex-Umweltministerin Marina Silva als größte Widersacherin Rousseffs gehandelt, überholte Neves auf den letzten Metern. Auf der Zielgeraden vor der ersten Runde punktete er vor allem mit dem Versprechen umfassender Wirtschaftsreformen.

Favorit der Wirtschaft: Aécio Neves

Favorit der Wirtschaft: Aécio Neves

Neves wurde im März 1960 in geboren, ebenso in Belo Horizonte. Als er zehn Jahre alt war, zog seine Familie nach Rio de Janeiro um, wo er eine privilegierte Jugend verbrachte. Der fotogene Politiker ist der Enkel von Tancredo Neves, einem Diktatur-Gegner, der 1985 zum Präsidenten gewählt wurde, aber noch vor Amtsantritt starb. Mit 20 Jahren ging Aécio Neves in die Politik und war zunächst Abgeordneter in Minas Gerais. Es war der Beginn einer steilen Politiker-Karriere, die ihn später Gouverneur des Bundesstaates werden ließ.

Neves hat den Ruf, ein Produkt der Eliten zu sein, ein Welt- und Lebemann. Auch als Politiker wurde Neves an Wochenenden im schicken Strandviertel Leblon in Rio gesichtet. 2013 heiratete er seine zweite Frau Leticia Weber, ein Ex-Model, die in diesem Jahr Zwillinge zur Welt brachte. Die Familie ist regelmäßig Thema der Klatschpresse.

Der 54-Jährige ist der Favorit der Unternehmer und der Bourgeoisie, die an ihren Privilegien festhalten will. Er präsentiert sich als Kandidat des "Wandels" und geißelt den Protektionismus, den die Rousseff-Regierung betreibe. Er verspricht einen radikalen Wandel, um das Wachstum der aufstrebenden aber schwächelnden Wirtschaftsmacht anzukurbeln.

ono/AFP / AFP