Presseschau Kritik an Chrobogs Leichtsinn


Warum ist Jürgen Chrobog in den Jemen gefahren? Hätte er es nicht besser wissen müssen? In den Pressekommentaren zu seiner Entführung ist Kopfschütteln und Empörung zu spüren.

Auf der Homepage des Außenministeriums (AA) finden sich unter der Rubrik "Länder und Reise-Informationen" detaillierte Hinweise zur Lage im Jemen. "Es besteht ein allgemeines Risiko terroristischer Anschläge", heißt es dort, deshalb sei an Orten, wo sich viele Westler sammeln - Restaurants, Hotels, Clubs - besondere Vorsicht geboten. Der Text verweist auch darauf, dass allein dieses Jahr vier Touristen entführt wurden. "In allen Fällen waren Ausländer von einem Stamm festgehalten worden, um von der Regierung Gegenleistungen zu erpressen." Reisen in den Jemen, so ist der Homepage zweifelsfrei zu entnehmen, sind riskant. Eine Reisewarnung für den Jemen hat das Außenministerium jedoch nicht ausgesprochen. Ein Sprecher des AA betonte, dass es sich lediglich um "Sicherheitshinweise" handele, die der ehemalige Staatssekretär Chrobog alle befolgt habe. Einige Kommentare deutscher Tageszeitungen wollten dieser feinen Unterscheidung (siehe Kasten) nicht folgen.

"Was sind denn Reisewarnungen des Auswärtigen Amtes wert, wenn selbst Staatssekretäre sie für lächerlich halten, sobald sie diesem Amt den Rücken gekehrt haben?", empört sich die

"Berliner Zeitung"

in ihrem Kommentar. "Gewiss, Chrobog hat große Erfahrungen in der arabischen Welt, auch mit Banditen. Wie gesagt: Er war es, der vor zwei Jahren maßgeblich die Befreiung der Sahara-Geiseln vorantrieb. Hat ihn das sorglos gemacht? Hat er sich daran überhaupt nicht mehr erinnert? Beides wäre gleichermaßen fahrlässig."

Auch der Kommentator der "Süddeutschen Zeitung" kritisiert Chrobog, versucht dessen Leichtsinn aber zu erklären. "Die Chrobogs sind in Kenntnis des Risikos gereist, wohl aber in Verkennung der Gefahr. Gerade unter Menschen, die viel unterwegs sind, gibt es etliche, die glauben, weil ihnen noch nie etwas passiert ist und sie sich gut auskennen, werde ihnen auch nichts passieren. Das kann ein Trugschluss sein, wie der Fall Chrobog leider beweist."

Als besonders grotesk empfinden viele Kommentatoren der deutschen Tagespresse, dass Chrobog noch vor kurzem öffentlich vor Reisen in unsichere Gebiete gewarnt hat. "Wer sich in Gefahr begibt, muss das Risiko kennen", hatte er mit Blick auf die entführte Susanne Osthoff gesagt. "Selbst wenn er das Risiko kannte, hat er die Gefahr nun selbst grob unterschätzt", schreibt der Kommentator der

"Nürnberger Nachrichten"

. "Im jemenitischen Hinterland, das ist außenpolitisches Anfängerwissen, herrschen Stämme, nicht die Regierung in Sanaa. Chrobog musste das wissen und könnte, so Berlin den Entführern Zugeständnisse macht, zu einer schweren Hypothek werden für all jene, die nach ihm das Land bereisen wollen. Kein Ruhmesblatt für einen ehemaligen Top-Diplomaten."

Weit weniger lautstark als im Fall Osthoff wird die Frage thematisiert, welcher Art die "Zugeständnisse" sein könnten. Aber genau dieser Punkt wird weiterhin debattiert werden müssen. Nach dem Konsulargesetz ist der deutsche Staat verpflichtet, seinen Bürgern zu helfen, wenn sie im Ausland in die Gewalt von Geiselnehmern geraten. Aber gilt diese Pflicht auch dann, wenn vor Reisen in das betreffende Land explizit gewarnt wurde? Ist es denkbar, vor Reisen nicht nur zu warnen, sondern sie sogar zu unterbinden? Oder, anders gefragt: Welchen Preis sind die Deutschen bereit, für Entführungsopfer zu zahlen?

lk

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