Präsidentschaftswahlen in Taiwan Ringkampf vor den Augen Chinas

Ausgerechnet im Olympiajahr 2008 wird in Taiwan ein neuer Präsident gewählt. Die Kandidaten laufen sich schon jetzt warm. Der eine fordert die Unabhängigkeit des Landes sowie den Beitritt zur Uno, der andere dringt auf die Einheit mit China. Eine Reportage aus einem erhitzten Land.
Von Ellen Deng und Adrian Geiges, Taipeh

"Ihr seid Betrüger!", schreit Bankdirektor Huang Jinchang die Rentnerin Chen Xiangmei an, auf einem Gehweg unweit vom Präsidentenpalast. "Euer Präsident Chen Shuibian ist schamlos!", geifert sie zurück. Immer mehr Menschen sammeln sich, schlagen sich in dem Streit auf die eine oder andere Seite. Der Bankdirektor und seine Freunde tragen weiße T-Shirts mit der Aufschrift "Taiwan - mein Land", unterstützen damit die Aktion ihres Präsidenten Chen Shuibian für einen Beitritt der Insel zur UNO unter dem Namen "Taiwan".

"Unser Land hat eine eigene Regierung, eine Armee und eigenes Geld, wir sind ein souveränes Land und eine Demokratie, wir wollen unsere Würde", ruft eine Unabhängigkeits-Anhängerin. Ein Gegner erwidert: "Eure Unabhängigkeit wird von fast niemandem auf der Welt anerkannt, und die UNO wird uns auch nicht aufnehmen." Wenn man aus Peking kommt, überrascht einem an dem Streit vor allem, dass er stattfindet. In der Volksrepublik China würde die Polizei eine der beiden Gruppen festnehmen, wahrscheinlich beide.

Die Rentnerin und ihre Gesinnungsgenossen tragen rote Fahnen mit einer weißen Sonne auf blauem Grund im linken oberen Eck. Dies war die Flagge Chinas vor der kommunistischen Revolution 1949 - und ist bis heute die Flagge der Republik China, eines Landes, das kaum noch jemand unter diesem Namen kennt. Die meisten Menschen nennen die Insel mit 23 Millionen Einwohnern Taiwan. Und das möchte der amtierende Präsident Chen Shuibian jetzt zum Staatsnamen machen.

Ein Präsident in T-Shirt und Turnhose

Und da kommt er auch schon angerannt, ebenfalls in weißem T-Shirt und Turnhose, mit dem Dauerlächeln, das zu seinem Markenzeichen geworden ist, und mit einer Fackel in der Hand. Nein, kein Doppelgänger oder Maskenträger, sondern der Präsident persönlich. Mit Fackel für den UNO-Beitritt zu demonstrieren, ist eine Provokation gegen die Pekinger Führung.

Diese wollte im nächsten Jahr die olympische Flamme durch Taiwan laufen lassen, aber unter der Bedingung, dass auf dem Weg weder taiwanesische Fahnen zu sehen sind noch die taiwanesische Hymne gespielt wird. Die Taiwanesen gaben Peking einen Korb. Die Führung dort betrachtet Taiwan als abtrünnige Provinz. Am meisten fällt aber der Systemunterschied auf: Chinas Präsident Hu Jintao würde sich niemals im T-Shirt unter seine Landsleute mischen. Er redet zwar patriotisch, aber so weit reicht sein Vertrauen in seine Untertanen nun auch wieder nicht. Anders als Taiwans Präsident, den Chinas Staatsmedien gern als "sogenannten Präsidenten" bezeichnen, wurde Hu Jintao nicht von den Bürgern gewählt.

Ausgerechnet im Olympiajahr 2008 gibt es in Taiwan wieder Wahlen. Chen Shuibian kann nach zwei Amtszeiten nicht wieder kandidieren, für seine Demokratische Progressive Partei tritt Frank Hsieh an, heute ebenfalls im weißen T-Shirt und mit Fackel auf Marathonlauf für die Unabhängigkeit. Auch die Gegenpartei demonstriert an diesem Tag sportlich: Ma Yingjeou, der Spitzenkandidat der Nationalpartei Guomindang, radelt mit seinen Anhängern.

Widerspruch zwischen Einwanderern und Ureinwohnern

Er ist für die Einheit Chinas, weshalb Pekings Führung lieber ihn im Amt sehen würde. Unter kommunistischen Vorzeichen möchte er aber auch nicht vereinigt werden. Aus gutem Grund: Im Bürgerkrieg 1945 bis 1949 metzelten die Kommunisten die Guomindang nieder, ihre Aktivisten flohen nach Taiwan. Und schufen so eines der heutigen Dilemmas der Insel: Den Widerspruch zwischen den Ureinwohnern, zu denen der derzeitige Präsident Chen Shuibian gehört, und den Einwanderern, die sich als Chinesen verstehen.

"Chen Shuibian hat uns Einwanderer Schweine genannt", behauptet Rentnerin Chen Xiangmei, klammert sich an ihre Fahne und beginnt zu weinen. Der 85-jährige Liu Shanbin krempelt seinen Ärmel hoch und zeigt Wunden, die ihm die Japaner im Krieg gegen China zugefügt haben. Jetzt lebt er von der Sozialhilfe und schläft auf einer Strohmatte im Bahnhof, da er keine Wohnung mehr bezahlen kann. Er klagt: "Chen Shuibian nutzt das Geld, das wir mit Blut und Schweiß erarbeitet haben, um kleine Länder zu beschenken, damit sie die Unabhängigkeit Taiwans unterstützen."

Doch es sind nicht nur Alte und Ewiggestrige, die die Guomindang unterstützen. Taiwan ist tief gespalten in zwei Lager, die derzeit etwa gleich groß erscheinen. Oft sind es ausgerechnet die Kapitalisten, die gute Beziehungen zum kommunistischen China wollen. Dort stehen die Fabriken der taiwanesischen Unternehmen, denn in der Volksrepublik sind die Löhne deutlich niedriger - mehr als 200 Milliarden Dollar haben sie dort investiert. Fast die Hälfte der Exporte Taiwans geht auf das chinesische Festland.

Hot Pants, Sushi und bolivianische Musik

Ximenting, die absolute In-Zone der Hauptstadt Taipei: Die Girls tragen Hot Pants und hohe Stiefel, in den Restaurants isst man Sushi oder japanisches Grillfleisch, die Läden verkaufen Süßigkeiten in Kondom-Form und Kugelschreiber, aus denen das Stöhnen und Schreien eines weiblichen Orgasmus klingt. In der Fußgängerzone singen Musiker aus Bolivien. Bereits dagegen würde in der Volksrepublik die Polizei einschreiten.

Doch die freiheitsliebenden Jugendlichen sind eher unpolitisch. Viele haben sich noch nicht festgelegt für die Wahlen, andere halten den China-freundlichen Kandidaten Ma für einen "Gentleman", Chen Shuibian hingegen für einen "Bauern". Mit ihrer Freundin flaniert die 24-jährige Büroangestellte Heidi Wu, die auch Deutsch spricht. Sie meint: "Ich schere mich nicht um die Wahlen - und auch nicht um die Unabhängigkeit. Hauptsache, die Wirtschaft kommt wieder in Schwung!"

Außerhalb der Hauptstadt, wo viele Ureinwohner leben, hört man andere Stimmen. Etwa vom Hotelbesitzer Lin am Küstenort Jiufen im Nordosten der Insel: "China und Taiwan sollten zwei unabhängige und befreundete Länder sein, wie die USA und England." Über die Unabhängigkeit streitet man sich und von Freundschaft ist das Verhältnis Peking-Taipei derzeit weit entfernt. Zu hoffen bleibt, dass China eines Tages so frei und demokratisch wird wie Taiwan heute. Vielleicht wollen die Taiwanesen dann gern zu dem großen Wirtschaftsraum gehören...

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