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Rousseff gewinnt Wahl in Brasilien: Schreibtischtäterin mit zäher Mission

Dilma Rousseff gewinnt die Wahl in Brasilien und will eine bessere Präsidentin werden. Das muss sie auch. Ihr Vorteil: Wie Angela Merkel arbeitet sie im Stillen daran, ihr Land voran zu bringen.

Ein Kommentar von Jan-Christoph Wiechmann, Rio de Janeiro

Geschafft! Knapp gewinnt Dilma Rousseff die Präsidentschaftswahl in Brasilien

Geschafft! Knapp gewinnt Dilma Rousseff die Präsidentschaftswahl in Brasilien

Jetzt reden die Menschen in den Bars von São Paulo und Rio de Janeiro wieder vom Auswandern. Jetzt lamentieren die Ausländer wieder, dass sich dieses verkrustete Land niemals ändern wird. Jetzt packen Wirtschaftsexperten wieder ihre Horrorszenarien aus und warnen vor einem Absturz des Landes wie in Venezuela und Argentinien.

Aber Brasilien ist nicht Venezuela. Und Dilma Rousseff nicht Hugo Chavez.

Präsidentin Rousseff wurde im zweiten Wahlgang wiedergewählt, denkbar knapp, mit 51,6 Prozent. Vor allem die ärmeren Wähler, denen unter der Arbeiterpartei der Anschluss an die Mittelklasse gelang, setzten auf Kontinuität. Sie erlagen den völlig überzogenen Warnungen Rousseffs, dass ihr Herausforderer ihre Sozialprogramme gestrichen hätte.

"Knappe Siege bringen schnellere Resultate"

Dabei lagen die Kandidaten nicht weit auseinander. Auch der Sozialdemokrat Aécio Neves lobte die unter Lula eingeführten Wohlfahrtsprogramme Bolsa Familia und Minha Casa Minha Vida. Auch Rousseff sah eine Notwendigkeit für "mehr Wandel und Reformen", die sie bisher vernachlässigt hatte. Kein Wunder, dass sie ihrem Kontrahenten auf der Siegesfeier symbolisch die Hand reichte und ein Referendum für eine Politikreform ankündigte. "Manchmal in der Geschichte", so sagte sie, "bringen knappe Siege schnellere Resultate als große Siege."

Sie sagte auch: "Ich will eine viel bessere Präsidentin sein, als ich es bisher war."

Das muss sie auch. Viel Zeit bleibt nicht. Brasilien steckt tatsächlich in einer Krise. Die Inflation ist hoch (6,5 Prozent), das Wirtschaftswachstum gering (0,3 Prozent), die Neuverschuldung stark gestiegen. Jetzt rächt sich, dass die Regierung das Geld während der Boom-Jahre in den Konsum steckte, nicht in Investitionen und Reformen. Im ersten Halbjahr 2014 ist das Bruttoinlandsprodukt sogar geschrumpft. Zudem ist Rousseffs Arbeiterpartei tief in den Korruptionsskandal um das Staatsunternehmen Petrobras verstrickt. Die üblichen Probleme in Südamerika, wenn eine Partei zwölf Jahre an der Macht ist.

Die Technokratin Rousseff hat das erkannt und wird nach ihren äußerst knappen Wahlsieg den Ideologen ihrer Partei nicht weiter nachgeben. Auch vor ihrem Vorgänger Lula da Silva warnte damals die halbe Welt, und dann erwies sich der Arbeiterführer als pragmatischer Volksheld. Im Gegensatz zu Argentiniens Präsidentin Cristina Kirchner ist Rousseff weder besonders selbstverliebt noch dogmatisch. Ähnlich wie Angela Merkel sitzt sie lieber am Schreibtisch und versucht das Land voran zu bringen statt sich als Klassenkämpferin zu präsentieren.

Milliarden-Schäden durch Korruption

Die größeren Probleme sind struktureller Art. Brasiliens Bürokratie und kompliziertes Steuersystem sind völlig außer Kontrolle und verhindern die so wichtigen Investitionen aus dem Ausland. Die Korruption reicht bis in jede Ecke des täglichen Lebens und verursacht pro Jahr Schäden in Höhe mehrerer Milliarden Dollar. So sehr die Brasilianer ihr System satt haben, so zahlreich sie im vergangenen Jahr auf die Straße gingen, so schwer trennen sie sich doch von ihren alten Gewohnheiten, vom "Jeitinho", jenem kleinen Gefallen, der am besten mit einem großzügigen Trinkgeld vergütet wird.

Eine Woche lang wird man jetzt wieder die üblichen Drohungen der Brasilianer hören, dass sie nach Florida auswandern werden. Dort leben bereits 300.000 ihrer Landsleute. Aber die Reichen haben in Miami ohnehin schon ihren zweiten Wohnsitz. Sie fliegen übers Wochenende gern mal zum Shoppen hin, weil alles - von Kleidung über Sonnenbrillen bis Laptops - in den USA sehr viel billiger ist.

Spätestes zu Karneval kommen sie dann wieder zurück in ihr geliebtes Land.