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Präsidentschaftswahlen in der Türkei Erdogan sucht seinen Platz neben Atatürk

Er will reformieren und modernisieren: Recep Tayyip Erdogan macht der türkischen Bevölkerung große Wahlversprechen. Er will Atatürks Erbe antreten - aber auch die öffentliche Rolle des Islams stärken.

Recep Tayyip Erdogan will sich bei der Präsidentenwahl am Sonntag seinen Platz in den Geschichtsbüchern sichern. Als erster direkt gewählter Staatspräsident der Türkei will sich der 60-jährige religiös-konservative Politiker in die Gruppe großer Staatslenker und Erneuerer wie Staatsgründer Mustafa Kemal Atatürk einreihen. Nicht zuletzt deshalb treibt er gigantische Projekte in der ganzen Türkei voran. Doch einige Beobachter erinnern Erdogan daran, dass er als Präsident nur dann zu den Großen zählen kann, wenn er auch auf Andersdenkende zugeht.

Wie Atatürk, der 1923 die moderne Türkei auf den Trümmern des Osmanischen Reiches errichtete, sieht sich Erdogan als Modernisierer und Reformer. Er will aus der Türkei eine der führenden Volkswirtschaften der Welt machen, mit einem der wichtigsten und größten Flughäfen auf dem Globus und einer regionalen Machtstellung, an der niemand vorbei kommt.

Nicht nur mit dem Flughafenprojekt in Istanbul will er sich verewigen, sondern auch mit dem Aufbau eines Netzes von Hochgeschwindigkeitszügen und mit der Errichtung einer dritten Autobahnbrücke über den Bosporus in Istanbul. Ein neuer Kanal westlich des Bosporus gehört ebenfalls zu seinen Vorhaben, die er selbst als "verrückt" bezeichnet - verrückt in dem Sinn von: sowas traut sich sonst niemand.

Kritiker befürchten Errichtung eines Kalifats

In seinen Reden beschwört der Präsidentschaftskandidat Erdogan das Erbe der seldschukischen und osmanischen Herrscher und natürlich das von Atatürk. Bis zum hundertsten Republikjubiläum im Jahr 2023 sollen die wichtigsten Projekte verwirklicht sein. Mit etwas Glück, Gesundheit und weiteren Wahlsiegen wird der Staatspräsident im Jubiläumsjahr Erdogan heißen.

An diesem Sonntag will Erdogan den Grundstein dafür legen. Die Türkei brauche einen "Präsidenten, der läuft und schwitzt", statt nur im Amtszimmer zu sitzen und Gesetze in Kraft zu setzen oder Staatsgäste zu empfangen, sagte Erdogan kürzlich.

Doch seine Kritiker befürchten, dass er als Präsident - ganz anders als der Säkularist Atatürk - die öffentliche Rolle des Islam stärken will. Faruk Logoglu, Vizechef der von Atatürk gegründeten Oppositionspartei CHP, warf Erdogan im Gespräch mit AFP vor, ein "Kalifat", also eine religiöse Herrschaft, errichten zu wollen. Erdogan wolle das Präsidentenamt als Instrument benutzen, um sich selbst zum Anführer der islamischen Welt zu machen.

Erdogan-Gegner verweisen darauf, dass der Premier ganz offen von der Erziehung einer "frommen Jugend" spricht und seine Vision einer "neuen Türkei" als Gegenmodell zu den mehrheitlich von Säkularisten unterstützten Gezi-Straßenprotesten des vergangenen Jahres entwerfe. Die Gezi-Proteste richteten sich unter anderem gegen Einschränkungen des Alkoholverkaufs.

Erdogan vor Herausforderungen

In diesen gesellschaftlichen Gegensätzen, die von Erdogan teilweise bewusst vertieft wurden, sehen einige Beobachter die eigentlichen Herausforderungen an einen Präsidenten Erdogan. Trotz aller Erfolge der vergangenen Jahre habe es Erdogan nicht vermocht, die Türkei politisch und sozial im Sinne einer liberalen Demokratie zu verändern, sagt Soner Cagaptay, Türkei-Forscher an der US-Denkfabrik The Washington Institute.

Die Frage ist, ob ein Präsident Erdogan seinen bisher recht schroffen Stil ablegen und als Landesvater auch auf säkulare Türken zugehen würde. Erdogans Erbe als Staatsmann werde nicht zuletzt von der Antwort auf die Frage bestimmt werden, inwieweit er das Vertrauen verschiedener Teile der Gesellschaft erwerben könne und diesen das Gefühl vermittele, bei ihm als Präsident gut aufgehoben zu sein, sagte Sinan Ülgen vom Institut Carnegie-Europe in Brüssel der AFP. Über Erdogans Platz in den Geschichtsbüchern ist laut Ülgen noch nicht entscheiden: "Das geht nicht allein mit grandiosen Infrastrukturprojekten."

Fulya Özerkan, AFP AFP

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